Sotschi Perle der russischen Riviera

Noch ist viel Fantasie vonnöten, will man das russische Sotschi in einem Atemzug mit den Nobelskiorten St. Moritz und Aspen nennen. Doch mit der Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2014 hat sich Russland ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Aus der Stadt am Schwarzen Meer soll ein Urlaubsort der Weltklasse werden.

Sotschi - An einem trüben Nachmittag stehen in Sotschi Arbeiter knöcheltief im Schlamm, um einen Touristenbus mit einem Feuerwehrschlauch aus einem tiefen Schlagloch zu ziehen. Doch die Dinge sollen sich schon bald ändern: Nur einige hundert Meter von dem fest steckenden Bus entfernt bauen türkische Unternehmen Luxus-Chalets. Daneben steigen Skifahrer in einen modernen österreichischen Lift. Oben auf dem Berg sorgen brandneue Schneeraupen für optimale Pistenverhältnisse.

"Wir wollen aus Sotschi einen Winterurlaubsort der Weltklasse machen",sagt Russlands stellvertretender Ministerpräsident Alexander Schukow und zeigt stolz auf die neue Technik. Ein Teil der Bemühungen ist mit der Bewerbung als Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2014 verknüpft. Aber die Ambitionen gehen darüber hinaus: Für Präsident Wladimir Putin soll Sotschi ein Symbol für den Wohlstand des Landes werden und den wiedererwachenden Nationalstolz weiter stärken.

Der Putin-Faktor

Die Urlauber haben dem einst belieben Sommer-Ferienort der sowjetische Elite den Rücken gekehrt und sich Reiseziele zumeist im Ausland gesucht. Aber dann kam Putin. Im Winter fuhr er Ski, im Sommer lud er ausländische Staats- und Regierungschefs in seine Villa bei Sotschi ein. Schließlich stellte er noch zwölf Milliarden Dollar bereit, um den Tourismus in der Region neu zu beleben.

"Lassen Sie uns offen sein", sagt der Immobilienmakler Eduard Filippow. "Dieser Ort hat sich nur so entwickelt, weil der Präsident zum Skifahren gekommen ist. Dann haben alle gesagt: 'Das ist super.' So läuft es eben in Russland." Nach Putin kam auch der russische Jet-Set - und wirft mit Geld nur so um sich. "Jeden Tag finden hier zwei bis drei Treffen mit den großen russischen Investmentfirmen statt. Alle wollen Hotels und Appartment-Anlagen bauen", fügt Filippow hinzu.

Die Grundstückspreise sind in die Höhe geschossen. So kostete ein 100-Quadratmeter-Bauplatz in Krasnaja Poljana, einem Skiort oberhalb von Sotschi, vor eineinhalb Jahren noch 15.000 Dollar. Heute muss ein Investor dafür 40.000 Dollar oder mehr auf den Tisch legen. Filippows Büro liegt neben einer Boutique, die Kleidung der Nobelmarken Gucci, Dior und Dolce & Gabbana im Angebot hat - ein weiterer Hinweis auf Sotschis bevorzugte Klientel.

Patriotische Investitionen

Patriotische Investitionen

Zu lange haben reiche Russen schon ihr Geld im Ausland verprasst, sind sich Tourismus-Experten einig. Der französische Skiort Courchevel ist zum Beispiel so beliebt bei den russischen Wintersportlern, dass er schon den Spitznamen Courchevelsky bekommen hat. Ein wenig befleckt wurde das Image des Ortes allerdings durch die vorübergehende Festnahme des russischen Milliardärs Michail Prochorow. "Unsere Touristen bringen das ganze Geld außer Landes und reisen nach Österreich oder Frankreich", sagte der Präsident des russischen Olympischen Komitees, Leonid Tjagaschjow. "Courchevel allein bekommt jährlich 1,5 Milliarden Dollar von ihnen."

Putin will mit Investitionen in Sotschi in erster Linie russische Wintersport-Begeisterte anlocken. Insgeheim hoffen die russischen Behörden aber auch darauf, den Ort für ausländische Touristen attraktiv zu machen. Einer der größten Investoren in Sotschi ist der staatliche Gasriese Gazprom. Ein weiterer Großinvestor ist der Metallmagnat Wladimir Potanin, ein Geschäftspartner Prochorows.

Potanin - laut "Forbes"-Magazin Russlands neuntreichster Mann - baut sich eine eigene Skianlage in Krasnaja Poljana.

Gefragt nach den Gründen seiner Investition führt er unter anderem die Olympia-Bewerbung und die Bedeutung des Projekts für Russland an. "Man kann es nicht umgehen, es bedeutet zu viel fürs Land", erläutert er. Würde er dem Ruf Putins nach Investitionen nicht folgen, könnte sich dies auch karriereschädlich auswirken: So mancher beim Kreml in Ungnade gefallener Oligarch musste bereits das Land verlassen oder befindet sich heute hinter Gittern.

Christian Lowe, Reuters

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