Washington Segeln im Zentrum der Macht

Das Capitol ist nicht weit entfernt und auch das Weiße Haus ist nicht fern. Mitten im Zentrum von Washington jagen Segelfans dem besten Wind hinterher, genießen Reiter einen Ausritt auf ihrem Pferd oder folgen Kajakfahrer den unberechenbaren Wellen des Potomac-Flusses: Das Freizeitleben in der US-Hauptstadt.

Washington - Das Wasser schäumt, Segelboote drängeln sich an der Startlinie. Die Sirene für den Countdown, barsche Befehle und selbst das Knattern der Segel gehen im Getöse von Turbinen unter. Schatten startender und landender Jets huschen übers Wasser und hinterlassen Luftwirbel, die wie kleine Tornados über die Oberfläche tanzen und von den Seglern respektvoll umschifft werden.

Hinter den Absperrgittern des Flughafens schimmert das Capitol im Sonnenlicht. Daneben der Obelisk des Washington Monuments und das Jefferson Denkmal. Schauplatz der Regatta ist die Washington Sailing Marina am National Airport rund eineinhalb Kilometer vom Weißen Haus.

Selbst im Winter sind die Segler nicht zu bremsen. Sie tragen dann wasserdichte "Dry-Suits". Die Faszination ist stärker als die Kälte und die lärmende Flughafenkulisse. Seit 41 Jahren gibt es den kleinen Yachthafen auf der Insel Dangerfield Island am Ufer des Potomac-Flusses, der die US-Hauptstadt durchzieht, und der hier, kurz vor der Mündung in die Chesapeake Bay, die Dimension einer Bucht erreicht.

Von der Kaimauer bis zur gegenüber liegenden Marinekaserne sind es mindestens zwei Kilometer. Der Fluss bietet reichlich Platz für Wenden, Halsen und Wettkämpfe. Rund 250 Privatboote von der Yacht bis zur Jolle liegen in der Washington Sailing Marina.

Motoryachten vor dem Pentagon

Es gibt Segelstunden für Anfänger und Kinder, eine ganze Flotte Boote steht zu vermieten, und im Sommer blüht auch das Geschäft mit dem Fahrradverleih. Der Radweg zur historischen Plantage des ersten US-Präsidenten George Washington in Mount Vernon führt zwölf Kilometer am Fluss entlang. Am Weg finden sich weitere Marinas und Segelschulen. Und auf der anderen Seite - am Binnenufer des Potomac - schaukeln riesige Motoryachten in der Columbia Island Marina direkt vor dem berühmten fünfeckigen Verteidigungskomplex, dem Pentagon.

Etwas flussaufwärts wird das Bett des Potomac enger und steiniger. Knapp 20 Kilometer westlich der Washingtoner Innenstadt fällt der nach einem Indianerstamm benannte reißende Strom auf seinem Weg von West Virginia zum Atlantik ungezähmt über riesige Felsen in eine 25 Meter tiefe Schlucht. Das sind die Great Falls - ein Naturschauspiel, das rund ums Jahr von Gischtwolken umnebelt ist und dessen wilde Strudel und Wirbel sich von Aussichtsplattformen auf beiden Seiten der Wasserfälle in Virginia und Maryland betrachten lassen.

Dieses Furcht erregende Whitewater ist vielen olympischen Kajakfahrern gerade recht für einen wilden Ritt durch die unberechenbaren Wellen des Potomac, dem mit 665 Kilometern Länge viertgrößten Fluss an der US-Atlantikküste. Jede Art von Schifffahrt ist auf diesem gefährlichen Abschnitt der Great Falls eigentlich streng verboten. "Aber es ist einfach die beste Übungsstrecke an der gesamten Ostküste", schwärmt die Olympia-Kandidatin Sarah Leigh.

