Neues Hamburger Hotel Die Schanze und das Luxushotel

Eines der umstrittensten Hotelprojekte in Hamburg hat seine Tore geöffnet: Das neue "Mövenpick Wasserturm". Architektonisch spektakulär, meinen die einen, ein ungewollter Fremdkörper, sagen die anderen. Ein Besuch in der neuen Herberge zeigt, der Konflikt ist noch nicht gelöst.

Ziemlich genau gegen 22.35 Uhr macht es "Pock!".

Pock? Ein kurzer, dumpfer Laut, nichts Bedrohliches. Und noch einmal: Pockpock. Dann ist es vorbei.

Der Groschen fällt: Das sind Steine, und das muss man erklären. Es ist Dienstag, der 12. Juni 2007, ich liege in einem funkelnagelneuen Bett, das vor mir wohl noch niemand ausprobiert hat. Das kleine Zimmer ist ebenso stilvoll und neu wie ungewöhnlich. An der Stirnseite ist es merklich breiter als auf Höhe des Eingangs, was kein Wunder ist, denn der Bau ist rund: Ich habe das Vergnügen, zu den Erstbeschläfern von Hamburgs neuestem, über lange Zeit umstrittensten Hotel zu gehören - dem "Mövenpick Wasserturm" im Schanzenpark.

Der wiederum liegt im Schanzenviertel, und dort leben Menschen, die sich an der luxuriösen Nutzung des denkmalgeschützten Bauwerks kräftig reiben. Seit 2005 versuchten sie, den Bau zu verhindern, protestieren noch heute - wie zuletzt am Wochenende - dagegen. Denn der Einzug der "Bonzen" bedroht aus ihrer Sicht das gewachsene, zunehmend beliebtere Szeneviertel, vor allem aber die freie Nutzung des Parks. Wo Stretchlimousinen vorfahren, da werden Grills, Hunde mit Halstüchern und locker-sommerliches Park-Abhängen bald nicht mehr geduldet sein, heißt es.

Heiligendammige Gefühle im Schanzenpark

So reflexhaft wie die alternative Szene reagiert die Polizei auf deren Protest. Tag und Nacht wird der Bau bewacht, seit 2005. Fragen beantworten die Beamten vor Ort nicht. In ihren Gesichtern steht geschrieben, wie sehr sie die Situation nervt und langweilt - wer wollte ihnen das verdenken? Ansonsten gilt: "Rufen Sie unseren Pressesprecher an oder fragen Sie den Einsatzleiter. Aber den finden Sie hier nicht."

Hat da wer im Hintergrund "Nie!" gesagt? Bestimmt nicht.

Anders als draußen vor dem Haus, wo also heiligendammige Gefühle aufkommen und Belagerer und Bewacher hartnäckig ihre jeweilige Pflicht tun, herrscht innen eine ganze eigene Atmosphäre. Man betritt durch eine bewachte Schleuse ein halbdunkles, wohl temperiertes Wohlfühl-Reich, in dem höchst freundliche Menschen nur dazu da zu sein scheinen, dem Gast unaufdringlich zu Diensten zu sein. Ist das hier eine Sekte, oder freuen die sich wirklich alle, in "so einem schönen Haus" zu arbeiten, wie der Barmann sagt?

Verständlich wäre das.

Gerade nachts hat das Hotel eine ganz eigentümliche Atmosphäre. Gerade noch gut wahrnehmbar hört man in den Gewölben der öffentlich zugänglichen Räume und Korridore leise Wasser tropfen. Ein glaubhafter Lautteppich ist das, denn die abwechslungsreich gestylten Arbeitsecken ("Business Center") und Sitzgruppen der sich über zwei Stockwerke erstreckenden Bar "The Cave" schmiegen sich in Nischen, die zur originalen Baustruktur des Wasserturms gehören. Das ergibt die seltsamsten Blickwinkel.

Herrlicher Trum von Turm

Herrlicher Trum von Turm

Nur selten begegnet man anderen Menschen, in der Größe des Raums verläuft sich das, obwohl das Haus bereits in der ersten Woche "zu über 80 Prozent gebucht" war, wie Marketingleiterin Kathrin Wirth-Ueberschär versichert. Bei 226 Zimmern (150 bis 290 Euro plus 19 Euro Frühstück, am Wochenende ist das inklusive) kommt da schon eine ganz hübsche Gästeschar zusammen.

Doch dieser herrliche Trum von Turm ist 60 Meter und 17 Etagen hoch. Fitness-, Sauna- und Wellness-Bereich gehören zur Ausstattung, ein Konferenzzentrum mit Platz für bis zu 180 Personen und ein kühl gestaltetes, lichtreiches Restaurant für 145 Gäste.

Denen bietet man eine Karte, die nicht übertrieben vollgeschrieben ist: Von Vorspeisen über Salate bis hin zu Fisch und Fleisch gibt es vier, fünf Einträge - "gute Schweizer Küche mit mediterranen Einflüssen", erklärt Wirth-Ueberschär.

Was die im Übrigen eigentlich auch recht freundlichen Belagerer draußen wohl überraschen würde ist, dass dabei das Prinzip "große Teller, kleine Portionen" nicht gilt. "Wir zielen auf ein Publikum, das Stil und Ambiente zu schätzen weiß", sagt Wirth-Ueberschär, aber das dürfe gern auch beruflich oder auf Stadterkundung unterwegs sein. Ein "vernünftiges Preis-Leistungs-Verhältnis" wolle man denen bieten, ohne dass der Gast "die Portion auf dem Teller suchen muss". Sprich: Hier soll auch der hungrige Handelsvertreter satt werden.

Burger in Dino-Größe

Das kann er auch, weil sich die Preise als durchaus moderat entpuppen. Ein wöchentlich wechselndes Drei-Gänge-Menü inklusive Wein für zwei Personen für pauschal 45 Euro soll neugierige Gäste locken; wer à la carte isst, wird auch nicht arm: Rosa gebratenes Rückenfilet vom Heidelamm mit Paprikakompott und konfiertem jungen Knoblauch und Polenta ist auch "draußen" selten unter 18 Euro zu haben. Wer einfach nur satt werden will, isst einen Burger mit Beilagen für 9,50 Euro, den der Metzger offenbar aus einem Dinosaurier geschnitten hat. Bonzenpreise sehen anders aus.

Vielleicht gehe darum die ganze Reiberei auch bald vorbei, hofft der Barmann, "meinen Sie nicht auch?".

Sicher, da müssen sich nun eben zwei Kulturen aneinander gewöhnen. Marketingchefin Kathrin Wirth-Ueberschär hofft, den Zaun ums Haus schon abbauen lassen zu können, was leicht übereilt scheint, solange es nachts ab und zu noch "Pock!" macht im dritten Stockwerk. Bis dahin gilt, dass man in keinem guten Haus derzeit so sehr in Hamburg ist wie im Wasserturm - soziales Gefälle mit Reibungsflächen inklusive. Da genießt man in jeder Hinsicht Gipfelgefühle.

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