Tempomacher TGV bricht Weltrekord

Wovon Bahnchef Hartmut Mehdorn vielleicht träumt, schafft die französische Bahn: Mit 574,8 Stundenkilometern katapultierte ein französischer TGV den Weltrekord für Schienenfahrzeuge in eine neue Dimension - nur Magnetbahnen fahren schneller.

Paris - Grelle Blitze zucken in der Oberleitung, eine gewaltige Staubwolke stiebt auf, die beiden Triebwagen röhren wie ein Düsenflugzeug: Als der TGV V150 am Dienstag auf halber Strecke von Straßburg nach Paris das Rekordtempo von 574,8 Stundenkilometern erreicht, stockt den Journalisten und Technikern an Bord für kurze Zeit der Atem. Als dann das Tempo ganz langsam nachlässt, machen sich Erleichterung und - bei einigen zumindest - Jubel breit. "Ich bin stolz, dass wir die Mission erfüllt haben", sagt Zugführer Eric Pieczac.

Lange hat sich die französische Bahn auf diesen Tag vorbereitet. Die neue Hochgeschwindigkeitsstrecke von Paris nach Straßburg wurde für den Rekordversuch extra präpariert. Der serienmäßige Zug, den die Konstrukteure wegen der zunächst angepeilten Geschwindigkeit von 150 Metern pro Sekunde V150 tauften, wurde mit größeren Rädern ausgestattet, die Maschine auf 25.000 PS hochfrisiert. Es reichte locker für das erste Ziel: den Weltrekord für schienengebundene Fahrzeuge, den ein TGV 1990 mit 515,3 km/h aufgestellt hatte, zu pulverisieren.

Gescheitert sind die Franzosen mit dem Versuch, die Marke von 581 Stundenkilometern zu knacken. Das Tempo erreichte vor vier Jahren die japanische Magnetschwebebahn Maglev. Auch wenn der Maglev nicht als klassischer Zug gewertet wird, ist sein Rekord die oberste Prestigelinie.

Wie im startenden Flugzeug

Von Enttäuschung wollte Zugführer Pieczac dennoch nichts wissen: "Die Landschaft jagte noch schneller vorbei als bei den Testfahrten", sagte er. "Alles klappte hervorragend." Warum er so kurz vor der japanischen Rekordmarke nicht weiter beschleunigte, behielt er zunächst für sich. Ein Risiko bestand laut Experten nicht. "Wir bleiben weit unter der kritischen Grenze", sagte der frühere SNCF-Manager Pierre-Louis Rochet vor dem Rekordversuch.

Ein Flugzeug begleitete das silber-schwarze Geschoss aus zwei Triebwagen und drei doppelstöckigen Waggons. Hunderte Menschen jubelten dem Zug zu, als er knapp 200 Kilometer vor Paris in Département La Marne mit seiner Höchstgeschwindigkeit mehrere Brücken passierte.

Die Rekordfahrt wurde von mehrere Fernsehsendern live übertragen. In vielen Büros versammelten sich die Menschen vor den Bildschirmen und verfolgten, wie der V150 der Marke von 581 km/h immer näher rückte - der Tachometer war im Fernsehen eingeblendet. An Bord des Zuges hatte man das Gefühl, in einem starteten Flugzeug zu sitzen.

Gemischte Gefühle in Deutschland

Gemischte Gefühle in Deutschland

Mit dem Rekord will Frankreich Werbung für seine Technologie machen und sich gegen den deutschen ICE und den japanischen Shinkansen in Szene setzen. Hersteller Alstom schätzt das Marktpotential auf 1000 Züge in den kommenden 15 Jahren. Mit Argentinien steht man bereits in Verhandlungen, der Zukunftsmarkt China ist fest im Blick.

Die Deutsche Bahn betrachtete die Leistung des westlichen Nachbarn daher mit gemischten Gefühlen. "Wir gratulieren natürlich, der Rekord zeigt, dass die Eisenbahn jung und dynamisch ist", sagt Sprecherin Christine Geißler-Schild. Gleichzeitig räumt sie ein, dass der TGV eine Herausforderung für den ICE ist. Vor allem, weil alle nationalen Gesellschaften ihre Züge quer durch Europa fahren lassen wollen.

In ein Wettrennen will die Bahn aber nicht einsteigen: "Mehr als 300 Stundenkilometer haben wegen der dichten Besiedlung in Deutschland keine Zukunft." Und so bleibt es vorerst bei der bescheidenen deutschen Spitzengeschwindigkeit von 406,9 km/h, die ein ICE schon vor 19 Jahren erreichte.

Immerhin kann sich der ICE 3 ab dem 10. Juni in Frankreich austoben: Dann wird die neue Strecke zwischen Straßburg und Paris in Betrieb genommen, auf der auch der deutsche Zug verkehren wird. Der ICE ist für 330 km/h zugelassen, aus Frankfurt am Main erreicht er Paris dann in vier statt sechs Stunden.

Ingrid Rousseau, ap

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.