ICE/TGV Rausch der Geschwindigkeit

Premiere für die Deutsche Bahn und die französische SNCF: Zum ersten mal ist am Freitag ein ICE von Frankfurt nach Paris gestartet. Nahezu zeitgleich rollte der französische Hochgeschwindigkeitszug TGV im Stuttgarter Hauptbahnhof in Richtung Paris an. Beide trafen zeitgleich in der französischen Metropole ein.

Frankfurt/Main/Stuttgart/Paris - "Der deutsch-französische Motor läuft auf vollen Touren." Dieses oft strapazierte Politikerwort wird an diesem Freitag Wahrheit. 17.300 Kilowatt Leistung, mehr als 23.000 PS haben am Mittag einen französischen TGV und einen deutschen ICE von Osten in die Hallen der Pariser Gare de l'Est geschoben - in spektakulärer Parallelfahrt. Dennoch ganz ging der Plan nicht auf. Erst mit 35 Minuten Verspätung kamen die Züge an.

"Uns ging es nicht darum, pünktlich zu sein, sondern gemeinsam anzukommen", meinte ein Bahnsprecher entschudligend. Deshalb habe der ICE kurz vor Paris das Tempo gedrosselt, um auf den TGV zu warten. Statt um 12.37 Uhr traf der ICE mit dem TGV um 13.12 Uhr am Zielbahnhof ein.

Beide Züge waren am Morgen in Deutschland zur Premierenfahrt auf der neuen Strecke abgefahren. Startbahnhöfe waren Frankfurt und Stuttgart. Hartmut Mehdorn sprach von einem "historischen Tag" für die Deutsche Bahn und die SNCF. "Das Angebot von Frankfurt nach Paris ist nun gleichwertig oder noch besser als der Flugverkehr", sagte der Bahnchef überschwänglich bevor er in den Zug stieg. Die Menschen könnten nun zwischen Flugzeug, Auto und einem wettbewerbsfähigen Bahnangebot frei wählen. Seine Vision: Die Strecke Frankfurt-Paris ist die Initialzündung, um in Europa grenzüberschreitend mehr Verkehr auf die Schiene und mehr Gäste in die Züge zu bekommen.

Doch zurück zur Realität: Die jetzige Verbindung besteht unter anderem aus einer Neubaustrecke zwischen Paris und Lothringen, auf der die Regelgeschwindigkeit für beide Züge erstmals auf 320 Kilometer pro Stunde erhöht wurde. Und so wundert es auch kaum, dass die die Bahn und die SNCF das Ereignis als "Meilenstein in der europäischen Eisenbahngeschichte" feiern. Ab 10. Juni werden die beiden Strecken in den Sommerfahrplan mit aufgenommen.

Vier Stunden bis nach Paris

Nach sechs Jahren technischer und bürokratischer Vorbereitung soll die Kooperation beider Bahnen das Fahrgastaufkommen auf dieser Verbindung in den kommenden Jahren um 50 Prozent auf 1,5 Millionen jährlich steigern. Die Fahrzeit von etwa vier Stunden von Innenstadt zu Innenstadt gilt als konkurrenzfähig zum Flugverkehr. Der Ticket-Normalpreis beträgt 99 Euro in der 2. Klasse ab Frankfurt und 95 Euro ab Stuttgart für die jeweils gut 600 Kilometer langen Strecken.

Die neue Verbindung ist ein Quantensprung in mehrfacher Hinsicht: Einmal schrumpft die Fahrzeit um ein Drittel auf vier Stunden, was eine Zugfahrt auch für Business-Reisende wieder interessant macht. Zum zweiten wird die Regelgeschwindigkeit erneut hochgetrieben: von 300 auf 320 Kilometer pro Stunde auf dem Neubauabschnitt zwischen Paris und Lothringen. Dass noch mehr möglich ist, zeigte vor kurzem ein TGV in getunter Variante als er auf eben dieser Strecke den Weltrekord von 574,8 km/h fuhr.

Wenn die Technik nicht zusammenpasst ...

Wenn die Technik nicht zusammenpasst ...

Doch nicht nur die Geschwindigkeit ist das besondere an der neuen Strecke: Technisch wird es erstmals ermöglicht, dass die französischen und die deutschen Parallelentwicklungen der Hochgeschwindigkeitszüge auf einer Strecke und planmäßig ins jeweilige Nachbarland verkehren. Das war sowohl eine technologische wie auch eine bürokratische Herausforderung. Die Schnellfahrsysteme waren bislang eher von Konkurrenz- und Protektionismus- als von Kooperationsdenken geprägt, weil sie im Ausland gegeneinander antreten.

Die Zulassungsverfahren für ausländische Lokomotiven sind in Deutschland wie in Frankreich - und übrigens auch in den anderen EU-Ländern, allen gegenteiligen Politiker-Bekenntnissen zum Trotz - von hohen Hürden geprägt.

Da geht es um unterschiedliche Strom-, Signal- und Steuerungssysteme, aber auch um Kinkerlitzchen wie die Zeigerfarbe eines Manometers. Und das Verfahren dauert Jahre. Die Zulassungskosten für Frankreich für die fünf ICEs, die jetzt auf der Strecke fahren, beziffert die Deutsche Bahn auf 28 Millionen Euro.

Bei allen Bekenntnissen zur deutsch-französischen Freundschaft galt es auch emotionale Probleme zu überwinden: Neben dem technologischen Wettbewerb gehen hier immerhin die beiden größten Eisenbahnunternehmen der Europäischen Union eine Kooperation ein. In Jahrhunderte langer Tradition hat man hier jeweils sein Terrain eifersüchtig abgegrenzt und den anderen misstrauisch beäugt.

bei der jetzigen neuen Strecke geben die Franzosen das Tempo vor. Die Deutschen wollen mit Komfort und Service punkten. Das Personal sei dreisprachig, heißt es. Außerdem seien im ICE Ledersessel und die besten deutschen Weine zu finden. Na, dann Prost.

manager-magazin.de mit Material von ap und dpa

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