Bayern Viele Wege führen zum Papst

Während Papst Benedikt XVI. Ostern tausende Wallfahrer auf dem Petersplatz in Rom begrüßt, freuen sich die bayerischen Orte, die der Papst im vergangenen September besuchte, über viele neue Gäste - auf den Spuren der Papst-Pilger.

Altötting/Regensburg/Marktl - Mit jovialer Geste drehte der Heilige Vater im Hubschrauber eine Extrarunde über seinem Geburtsort Marktl am Inn, winkte vor der Weiterreise nach Regensburg lässig aus dem Fenster. Spuren indes hat im September 2006 die sechstägige Heimatreise von Papst Benedikt XVI. durch Niederbayern an all ihren Stationen hinterlassen: in den Gästebüchern der Gotteshäuser, in den Herzen der Menschen - und in den Kassen der Gastronomen.

Was in Kurverwaltungen und Touristikbüros längst als sicher galt, wird jetzt durch die Erhebungen des Bayerischen Landesamtes für Statistik zur Gewissheit: Benedikts Reise hat dem Fremdenverkehr in den besuchten Orten spürbare Impulse beschert.

Die Gegend hat es verdient. Zum Beispiel Regensburg: Seitdem der Pontifex auf dem Islinger Feld mit 230.000 Pilgern die Messe gefeiert und später im Regensburger Dom St. Peter eine ökumenische Vesper zelebriert hat, kommen Monat für Monat zehn Prozent mehr Übernachtungsgäste als ein Jahr zuvor. Sie erleben ein mittelalterliches Ensemble, das kaum eine andere deutsche Stadt zu bieten hat. Die Kaufleute der alten bayerischen Hauptstadt, die durch Fernhandel über die Donau mit Wein, Salz und teueren Tuchen reich geworden waren, ließen eindrucksvolle Patrizierhäuser, Geschlechtertürme und Stadtpaläste errichten, die an toskanische Städte erinnern.

Seit 2006 zählt Regensburgs Altstadt mit ihren terrakottagetönten Fassaden, ihren gotischen Wandmalereien und Renaissance-Fenstern zum Weltkulturerbe er Unesco. Der Dom gilt als bedeutendste Kathedrale Süddeutschlands und ist jeden Sonntag erfüllt vom Gesang der Regensburger Domspatzen, deren Leiter der Bruder von Papst Benedikt, Georg Ratzinger, über viele Jahrzehnte war.

Zum Beispiel Altötting: In Bayerns ältestem und berühmtesten Wallfahrtsort, wo der Papst 60.000 versammelte Gläubige zu einer neuen Marienfrömmigkeit aufrief, schnellte die Zahl der Übernachtungen im Jahr 2006 auf 98.600 hinauf, nachdem sie in den Vorjahren um jeweils mehrere Tausend auf 83 000 abgesunken war. Altötting ist wieder "in".

Bemerkenswert nennt Verkehrsdirektor Herbert Bauer den steigenden Anteil von ausländischen Gästen. Neben den Pilgern aus Österreich finden mehr und mehr Italiener, Polen und zunehmend auch Nordamerikaner den Weg zur Gnadenkapelle und zur sagenumwobenen Schwarzen Madonna. Die Figur stammt aus Burgund, kam um das Jahr 1300 nach Altötting, ist aus Lindenholz geschnitzt. Schwarz wurde sie vom Ruß der vielen Kerzen, die vor ihr aufgestellt werden. Denn Jahr für Jahr pilgern mehr als eine Million Wallfahrer hierher.

Altötting frohlockt: Nach einer aktuellen Studie stieg die Bekanntheit des Wallfahrtsortes durch den Papstbesuch auch in nördlichen Bundesländern von unter 60 auf über 70 Prozent. Und: Quer durch Deutschland bekundete fast ein Viertel aller Befragten Interesse an einer Pilgerreise. "Hochgerechnet bedeutet das 20 Millionen Deutsche - ein riesiges Potenzial", freut sich Herbert Bauer.

Am Schoß der Schwarzen Madonna

Beispiel Marktl am Inn, 2700 Einwohner, Geburtsort von Papst Benedikt XVI., 13 Kilometer von Altötting entfernt: Bei nur 80 Gästebetten kann Tourismus-Geschäftsführer Stephan Semmelmayr zwar keine steigenden Übernachtungszahlen melden. Die Zahl der jährlichen Tagesgäste hat sich aber seit der Wahl des Papstes im April 2005 von 2000 auf 200.000 mal eben verhundertfacht.

"Wo früher nur Einheimische in den Wirtshäusern saßen, ist heute an guten Tagen kein Tisch mehr frei", beschreibt Semmelmayr. "Und unser bayerischer Schweinebraten steht ganz oben auf der Speisekarte." Im beschaulichen Marktl ist der Teufel los. Längst gibt es Benedikt-Torte und Papst-Bier; unterdessen hat die frühere Besitzerin des Benedikt-Geburtshauses - genervt vom Medienrummel - das Haus verkauft.

"Ein Dorf wird Papst" - so hat der in Altötting geborene Journalist Hannes Hintermeier sein Buch über Marktl genannt. Mit profunden Kenntnissen um die religiösen Befindlichkeiten der Region und stets mit kritischer Distanz beschreibt Hintermeier den blitzartigen Wandel der Gemeinde vom verschlafenen Dorf zur Massenkultstätte.

Es ist nicht das einzige Stück Literatur, das anlässlich der sechs bayerischen Papst-Tage gedruckt wurde. "Bilder, Begegnungen, Ansprachen - Papst Benedikt XVI in seiner Heimat" heißt ein Bildband, den die im oberbayerischen Traunstein geborene Vatikan-Korrespondentin Crista Kramer von Reisswitz zusammengestellt hat. Schwerpunkt bildet die ungekürzte Wiedergabe von Benedikts Messen, Predigten und Ansprachen in Bayern.

"Auf den Spuren von Papst Benedikt in Bayern" haben Christian Prager und Johanna Kolf ihren Bildband betitelt, der ebenfalls zur Papstreise erschienen ist. Sie beschreiben nicht die Reise, sondern Kindheit, Schulzeit und Karriere von Benedikt XVI. und führen den Leser dabei von Marktl und Altötting über Tittmoning, Aschau, Traunstein, Freising und Regensburg bis nach München. Für Urlauber auf den Spuren des Pontifex dürfte dies die ergiebigste aktuelle Reiselektüre sein.

Der Fernsehdirektor des Bayerischen Rundfunks Prof. Gerhard Fuchs schließlich hat den Bildband "Papst Benedikt XVI. in Deutschland" herausgegeben, in dem mehrere Fernseh- und Rundfunkjournalisten den Papstbesuch aus ihrer Sicht beschreiben - Chronologie eines Medienspektakels, das in keiner Zeile die Fasziniertheit seiner Autoren von der Papstfigur verhehlt.

Benedikt ist Superstar, daran besteht auch sechs Monate nach seinem Besuch in Bayern kein Zweifel. Doch die Welt dreht sich weiter. Wenn "unser" Papst am 16. April in Rom seinen 80. Geburtstag feiert, werden dort Hunderttausende von Gläubigen erwartet. Schon jetzt sind zu diesem Termin im Großraum Rom die Hotelzimmer knapp. Auch Marktl am Inn hat ein kleines Geburtstagsprogramm vorbereitet. Unter anderem wird Benedikts Geburtshaus als Begegnungsstätte eröffnet. Tourismus-Chef Semmelmayr rechnet daher am Wochenende nach Ostern mit "mehreren hundert Besuchern". Die Feste werden gefeiert, wie sie fallen.

Thomas Voigt, ddp

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