Toronto Kulturmetropole mit Multikulticharme

Bauten von Libeskind und Gehry, legendäre Jazzclubs und eine blühende Theater- und Museenlandschaft: Das einst als langweilig verschriene Toronto hat sich in den letzten Jahren enorm gemacht. Derzeit erlebt die Kultur in der kanadischen Metropole einen noch nie da gewesenen Höhenflug.

Toronto - Bruce Bell zeigt auf die Fleischtheke: "Dort stand früher das "Steamboat Hotel". Die Stadtväter tranken sich damals hier unter den Tisch." Auch wenn diese Gelage schon in den 1830iger Jahren stattfanden: Die Verkäufer im "Front Street Dominion Grocery" in Toronto spitzen die Ohren. Bruce lächelt und legt nach: "Und da drüben", sagt er und nickt in Richtung Tiefkühlkost, "verlief die Henrietta's Lane, das Rotlichtviertel der Stadt.

Wir hatten damals 6000 Einwohner, 60 Kneipen und ebenso viele Bordelle." Jetzt hängen die Verkäufer an seinen Lippen. Bruce geht die Regale entlang zur Frischblumen-Boutique. "Und hier stand einmal das Colborn Street Theatre, eines der ersten Theater in Toronto", erzählt er.

Unterwegs mit Torontos populärem Stadthistoriker lernen Touristen die weniger bekannten Seiten der kanadischen Metropole kennen. Lange galt Toronto als langweilig und konservativ. Ihr Coming Out erlebte die Stadt erst nach dem Zweiten Weltkrieg: Einwanderer aus aller Welt machten in 40 Jahren aus der weißen, Englisch sprechenden Puritaner-Hochburg eine Multikultistadt. Heute ist die Bevölkerung durchschnittlich 36 Jahre alt und weist den weltweit höchsten Anteil von nicht im Land geborenen Bewohnern einer Weltstadt auf. Der Notruf antwortet in 150 Sprachen, ein knappes Dutzend ethnischer Viertel nehmen mit Tausenden von Bars und Restaurants der Stadt das Tempo.

Coming out nach dem Zweiten Weltkrieg

Wohlstand und Multikulti brachten Torontos Kulturszene auf den Weg. Inzwischen sind mehr als 50 Ballett- und Tanzgruppen, sechs Opern-Ensembles und zwei Symphonieorchester hier zu Hause. Live-Jazz wird an 365 Tagen im Jahr geboten. Torontos Bühnen gelten nach denen in New York und London als die produktivsten der Englisch sprechenden Welt. Auch Hollywood hat Toronto schon seit längerem entdeckt: Viele der US-Blockbuster werden wegen der niedrigeren Kosten hier gedreht.

Momentan erlebt die Kultur in Toronto einen noch nie da gewesenen Höhenflug. Für mehr als eine Milliarde kanadische Dollar (etwa 630 Millionen Euro) wurden sechs Kulturstätten eröffnet oder erweitert. Der Star-Architekt Daniel Libeskind stülpte dem Royal Ontario Museum (ROM) eine sternförmige Erweiterung, den "Michael Lee-Chin Crystal", über. Sein nicht minder berühmter Kollege Frank Gehry gestaltet derzeit mit Glas und Kiefernholz die Art Gallery of Ontario (AGO) um.

Mit dem Four Season Centre of Performing Arts bekamen die Canadian Opera Company und das Nationalballett das wohl beste Opernhaus Nordamerikas. Junge Talente erhielten mit dem Royal Conservatory of Music eine neue Heimat, und demnächst wird die Toronto International Film Festival Group in ihr Festival Centre ziehen, ein spitzwinkliges Dreieck aus Glas und Stahl, das Theater, Galerien und Büchereien zum Thema Film beherbergen wird.

Trotz solcher Mega-Projekte bewahrt Torontos Kulturszene ein menschliches Antlitz. "Wir sehen uns als 'Urban Farmer'", sagt Matthew Rosenblatt, einer der Verantwortlichen in Torontos neuestem Unterhaltungsviertel, dem Historic Distillery District. Der Komplex aus 44 Gebäuden war im 19. Jahrhundert die größte Destille der Welt. Heute beherbergt er 14 Galerien, Künstlerstudios, Bühnen, Restaurants und Musikkneipen - und kein einziges Franchise-Unternehmen. "Die Wal-Marts und Starbucks hätten als Mieter zwar mehr Geld gebracht", sagt Rosenblatt, der mit Bartstoppeln und verwaschenen Jeans alles andere als das Bild eines erfolgreichen Unternehmers abgibt. "Aber wir suchten Mieter, die Qualitätsware anbieten und unseren Traum träumen."

Dieser Traum handelt davon, ein Klima zu schaffen, in dem am Ende neue Ideen und Visionen entstehen. Torontos einzige Fußgängerzone - im Distillery District schlendern die Besucher über Kopfsteinpflaster - inspiriert schon jetzt: Jeder Laden bietet etwas anderes, wobei die Palette von Glasskulpturen im sechsstelligen Preisbereich über am Ort hergestellte japanische Möbel bis zu hausgemachten Pralinen reicht. Der Besucher fühlt sich weniger als Tourist denn als Entdecker.

Legendäre Jazzsszene

Nachts ist Clubbing angesagt. Torontos Jazzszene gehört zu den besten Nordamerikas, und das Queen Street Village, dessen Ausbeulung nach Westen inzwischen West Queen West heißt und dem Village das Attribut "hip" abgejagt hat, ist eines der beliebtesten Zentren. Vielleicht endet die Nacht im "Healey's", der Kellerkneipe des blinden Jazz-Rockers Jeff Healey. Jeff spiele leider nur donnerstags, sagt der Sitznachbar, und schon steckt man mitten drin in einer Unterhaltung, die den Jazz in New Orleans, Chicago und im Berlin in der Zeit vor den Nazis streift. Der Sitznachbar erzählt, woher seine Stadt ihren Namen hat. Das Wort Toronto, sagt er, komme aus der Irokesensprache und bedeute "der Ort, an dem man sich trifft". Aber das hat man nach einem Tag in dieser Stadt längst geahnt.

Ole Helmhausen, dpa

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