Südnorwegen "Riviera" des Nordens

Segelyachten, Fischkutter und Motorboote kreuzen vor der Küste, und im Hinterland sagen sich Biber und Elche gute Nacht. Auf 200 Kilometer reiht sich in Südnorwegen ein hübsches Küstenstädtchen an das andere. Das idyllische Leben zog schon Künstler wie Edward Munch und Henrik Ibsen an.

Langesund - Nach einer Weile verschmelzen die Töne zu einer einzigen Symphonie: das Rauschen der Bugwelle, das Schwappen an der Bordwand, das sonore Tuckern des Schiffsdiesels und das Zetern der Möwen, die den Flaggenmast umkreisen. "Taxi" nennt sich das hier an der norwegischen Südküste, genauer: "Taxiboot". Es schippert einen hinein in die Welt der Inseln.

Kleine Felsen ragen aus einem in der Sonne funkelnden Teppich aus kräuselndem Wellenschlag - winzige Eilande, die saftiges Grün tragen und Schatten spendende Kiefern. In Weiß, Rot und Gelb gestrichene Ferienhäuschen lugen zwischen den Birkenhainen und Fliederbüschen hervor, in den sandigen Ausläufern felsiger Buchten baden Kinder. Auch ihr Lachen und Platschen mischt sich in das Lied dieser Riviera - der "Riviera des Nordens".

Beinahe lautlos gleitet das Kanu über den See. Es liegt eine nahezu unheimliche Stille über dem Wald. Nur das gelegentliche Eintauchen der Paddel ist zu hören und das leise Gurgeln, mit dem der flache Rumpf eine feine Spur in die spiegelglatte Oberfläche zieht. Das Wasser bleibt geheimnisvoll dunkel, trotz eines blauen Himmels, über den nur vereinzelt weiße Wattebäuschchen im Wind dahinziehen. In der Ferne quakt eine Wildente aus dem Schilf, und im dichten Unterholz des Ufersaums knackt es leise. Ist das ein Elch, den es zur Tränke zieht? Nein, mit einem weithin schallenden Klatschen lässt sich ein Biber in die Fluten fallen, taucht ab und wieder auf. Nur der Kopf ist zu sehen, der neugierig im Kielwasser dem Kanu folgt.

Jeder kommt auf seine Kosten

Das "Taxiboot" und das Kanu, die Geräuschsymphonie und die Stille - sie sind zwei Seiten einer Urlaubslandschaft, die dazu angetan ist, Familienstreitigkeiten zu beenden. Denn wenn die einen zum Faulenzen lieber in den warmen Süden möchten, die anderen aber Natur pur im hohen Norden suchen, ist der "Süden des Nordens" oft ein guter Kompromiss.

An den norwegischen Gestaden des Skagerrak liegt eine Ferienwelt für Wasserratten und Trapper, für Gesellige und Eremiten, für Biergartenfans und Kulturbeflissene, kurz: für die ganze Familie. Hier lässt es sich baden, surfen und tauchen, wandern, paddeln und radeln. Sogar Partygänger kommen hier auf ihre Kosten.

"Riviera Norwegens" nennen die Einheimischen jenen 200 Kilometer langen Saum, der sich von Sandefjord im Osten bis Kristiansand im Westen am Meer entlangzieht. Das ist natürlich etwas übertrieben. Andererseits hat die Natur es in der Tat gut gemeint mit dem "Sørlandet", dem Südland. Geschützt zwischen den Höhenzügen nach Schweden hin und der schroffen Gebirgskette der Westküste liegend, bleiben die Sommer hier meist trocken. Die Temperaturen klettern bis auf 27 oder 28 Grad Celsius, und dank des schützenden Schärengürtels erwärmt sich zumindest das Wasser der Lagunen auf 22 bis 23 Grad.

Die unberührte Natur ist gleich nebenan

Die unberührte Natur ist gleich nebenan

Was diese "Riviera" jedoch viel mehr von dem mediterranen Original unterscheidet, ist die Existenz zweier Welten, die so dicht beieinander liegen und doch vollkommen losgelöst voneinander scheinen. Mitunter sind es nur 10, 20 oder 30 Autominuten, die das umtriebige Leben der Küstenstädtchen von der Einsamkeit der Wälder trennen.

