Niederlande Und täglich klappert die Mühle

Romantisch und Respekt einflößend rotieren die Flügel - die Niederlande feiern 2007 das "Jahr der Windmühlen". Die eine oder andere Anlage gehört bereits zum Unesco-Welterbe. Ohne die Mühlen sähe Holland heute ganz anders aus.

Schermer - Wuchtig kreisen die Windmühlenflügel, von einer leichten Brise angetrieben. Ihr etwas bedrohlich klingendes Rauschen warnt Neugierige davor, sich zu nah heran zu wagen. Die fast 30 Meter aufragenden Gebilde nötigen aus der Nähe einigen Respekt ab. In den Niederlanden, dem Land der Windmühlen schlechthin, ist ihre aus purer Natur gespeiste Kraft nicht wegzudenken. Sogar ihre eigene Stiftung haben sie: "Hollandse Molen" - und diese hat 2007 zum "Jahr der Mühlen" erklärt.

"Durch sie haben wir trockene Füße bekommen", witzelt Leo Endedijk, Direktor von "Hollandse Molen". Tausende Mühlen haben einst geholfen, die Polder - durch Eindeichungen gewonnenes Land - zu entwässern, sie zu bebauen, zu bepflanzen und dem Vieh als Weide nutzbar zu machen. "Wir haben sie nicht erfunden, wir haben nicht die meisten, aber sie sind Teil unserer Geschichte", sagt Endedijk.

An manchen Orten ist der Jahrhunderte alte Kampf gegen das Wasser noch gut nachzuvollziehen - etwa im Polder Schermer nordwestlich von Amsterdam. Anfang des 17. Jahrhunderts, in dem die Niederlande eine große Handelsmacht wurden, beschlossen reiche Amsterdamer Kaufleute, den See Schermer trocken zu legen und das Land dann zu verkaufen. So war man bereits mit dem benachbarten Beemstersee umgegangen: Die älteste Trockenlegung gehört heute zum Weltkulturerbe der Unesco.

Ausgeklügeltes Kanalsystem

Mit dem Auto oder besser mit dem Fahrrad oder gar zu Fuß kann der Schermer durchstreift werden. Beim Touristenbüro, etwa dem "VVV" in Alkmaar, gibt es Landkarten. Heute stehen noch elf Windmühlen in dem Polder, eine davon dient als Museumsmühle und kann besichtigt werden. Aber es brauchte mehr als 50 Mühlen, um den See leer zu pumpen. Sie trieben Schöpfräder an, später Fleischwölfen ähnliche Spiralen. Doch konnte das Wasser immer nur etwa einen Meter höher befördert werden. Deshalb wurden oft mehrere Mühlen in eine Reihe gesetzt, um so den Höhenunterschied zum obersten Kanal stufenweise zu überwinden. Ein ausgeklügeltes Kanalsystem führte das Wasser in die Nordsee ab.

Die exakt rechtwinklig gezogenen Entwässerungsgräben zeigen noch heute die vor bald 400 Jahren vorgenommene Aufteilung des Polders. Flach liegt das Land unter einem endlosen Himmel - an seiner tiefsten Stelle vier Meter unter dem Meeresspiegel. Das lässt ahnen, welch gewaltige Arbeit die Entwässerung bedeutete. Erst 1929 machten drei große elektrische Pumpwerke die Menschen im Schermer unabhängig von der unsteten Kraft des Windes. Doch die übrig gebliebenen Mühlen sind nach Renovierungen alle noch einsatzbereit.

Fred Oudejans ist ausgebildeter Müller, wohnt mit seiner Familie in einer Mühle und betreut außerdem das Museumsstück. Er kann sich nichts Schöneres vorstellen: "Ich sehe die Sonne aufgehen und sehe sie wieder untergehen", schwärmt er von dem weiten Land. Aber es ist keine leichte Arbeit: Wenn die gewaltigen Mühlräder kreisen, darf er sie kaum aus den Augen lassen. Wenn nötig, muss er sie dem drehenden Wind nachführen: Die Achse läuft durch das auf Rollen gelagerte und daher von innen drehbare "Obergeschoss" des Holzgebäudes.

Als die Flut kam...

Renovierung nötig

In einer Mühle zu wohnen ist romantisch, aber auch spartanisch. Die Räume sind eng und verwinkelt, die Fenster schmal. Wegen des Denkmalschutzes darf nichts wesentlich verändert werden. "Ich kann nicht einfach einkaufen, alles muss angepasst werden", berichtet Oudejans, den das aber nicht stört. Für eine Spülmaschine ist kein Platz. Sohn und Tochter müssen sich ein Zimmer teilen.

Die vielen Freiwilligen, die die alten Gebäude nutzen und in Stand halten, sind unverzichtbar, um die noch 1050 Windmühlen in den Niederlanden zu erhalten. Die Mühlen-Stiftung wird finanziell auch vom Staat unterstützt. "Rund 30 Prozent brauchen eine Renovierung", sagt Direktor Endedijk. Um das wertvolle Erbe im Bewusstsein zu halten, hat "Hollandse Molen" das "Jahr der Mühlen" ausgerufen.

Freilich soll dieses auch Touristen ansprechen - zum Beispiel in Kinderdijk, wo wie in Schermer ein ganzes Mühlensystem noch erhalten ist. Auch diese Anlage in der Nähe von Rotterdam gehört zum Unesco-Weltkulturerbe, sie hat aber eine ganz andere Geschichte als die Schermer-Mühlen: Hier ging es nicht um das Gewinnen von Land, sondern um das Beseitigen von Überschwemmungen. "Unsere Mühlen sind aus Reichtum entstanden, die in Kinderdijk aus Not", sagt Müller Oudejan.

Kraft der Natur

Der kleine Ort liegt dicht an dem heute hoch eingedeichten Fluss Lek, einem der Mündungsarme des Rheins. Von Rotterdam aus werden Schiffsausflüge dorthin angeboten. In zwei langen Reihen stehen sich die Mühlen gegenüber und schöpfen aus zwei Entwässerungskanälen. Zwischen den beiden Kanälen führt ein Weg entlang, von dem aus sich für Fotografen viele Perspektiven auf die alten Mühlen bieten.

Hier fallen auch die unterschiedlichen Bauweisen auf: Auf der einen Seite stehen acht runde, auf der anderen Seite acht achteckige Türme. Unter letzteren ist auch die Windmühle mit dem größten Flügeldurchmesser der Niederlande: 29,56 Meter.

Etwas abseits, nicht zum System gehörend, ist eine "Wippmühle" zu sehen. Nur noch knapp 70 von ihnen stehen in den Niederlanden. Eine Wippmühle besteht aus einem festen, pyramidenartigen Sockel, auf dem das viereckige Haus mit den Flügeln drehbar gelagert ist. Das Schöpfrad ist außen angesetzt, während es bei den anderen Mühlen im Inneren läuft. Aber auch in Kinderdijk ist längst die Neuzeit angebrochen: Die gewaltigen Schöpfspiralen des elektrisch betriebenen Pumpwerks lassen jede Windmühle wirklich alt aussehen.

Thomas P. Spieker, dpa

Mehr lesen über