Herrenhausen Sophies Welt

Nirgendwo ist Hannover so grün wie in Herrenhausen. Besucher wandeln in einem kaum veränderten Barockgarten, zwischen Blumen und unter hohen Linden. Kunst aus dem 17. und 18. Jahrhundert ist hier genauso zu finden wie die legendären Figuren der Künstlerin Niki de Saint Phalle.

Hannover - Vielleicht ist Hannover nirgendwo so schön wie in Herrenhausen. Zumindest ist es nirgendwo so grün. Dabei hat die niedersächsische Landeshauptstadt in dieser Hinsicht durchaus auch sonst Einiges zu bieten. Was Gartenbaukunst angeht, ist Herrenhausen allerdings herausragend - und das seit langem.

Der Große Garten, einer der wenigen kaum verändert erhaltenen Barockgärten Deutschlands, wurde bereits in der Zeit ab 1666 angelegt. Die Herrenhauser Allee, Hannovers schönste Straße, verbindet ihn mit dem Königsworther Platz und wird bereits seit 1727 durch Linden gesäumt, die inzwischen zugegebenermaßen neu gepflanzt werden mussten.

Hannover verdankt den Garten erstens der Prunksucht der dort residierenden Herzöge und zweitens einer klugen Frau namens Sophie. Sie kam aus dem englischen Adel und war die Mutter von Kurfürst Georg Ludwig, der 1714 die englische Krone erbte und als King George I. den Thron bestieg. Sophie war viele Jahre mit Ernst August verheiratet, einem provinziellen absolutistischen Herrscher aus dem Welfenhaus, der aus Osnabrück nach Hannover gezogen war.

Freizeitvergnügen in fürstlichen Gärten

Als Ernst August starb, bekam Sophie Herrenhausen als Witwensitz - ein Glück für sie und für Hannover. Denn die Kurfürstin mit dem grünen Daumen stürzte sich in die Gestaltung der Gartenanlagen - die Herrenhäuser Gärten wurden Sophies Welt. Ihr Hofgärtner Martin Charbonnier war ihr ein kongenialer Partner, und Hannover hat dadurch auch eine touristische Attraktion der ersten Liga bekommen.

Besucher fahren am besten nicht gleich bis zum Großen Garten - Herrenhausen nähert man sich besser zu Fuß. Ein idealer Startpunkt ist die Universität. Vom Welfenschloss, in dem die Uni heute untergebracht ist, führt die Herrenhäuser Allee schnurgerade stadtauswärts. Jogger, Inline-Skater und Radfahrer haben hier ihr Terrain und auch Hannovers Boulespieler ihren Treffpunkt. Der Verein "SG Allez Allee" spielt sogar in seinem Namen darauf an.

Im vorderen Teil der Herrenhäuser Gärten, dem Georgengarten, tummeln sich auch Hobbykicker und Sonnenbadende - die großen Liegewiesen bieten sich geradezu dafür an. Der Landschaftsgarten im englischen Stil ist wie gemacht zum Bummeln unterm Laubdach der Bäume, während ringsum die Vögel zwitschern. Dass man mitten in der Landeshauptstadt spazieren geht, die sich eine Zeit lang rühmte, besonders autofreundlich zu sein, ist hier schnell vergessen.

Stelldichein mit den Nanas

Verborgenes Stelldichein mit den Nanas

An der Seite des Georgengartens steht das Wallmoden-Schlösschen, das das Wilhelm-Busch-Museum beherbergt - und nicht weit entfernt ist der kreisrunde Leibniztempel mit seinen zwölf Säulen zu finden. Er erinnert an Georg Wilhelm Leibniz, der 40 Jahre lang in Hannoverschen Diensten stand und auch Kurfürstin Sophie bei der Planung des Garten beraten hat. Nur wenig entfernt liegt der Berggarten, der im 18. Jahrhundert zum Botanischen Garten umgestaltet wurde und in dem auch das Mausoleum steht, in dem etliche Herrscher begraben wurden.

