Dubai Verborgene Schätze

Künstliche, im Meer aufgeschüttete Inseln, Wolkenkratzer, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen oder eine komplett neue Stadt für Zehntausende Bewohner - Dubai befindet sich in einem ständigen, rasanten Wandel. Nur in wenigen Ecken des Emirats lässt sich noch etwas vom Lebensgefühl der Zeit vor dem Ölboom erspüren.

Dubai - Am Creek von Dubai geht es ruhig zu. Fast 15 Kilometer ragt der Meeresarm in die Wüste. Ohne ihn wäre die Stadt am Persischen Golf gar nicht entstanden. Immer noch liegen hier Dhaus am Kai, die traditionellen Frachtschiffe, mit denen die Händler des Emirats seit Jahrhunderten den Warenverkehr nach Indien, Pakistan oder in den Iran organisieren.

Der Creek teilt Dubai in zwei Hälften. Wer von einer in die andere möchte, setzt mit einem kleinen, Abra genannten Holzboot mit Dieselmotor über. Und wer es nicht eilig hat, kann mit so einem Wassertaxi auch den Creek entlang schippern und die Stadt an sich vorbeiziehen lassen. Die Fahrt ist wie eine Reise in die Architekturgeschichte des Emirats.

Der graubärtige Fährmann hält das Steuerrad lässig mit dem linken Fuß. Es weht so gut wie kein Wind. Der Motor tuckert, man kann den Diesel riechen. In den Souks am Ufer gibt es Datteln, Safran, Pistazien und Nüsse, getrocknete Feigen und Henna-Pulver - Orient ganz traditionell. Aber nur wenig später sind die ersten Bürotürme zu sehen: die Twin Towers mit ihrer verglasten Fassade zum Beispiel und das ungewöhnlich geschwungene Hochhaus der National Bank of Dubai, 1997 nach Plänen des brasilianischen Architekten Carlos Ott errichtet.

Sie stehen für die moderne Seite des Emirats, für das Dubai der Wolkenkratzer und irrwitzig erscheinenden Großprojekte. Das gilt noch mehr für das Burj Al-Arab: Das Luxushotel in der Form eines überdimensionalen Segels ist mit 321 Metern höher als der Eiffelturm. Aber das alles erscheint erst wie der Auftakt, die Startphase zu einem viel größeren Projekt. Denn von dem Dubai, das sich die Regierung vorstellt, sind nach deren eigener Einschätzung erst zehn Prozent umgesetzt. Am Rest wird noch gebaut.

Baustellen sind hier deshalb nichts Ungewöhnliches. Eigentlich ist das ganze Emirat eine riesige Baustelle. Nirgendwo sonst sollen so viele Baukräne auf so kleinem Raum stehen wie hier. Direkt am Straßenrand lagern Berge von Sand und überdimensionale Kabeltrommeln hinter gelb-rotem Flatterband. Verkehrskegel sperren ein Stück weiter Teile der Straße ab, die noch nicht fertig sind. Die Arbeiter mit gelben Warnwesten tragen Tücher unter dem Helm - als Schutz gegen die Hitze.

Hypermoderne Giga-City

Hypermoderne Giga-City

Alles in Dubai scheint in ständigem, rasanten Wandel. Wo jetzt noch nicht gebaut wird, da stehen schon die Bauzäune, damit bald gebaut werden kann. Und wo noch keine Bauzäune stehen, da ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie kommen. Die Baupläne liegen sicher schon in einer Schublade. Pläne gibt es viele. Vor der Küste des Emirats entstehen gerade "The Palm" und "The World" - künstliche Inseln in Form einer Palme und in Form der Kontinente mit viel Platz für Luxuswohnungen und Hotels.

Eine weitere Großbaustelle ist die "Festival City", eine "Stadt in der Stadt, vier Kilometer am Creek entlang", wie Irina Ionascu sagt, deren Aufgabe es ist, das Projekt ausländischen Besuchern verständlich zu machen. Sie zeigt mit einem Laserpointer auf ein Modell aus transparentem Kunststoff - und schon leuchten die betreffenden Teile in unterschiedlichen Farben auf. "Hier werden 2015 einmal 70.000 Menschen wohnen", sagt sie. "Es gibt dann 20.000 Wohnungen, einen Golfplatz, sechs internationale Hotels, das größte Autohaus der Emirate und das größte Ikea."

Wenn all die Pläne wahr werden, dann wird Dubai bald eine Art hypermoderne Giga-City sein, die modernste Stadt in weitem Umkreis, eine Mischung aus Istanbul und Singapur, Bangkok und New York. "New York des Nahen Ostens" wird Dubai heute manchmal schon genannt, mehr aus Hilflosigkeit - denn der Vergleich hinkt, auch wenn die Skyline stimmt.