Hier trainiert die Kajak-Elite

Hier trainiert die Kajak-Elite

Aus aller Welt kämen die Kajakfahrer zum Training. Und jeden Tag holen auch Amateure unterhalb der Great Falls ihre Ausrüstung vom Autodach, zwängen sich in hautenge Neopren-Anzüge, ergreifen das Paddel und kämpfen gegen die Stromschnellen flussaufwärts. Für weniger Wagemutige vermieten urige alte Bootsverleihs wie Jack's Canoes oder Fletcher's Boathouse Kanus auf halber Strecke, wo der Fluss noch kein stilles Wasser, aber auch kein wilder Sturzbach ist.

An der schnieken Uferterrasse des Vergnügungsviertels Georgetown wiederum beobachtet Washingtons Schickeria beim Nippen an der Margerita schweißgebadete Ruderer, die in Vierern und Achtern aus Thompson's Boathouse auf dem Fluss ihre Trainingsrunden drehen. Der Potomac ist populär - er wird auf seiner Reise zum Ozean von zahlreichen Zuflüssen gespeist. Einer davon ist der Rock Creek, der Steinbach. Mitten durch die Washingtoner Innenstadt plätschert das Wasser durch eine Grünanlage gleichen Namens: den Rock Creek Park.

Wer den Central Park in New York oder den Englischen Garten in München kennt, weiß, wie so eine grüne Lunge das Stadtbild verändert. Beim Rock Creek Park ist das nicht anders - allerdings ist er doppelt so groß wie der Central Park und urwüchsiger. Vom weltberühmten Washingtoner Kulturtempel Kennedy Center und am Zoologischen Garten vorbei bis in die Hügel von Maryland reicht diese 1890 errichtete grüne Oase.

Im Galopp durch den Park

Auf den großen Nord-Süd-Trassen der US-Hauptstadt, der Connecticut Avenue und der 16. Straße, die den Park flankieren, tobt der Berufsverkehr. Aber inmitten dieses Waldes mit seinen Wander- und Radwegen, Tennis- und Golfplätzen ist davon fast nichts zu vernehmen.

Der Kaltblüter Storm zuckt nur mit einem Ohr, als eine Ambulanz einen Häuserblock entfernt vorbeisaust. Der Belgier trottet auf einem Trampelpfad am Rock Creek entlang. Storm trägt keinen Sattel, er wird geritten, als lebe er in der Prärie des Westens und nicht mitten in Washington im Rock Creek Horse Center. Rund 65 Pferde sind in dem roten Holzgebäude untergebracht und werden von Angestellten des Parkservice, von ihren Reitern und Besitzern versorgt, trainiert, oder einfach nur zu einem Spaziergang am Rock Creek ausgeführt.

Washington mit all den Symbolen einer Weltmacht - Ministerien und Denkmälern, Capitol und Weißem Haus - scheint Lichtjahre entfernt. Dabei trennt oft nur ein Steinwurf die Erholungsgebiete von den politischen Schaltzentralen der US-Hauptstadt. Wasserspaß, Wandern, oder ein Ausritt durch scheinbare Wildnis - der Freizeitwert der als bürokratisch geltenden Beamtenmetropole wird so manchem Washingtoner erst auf einem Business-Trip beim Blick aus dem Flugzeugfenster klar: wenn auf dem Potomac eine Segelregatta vorbeijagt.

Tina Eck, dpa

Washington in Stichpunkten

Anreise: Der internationale Flughafen ist Dulles International Airport (IAD) in Virginia, rund 20 Autominuten vom Zentrum entfernt. Vom Baltimore/Washington Airport (BWI) gibt es eine Zugverbindung zum Washingtoner Hauptbahnhof Union Station. Viele Anschlussflüge aus New York, Chicago oder Charlotte landen am Washington National Airport in der Innenstadt. Für Deutsche besteht keine Visumspflicht, sofern sie für Geschäfts- oder Urlaubszwecke einreisen und nicht länger als 90 Tage bleiben. Erforderlich ist ein maschinenlesbarer Pass. Reisepässe, die nach dem 26. Oktober 2005 ausgestellt wurden, müssen zudem über biometrische Daten verfügen.

Klima: Washington hat im Winter, Frühjahr und Herbst vergleichbares Wetter mit dem mitteleuropäischen Raum. Im Sommer allerdings wird es sehr heiß und schwül.

Infos: www.washington.org , www.capitalregionusa.org 

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