Soeben saß der Besucher noch im Biergarten eines Hafens, hat bei einem Eis das Kommen und Gehen der Segelyachten, Fischkutter und Motorboote bestaunt sowie das bunte Durcheinander der Auslagen in den engen Gassen mit ihren weiß gestrichenen Holzhäusern genossen. Und schon kurz darauf kauert er am Lagerfeuer, am Ufer eines Waldsees, inmitten unberührter Natur. Er hält seine Angel hinaus und wartet darauf, dass die Mahlzeit für den Abend bald anbeißen möge.

Wer diese Welt erkunden will, verlässt die Europastraße E 18, die sich wie ein roter Faden durch die Landschaft zieht, aber kaum mehr als flüchtige Einblicke gewährt. Er folgt lieber den verschlungenen, schmalen Straßen längs der Küste und ins Hinterland. Und er steigt gelegentlich vom Auto in ein schwimmendes Gefährt um, denn das Südland lässt sich am besten vom Wasser aus erleben. Bootstouren in den felsigen Inselgarten der Küstengewässer gibt es von allen Orten aus, und Kanus zur Erforschung der Geheimnisse im Landesinneren können Urlauber bei vielen Touristeninformationen leihen.

Wie Perlen an einer Schnur reihen sich die Küstenorte aneinander. Aus der Ferne schimmern sie wie weiße Farbkleckse im Grau der Felsen und im Grün der Vegetation, davor das ewige Blau der weiten See. Aus der Nähe setzen blühende Gärten und überbordende Blumenkübel bunte Tupfer zwischen die hellen Fassaden, altmodischen Sprossenfenster und verspielten Erker.

Wo einst die Walfänger das Sagen hatten

In den Gassen schwebt eine Geruchsmelange aus frisch gestrichenem Holz, lieblichem Blütenduft und der salzigen Brise vom Meer. Wenn dann aus einem geöffneten Küchenfenster noch die Kunde von frisch gebackenen Waffeln strömt, der Lieblingsspeise der Leute des Nordens, dann erliegt der Tourist endgültig der Sehnsucht nach einer "guten, alten Zeit": Er möchte anklopfen und hören, ob Oma nicht eine dieser Köstlichkeiten für den Fremden übrig hat.

Der Reigen der Küstenorte beginnt im Osten mit der einstigen Walfänger-Metropole Sandefjord und der Hafenstadt Larvik. Es folgen Brevik und Langesund mit seinen Fisch-, Shanty- und Musikfestivals. Das im Winter etwa 10.000 Bewohner zählende Kragerø, schon früher ein beliebtes Ziel für Norwegens Kunstszene von Henrik Ibsen bis Edvard Munch, verdoppelt im Sommer seine Einwohnerzahl alleine durch Gäste, die mit dem Boot kommen. In Risør findet jedes Jahr am ersten August-Wochenende das "Trebåt-Festival" statt, wo Touristen nicht nur hölzerne Boote aus dem ganzen Land bewundern können, sondern auch Einblick in die hohe Kunst der Schiffszimmerer, Segelmacher und Seiler erhalten.

Bei Elchen und Bibern

Bei Elchen und Bibern

Dann folgt Tvedestrand an der "Perlenschnur", idyllisch hineingeschmiegt zwischen zwei steile Bergrücken. Dort gibt es ein kleines Café am Ende des Fjords, wo Gäste auf einer schwimmenden Außenterrasse bewirtet werden und ein Verkehrs-Warnschild mal nicht den Elch im roten Dreieck zeigt, sondern darauf hinweist, dass mit einem die Straße kreuzenden Ober zu rechnen ist. Von hier aus starten auch Elch- und Bibersafaris unter kundiger Führung ins Hinterland.

Ganz anders präsentiert sich Arendal. Das einstige "Venedig des Nordens" ist alljährlich Ende Juli Schauplatz des norwegischen Laufs zur Off-Shore-WM, der lautstarken Formel 1 zur See. Wieder beschaulicher geht es in Grimstad und Lillesand zu, ehe Kristiansand mit städtischem Flair und entsprechenden Attraktionen lockt: Der "Dyreparken" ist eine Mischung aus Zoo für Jung und Alt sowie Erlebnispark für die Kleinen. Wer bisher noch keinen Elch, Luchs oder Wolf in der Natur zu Gesicht bekommen hat, kann das hier nachholen.