Dubai breitet sich aus, immer mehr Häuser gibt es, immer höhere: Das Burj Dubai soll 2008 sogar das größte Hochhaus der Welt sein. Wie hoch genau es wird, ist noch ein Geheimnis: aber 700 oder 800 Meter gelten als gesetzt. Manche Kritiker entsetzt die Dimension solcher Bauvorhaben: Dubai erinnere an den architektonischen Größenwahn Albert Speers, Hitlers Leib-Architekten, moniert der amerikanische Soziologe und Umweltschützer Mike Davis die "baulichen Exzesse".

Dubai wächst ständig, rund 1,25 Millionen Einwohner sind es zur Zeit; 2,1 Millionen sollen es in drei Jahren sein und vier Millionen 2012. Menschen 180 verschiedener Nationalitäten leben in dem Emirat. Die Mehrheit davon, rund 85 Prozent, sind allerdings Gastarbeiter aus Ländern wie Indien, Bangladesch, Pakistan oder den Philippinen.

Drohender Verkehrsinfarkt

Drohender Verkehrsinfarkt

Jeden Nachmittag quälen sich zur Rushhour Tausende von Autos Stoßstange an Stoßstange über die zum Teil sechsspurigen Autobahnen. Manchmal geht es so langsam voran, dass man zu Fuß schneller wäre. Dubai droht der Verkehrsinfarkt. Scheich Mohammed bin Raschid al-Maktum hat auch dafür bereits das passende Rezept: Bis 2010 soll die Metro fertig sein, ein schnelles System für öffentlichen Nahverkehr mit Haltestellen in der gesamten City.

Die Stadt verändert sich so rapide, dass manche Besucher die Skyline schon nicht mehr wiedererkennen, wenn sie ein Jahr später zurückkommen. Aber auch für die Einheimischen geht der Wandel so schnell, dass Irritationen unvermeidlich sind. Wie geht das, wenn ein kleines Emirat technologisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich innerhalb von zwei Generationen aus dem Mittelalter in die Moderne katapultiert wird? Verluste sind dabei fast unvermeidlich - der Verlust von Geschichte zum Beispiel.

Viele Bewohner des Emirats können sich kaum noch erinnern, wie das war, bevor sich Dubai seit den 70er Jahren zum Vorzeigeprojekt der Region entwickelte. "Die Geschichte gerät in Vergessenheit", sagt Leila Arbouz, Chefin der Kulturorganisation Sahary Gate. "Die Beduinen hatten keine Aufzeichnungen."

Vom Dubai aus der Zeit vor dem Ölboom ist fast nichts mehr übrig. Die Reste traditioneller Architektur konzentrieren sich auf Bastakiya, ein Viertel auf der westlichen Seite des Creek, in dem die Straßen noch so eng sind, dass kaum zwei Eselskarren nebeneinander fahren könnten, geschweige denn die PS-starken Limousinen und ausladenden Geländewagen, die sonst in Dubai das Straßenbild bestimmen.

Wirklich alt ist hier gar nichts, jedenfalls nicht für europäische Verhältnisse. Historisch ist allenfalls die Al-Fahidi-Festung, deren Lehmmauern 1878 errichtet wurden. Bei der Gründung der Vereinigten Arabischen Emirate 1971 war sie ziemlich heruntergekommen. Dubais damaliger Herrscher Scheich Rashid ordnete die Restaurierung des Forts an - er muss gespürt haben, wie schnell die eigene Geschichte zu verschwinden droht, wenn das Geld da ist, jeden Tag für die Zukunft zu bauen. "Wenn wir unsere Identität nicht verlieren wollen, müssen wir unsere Vergangenheit bewahren", hat er vorausschauend gesagt.

Historische Bastakiya

Historische Bastakiya

Aus noch früheren Jahrhunderten ist so gut wie nichts mehr zu sehen. "Das hier ist ein Teil einer Mauer aus dem alten Dubai", erzählt die in der Schweiz geborene und zum Islam konvertierte Juwayryah Perez, die für Sahray Gate arbeitet, und zeigt auf die überschaubaren Reste, die in Bastakiya an einer Stelle im Boden erhalten geblieben sind. "Sie war einmal einen halben Meter dick und 2,50 Meter hoch und stammt aus der Zeit um 1800." Viele Gebäude gab es damals noch nicht. "Die meisten Häuser in Bastakiya entstanden nach 1902", erzählt Juwayryah - dem Zeitpunkt, als Kaufleute aus Lingeh im Iran sich hier ansiedelten - Bastakiya heißt die Region, aus der sie stammen.