Die Sommerresidenz auf dem Gelände des Großen Gartens ist dagegen verschwunden - zerstört im Zweiten Weltkrieg. Noch erhalten ist aber eine Grotte, die zur Weltausstellung Expo 2000 restauriert und dann von Niki de Saint Phalle umgestaltet wurde. Der 2002 verstorbenen Künstlerin verdankt Hannover auch die vollbusigen "Nana"-Figuren in der Innenstadt. Genauso fantasievoll und farbenfroh hat sie die Grotte gestaltet, die im Jahr 2003 eröffnet wurde.

Alle drei Räume sind mit Mosaiken aus Spiegeln und buntem Glas gestaltet, der rechte ganz in Blau. Er ist der "Nacht und dem Kosmos" gewidmet. Die für Niki de Saint Phalle typischen tanzenden Frauenfiguren gibt es hier im Halbrelief. Der Raum gegenüber heißt "Der Tag und das Leben" und glänzt vom Boden bis zur Decke in Silber - da hätten die barocken Erbauer der Grotte sicher Augen gemacht.

Blühender Rosengarten

Der Große Garten selbst beeindruckt schon durch seine Dimensionen. "Er allein ist 50 Hektar groß. Sophie hatte 60 Tagelöhner, die sich um ihn kümmern mussten", erzählt Ingrid Klingenberg bei einer Führung durch die barocke Anlage. Radfahren ist im Großen Garten verboten - den Gärtnern ist das angesichts der Entfernungen allerdings erlaubt. Schließlich sind allein die Buchsbaumhecken insgesamt mehr als 20 Kilometer lang. Per Hand geschnitten werden sie immer noch - allerdings nicht mehr mit scharfen Türkensäbeln wie in früherer Zeit.

In einigen Beeten blühen heute Blumen, die mit dem Barock nichts zu tun haben. Im Gegenteil, sie wurden erst viel später gepflanzt. Und so finden sich Tagetes, Nelke und Salbei - anspruchslose Dauerblüher, die auch in vielen Vorgärten stehen. Acht didaktische Gärten zeigen, wie sich die Gartenkunst entwickelt hat. Ein "niederdeutscher Rosengarten" gehört dazu, in dem es im Sommer kräftig blüht. Zu sehen gibt es jedenfalls mehr als genug: die Große Fontäne etwa, das "goldene Tor", das ebenfalls zur Expo neuen Glanz bekam, oder die Orangerie, in der heute Konzerte gegeben werden.

Eindrucksvoll in Herrenhausen ist auch die Verbindung zwischen Kunst und Natur - wie im 1693 eingeweihten Gartentheater, das so typisch für barocke Herrscher ist, die gerne im Freien ihren Spaß hatten. Vergoldete Bleistatuen säumen den Rand der Bühne - rund 900 Gäste haben davor Platz. Alleskönner Leibniz hat seinerzeit ein Stück geschrieben, das hier aufgeführt wurde. Unter den Schauspielern waren gleich mehrere gekrönte Häupter wie Kurfürst Georg Ludwig selbst.

Seiner Mutter Kurfürstin Sophie passierte vielleicht das Schönste, was für eine passionierte Gartenliebhaberin möglich ist: Sie starb im hohen Alter von 84 Jahren - bei einem Spaziergang durch den Garten.

Andreas Heimann, dpa

Reisetipps Herrenhäuser Gärten

Reisetipps Herrenhäuser Gärten

Anreise: Die Herrenhäuser Gärten sind gut mit den S-Bahn-Linien vier (Richtung Garbsen) und fünf (Richtung Stöcken) erreichbar.

Eintritt: Berggarten und Großer Garten sind im Sommer von neun bis 19 Uhr geöffnet. Die Eintrittskarte für beide kostet vier Euro.

Veranstaltungen: Im Sommer sind täglich von elf bis zwölf sowie montags bis freitags von 15 bis 17 die Wasserspiele mit der Großen Fontäne zu sehen. Am Wochenende beginnen sie nachmittags schon um 14 Uhr. Illuminationen, Wasserspiele und Barockmusik gibt es im Sommer abends jeweils am Dienstag, Freitag, Samstag und Sonntag.

Internet: www.herrenhauser-gaerten.de , www.hannover.de/de/tourismus/index.html .

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