Anschließend können sich Reisende gleich nebenan in "Kardemomme by", der Stadt der Räuber von Thorbjørn Egner, zurück in die Kindheit entführen lassen: Am Abend treibt dort der grausame, aber zum Glück auch etwas tolpatschige "Kaptein Sabeltann" sein Unwesen auf einem See des Parks. Wer dagegen wilde Partys erleben will, stürzt sich am besten Anfang Juli ins "Quart-Festival", eine der größten Musikfeten des Nordens mit Rap, Techno, Pop und Rock.

Oase am Meer

Und wo bleibt die Ruhe? Zu finden ist sie beispielsweise auf Jomfruland. Die "Insel der Jungfrauen" entstieg in grauer Vorzeit den Fluten vor Kragerø und bietet, in diesen Breitengraden eine Seltenheit, schattige Buchenwälder. Dazu gibt es Sandstrände, ein paar Gehöfte und einen Leuchturm, aber so gut wie keinen Autoverkehr - ideal zum ungestörten Wandern. Überhaupt keine Autos gibt es auf Lyngøy, der zweiten Oase im Meer: Zwischen Risør und Tvedestrand liegt der Anleger für die Fähre zum fast gleichnamigen Inselhauptort Lyngør, der Zivilisationsgeschädigten Zuflucht bietet.

Stille Gewässer inmitten dichter Wälder gibt es im Hinterland so viele wie an der Küste die Muscheln am Strand. Man kann darin baden oder sie mit dem Kanu befahren. Oft liegen zwischen zwei Seen nur kurze "Portagen", über die Boot und Gepäck getragen werden müssen. Oder man entscheidet sich für das Seen-Gewirr von Vegårshei: Hier ragen angeblich so viele Inselchen aus dem Wasser wie das Jahr Tage hat. Man kreuzt, kurvt und wendet und entdeckt doch immer neue Ufer. Es ist ein Leben im Takt der Paddel. Am Abend wird das Zelt aufgeschlagen und den nächtlichen Geräuschen der Wildnis gelauscht.

Matthias Huthmacher, dpa

Südnorwegen - die Anreise

Südnorwegen in aller Kürze

Anreise: Fährverbindungen direkt an die norwegische Südküste bieten von Dänemark aus die Colorline (von Hirtshals nach Larvik und nach Kristiansand) sowie der Kystlink (von Hirtshals nach Langesund). Direktflüge an die Küste gibt es mit dem Billigflieger Ryanair von Hahn im Hunsrück und Bremen nach Sandefjord (Flughafen "Oslo-Torp"). Alternativen sind eine Anreise über Oslo sowie ein Flug mit Lufthansa oder der skandinavischen SAS zunächst nach Kopenhagen. Von dort aus fliegt die norwegische Airline Widerøe nach Sandefjord.

Formalitäten: Obwohl Norwegen nicht zur EU gehört, ist es ein "Schengen-Land". Bei Ferienaufenthalten bis drei Monate genügt der Personalausweis. Es dürfen zollfrei nur drei Liter Wein plus zwei Liter Bier (oder ein Liter Spirituosen, 1,5 Liter Wein und zwei Liter Bier) sowie 200 Zigaretten oder 250 Gramm Tabak eingeführt werden. Die Mitnahme von Kartoffeln, Eiern und Frischfleisch ist verboten.

Klima: Südländisches Flair verbreitet Norwegens Südküste vor allem von Juni bis August. Tagestemperaturen von mehr als 25 Grad sind dann keine Seltenheit, länger anhaltenden Regen gibt es eher selten. Zudem sind die Sommermonate die Zeit der Festivals.

Währung: Die Norweger halten an ihrer Krone fest und akzeptieren auch in den größeren Städten keine Bezahlung mit dem Euro. Für einen Euro gibt es etwa 7,75 norwegische Kronen (Stand: Juni 2007).

Infos: Innovation Norway, Postfach 11.33.17, 20433 Hamburg (Tel. 01805/00.15.48 für 14 Cent pro Minute), www.visitnorway.com , www.infosor.no , www.sorlandet.com 

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