Die zweistöckigen Gebäude mit Innenhof und so genannten Windtürmen für die Belüftung sind aus Lehm und Korallensteinen gebaut und wirken wie aus einer anderen Welt. "Mehrere Generationen haben in diesen Häusern unter einem Dach gelebt", sagt Leila Arbouz. "Die letzte Bewohnerin des Viertels ist 1989 gestorben. Der Scheich hat beschlossen, dass das Bastakiya erhalten bleiben soll." Das Emirat versucht zumindest, die Erinnerung an eine Vergangenheit zu bewahren, die immer unwirklicher erscheint.

Ehemalige Bewohner werden inzwischen nach ihrem Leben in Bastakiya befragt - Oral History soll dazu beitragen zu rekonstruieren, wer wo gelebt hat, welchen Familien welche Häuser gehörten, was sie beruflich gemacht haben und was aus ihnen geworden ist. Denn als in den 70er Jahren der Ölboom auch einen Bauboom auslöste, kehrten viele von ihnen Bastakiya den Rücken.

Rund 50 Gebäude sind inzwischen restauriert. In einigen sind noch Handwerker bei der Arbeit. "Eines der alten Häuser ist inzwischen ein Hotel", erzählt Leila beim Rundgang durch das Viertel. Es hat nur eine Hand voll Zimmer und ein Atrium, das von einem Sonnensegel überspannt wird - der Kontrast zu den Fünfsterne-Nobelherbergen, für die Dubai bekannt ist, könnte gar nicht größer sein.

Mittlerin zwischen den Kulturen

Etliche davon gibt es in Jumeira Beach, Dubais ständig wachsendem Touristenviertel. Urlauber aus Europa, die hier in Bikini oder Badeshorts unter dem Sonnenschirm Cocktails schlürfen, haben kaum den Eindruck, in einem islamischen Land im Nahen Osten zu sein. Die Kultur der Emiratis bleibt ihnen fremd, befürchtet Leila Arbouz. Sahary Gate bemüht sich, Gästen aus den USA und Europa den Zugang zur islamischen Welt zu erleichtern. Und so bietet die Organisation nicht nur ausgiebige Führungen durch Bastakiya an, sondern zum Beispiel auch Arabischkurse und Seminare für "Cultural Awareness", die das "Bewusstsein für die kulturellen Besonderheiten" schärfen sollen.

Leila Arbouz bringt die Besucher dann zum Beispiel mit Ramesh Shukla zusammen. Shukla ist Fotograf, "der" Fotograf der Emirate. Ohne Kamera geht er nicht einmal vor die Haustür, wahrscheinlich nimmt er sie mit ins Bett. Und er hat auch das volle Vertrauen von Scheich Mohammed - Shukla ist der "Hoffotograf" des Herrschers.

Tausende von Bildern hat der gebürtige Inder am Persischen Golf gemacht. "Als ich das erste Mal hierher kam, gab es noch keinen Strom und kein fließend Wasser", erinnert sich der 63-Jährige. "Da war alles nur Wüste." Wie sehr sich Dubai verändert hat, erzählen auch seine Fotos. Es ist ein bisschen wie im Märchen: Die ersten zeigen ein kleines Nest am Creek, die späteren die ersten Wolkenkratzer - heute fotografiert Shukla eine moderne Großstadt, in der fast nichts mehr an die Anfänge erinnert.

Bei den Seminaren, die Leila Arbouz organisiert, ist auch Aida Al Busaidy oft zu Gast. Die junge Managerin bei einem Investment- Unternehmen diskutiert ausgesprochen gern mit Besuchern aus Europa - schon um ihnen ein paar ihrer Vorurteile zu nehmen: Dass arabische Frauen pauschal verdächtigt werden, unterdrückt und rechtlos zu sein, geht ihr ziemlich auf den Senkel. Das sei überhaupt nicht so, sagt sie in beneidenswert akzentfreiem Englisch.

Europäer verstehen vieles einfach falsch, glaubt Aida al Busaidy: Wenn sie ein Kopftuch trage, sei das kein Zeichen für Rückständigkeit, sie mache das freiwillig und lasse sich dabei von niemandem reinreden - schon gar nicht von irgendwelchen Männern. Sie sagt das mit einem so toughen Lächeln, dass man geneigt ist, ihr zu glauben. Auch in der Geschlechterfrage ist Dubai auf dem Weg in die Moderne - dass Frauen hier studieren und hinterher in der Verwaltung oder Wirtschaft arbeiten, ist nichts Ungewöhnliches. Und Männern, die sich daran stören, sagt Aida al Busaidy die Meinung - regelmäßig als Kolumnistin einer englischsprachigen Zeitung.

Andreas Heimann, dpa-afx

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