Norderney Frühlingserwachen

Die Temperaturen steigen und die Insel Norderney erwacht aus ihrem Winterschlaf. Zahlreiche Wanderwege und eine weitläufige Dünenlandschaft laden im Frühjahr zu ausgiebigen Spaziergängen ein - ein Paradies für Strandläufer.

Norderney - Auf der Promenade sind die Möwen nicht mehr unter sich. In den Wochen vor Ostern sind immer mehr Spaziergänger unterwegs, ältere Semester vor allem und Familien mit kleinen Kindern, von denen etliche schon am Strand buddeln und die ersten Sandburgen der Saison bauen. Aber im Vergleich zur Hauptsaison geht es ruhig zu: Im Sommer kommen zu den 6000 Insulanern an manchen Tagen noch bis zu 40.000 Gäste, im Frühling ist nur ein Bruchteil davon auf der Insel.

Auch wenn es direkt am Wasser ziemlich frisch sein kann und Spaziergänger die Mütze noch etwas tiefer ins Gesicht ziehen - der Himmel ist blau, und am Strand sieht es schon fast aus wie im Sommer: Drachen fliegen am Himmel und machen den Möwen die Lufthoheit streitig. Vor den Dünen haben sich schon ein paar Unerschütterliche im Sand ausgebreitet. Nur im Wasser ist niemand zu sehen - die Nordsee hat im Frühjahr noch Temperaturen, über die sich nicht ernsthaft diskutieren lässt. Und auch am FKK-Strand ist nichts los.

Norderney, die nach Borkum zweitgrößte der sieben ostfriesischen Inseln, ist 14 Kilometer lang - und nur der Inselwesten ist bebaut. Das bedeutet viel Platz für Strandläufer und für ausgiebige Wanderungen durch die weitläufige Dünenlandschaft, die auch im Frühling ihre Reize hat. Wer es sich leicht machen will, kann einen Teil der Strecke mit dem Bus zurücklegen und dann zurücklaufen. Aber es lohnt sich, alles zu Fuß anzugehen. Die Insel hat ein gut ausgeschildertes Wanderwegnetz und ist außerhalb des Inselortes am schönsten.

Norderney war einmal die erste Adresse für den Urlaub an der Nordsee. Die Liste der Gäste liest sich wie das Who-is-Who des 19. Jahrhunderts: Heinrich Heine war genauso hier wie Theodor Fontane, Otto von Bismarck, der König von Hannover und jede Menge adlige B-Prominenz in dessen Gefolge. Aber die Rolle der angesagten Nobel-Insel ging nach dem Zweiten Weltkrieg an Sylt verloren. Und so mancher Klotz an der Strandpromenade wirkt heute wie aus einem Lehrbuch über Bausünden aus den siebziger Jahren.

Einige Projekte weisen zum Glück in eine ganz andere Richtung: Die Milchbar an der Promenade etwa mit ihrer neuen großzügigen Glasfassade, die freien Blick auf die Nordsee ermöglicht, ist so ein angenehm auffallender Kontrast. Genau wie das neue "bade:haus", in dem Wellness-Urlauber in Meerwasser-Pools oder der Sauna entspannen.

Zu den überragenden Bauwerken der Insel zählt seit 1874 der Leuchtturm aus rotem Backstein. Geöffnet ist er nur zwischen April und Oktober. 273 Stufen führen bis nach oben. Von dort reicht der Blick bis zum Festland, wo sich ein Dutzend Rotoren der Windkraftanlagen drehen, und auf die Start- und Landebahn des Inselflughafens. Von hier starten regelmäßig kleine Maschinen etwa nach Norddeich oder zu den Nachbarinseln, aber auch zu Rundflügen über Norderney.

Glitzerndes Watt

Glitzerndes Watt

Der Leuchtturm liegt an einem Wanderwege-Knotenpunkt: Von hier aus geht es auf direktem Weg zurück in die Stadt, zum einsamen Ostende der Insel oder auch in Richtung Strand zur Weißen Düne. Direkt am Übergang zwischen Dünenkamm und dem breiten, weißen Sandstrand hat seit mehr als 40 Jahren das Restaurant "Weiße Düne" seinen Platz. 2005 wurde es buchstäblich neu aufgemöbelt und ist jetzt mit seiner Lounge-Atmosphäre das ideale Ziel für Strandspaziergänger.

In Höhe der Weißen Düne ist der Strand überraschend breit. Die Frühlingssonne lässt den Wattboden glitzern und glänzen. Ein Seestern liegt am Spülsaum. Herz-, Schwert- und Trogmuscheln hat die Brandung zu Tausenden am Ufer zusammengeschoben, an manchen Stellen liegen sie mehrere Zentimeter übereinander - Muscheln sammeln könnte gar nicht einfacher sein. Auch Miesmuscheln gibt es - die in der Nordsee nach wie vor in großem Stil gefischt werden. Bei Herzmuscheln ist das inzwischen verboten.

Fischer gibt es auf Norderney nicht mehr - der letzte gab 1976 auf. Das liegt auch daran, dass viele Fischarten inzwischen bedroht sind: Norderney war einst eine Hochburg für den Schellfischfang, und auch Schollen gab es reichlich. Das ist vorbei. Wer sich näher mit dem Thema beschäftigen will, ist im Nationalparkhaus am Hafen genau richtig. Dort gibt es eine Reihe von Schaubecken, die zeigen, was rund um Norderney unter Wasser los ist: Strandkrabben oder Seesterne lassen sich sogar in die Hand nehmen, im Nachbarbecken wohnt der Hummer Waldemar, ein eindrucksvolles Exemplar seiner Gattung mit einer Lebenserwartung von locker 100 Jahren.

Seehunde gibt es vor Norderney in großer Zahl - sie sind auf einer Sandbank auch von der Fähre aus zu sehen. Gerade im Frühjahr verirren sich jüngere Tiere schon einmal an den Strand - Abstand halten ist dann geboten, Seehunde können zubeißen.

Fünf Wale sind nach dem Zweiten Weltkrieg auf Norderney gestrandet - Teile eines Zwergwalskeletts sind im Nationalparkhaus zu sehen. Noch viel häufiger sind Schweinswale, die vor allem im Frühjahr rund um Norderney zu sehen sind. Als Otto von Bismarck in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf Norderney Urlaub machte, gehörte es noch zu den üblichen Freizeitbeschäftigungen, "Delfine" zu schießen - Bismarck selbst berichtete davon. Allerdings dürfte der zoologisch unbeleckte spätere Reichskanzler in dem Punkt schlicht Delfin mit Schweinswal verwechselt haben.

Kein Irrtum möglich ist dagegen bei dem kapitalen Schwertfisch, der 1994 am Nordstrand angetrieben wurde und nun ebenfalls im Nationalparkhaus gezeigt wird: Was er vor Norderney wollte, ist nicht klar. Vielleicht war er ein Vorbote der globalen Erwärmung und folgte Makrelenschwärmen in den Norden - eigentlich ist er in diesen Breiten nicht zu finden.

Anders als die Nordseekrabben, Granat genannt, die auf Norderney fast überall auf der Speisekarte stehen. Meistens haben sie einen langen Weg hinter sich: Denn gefangen wird Granat zwar vor der Küste, zum Pulen aber tiefgekühlt nach Marokko gebracht und von dort zurück nach Norderney - zusammen 5000 Kilometer, Wahnsinn der Globalisierung.

Andreas Heimann, dpa

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