Brüssel Belgischer Mikrokosmos

Als 1957 die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft gegründet wurde, wendete sich auch für die belgische Stadt Brüssel das Blatt, denn der Ort an der Senne sollte Europas Hauptstadt werden. Nun wird das 50-jährige Jubiläum gebührend gefeiert.

Brüssel - "Wer Brüssel besucht, der sollte auch das Europaviertel gesehen haben", sagt Werner Langen aus Oberfell an der Mosel. Der Rheinland-Pfälzer ist einer der 99 deutschen Abgeordneten im Europaparlament und pendelt zwischen Brüssel, Straßburg und seiner Heimat bei Koblenz.

Belgiens Hauptstadt ist dem Vorsitzenden der CDU/CSU-Gruppe im Europäischen Parlament inzwischen ans Herz gewachsen: "Brüssel ist Völkervielfalt, bunt und multinational und dabei doch sehr kleinteilig."

In dem östlich des Zentrums gelegenen Stadtteil Etterbeek ist Europa als Mikrokosmos unter einem Dach zu Hause: 27 Staaten mit mehr als 480 Millionen Einwohnern, seit dem Beitritt von Bulgarien und Rumänien zu Jahresbeginn 2007. Auf einer Strecke von etwas mehr als einem Kilometer zwischen der Place Luxembourg, der Place Jourdan und dem kreisrunden Robert Schuman Place konzentriert sich europäisches Politik- und Behördenleben.

Mehr als 120.000 der 970.000 Einwohner Brüssels leben von und mit den europäischen Behörden und Verwaltungen - vom Direktor bis zum Praktikanten, vom Dolmetscher bis zum Botenfahrer. Zu den Brüsseler "Eurokraten" zählen beispielsweise auch die Beschäftigten in den Vertretungen der deutschen Bundesländer. Unter ihnen darf der Freistaat Bayern für sich in Anspruch nehmen, das schönste Haus gleich im Schlagschatten des Europa-Parlamentes zu haben: Bayerns Büros sind in einem Schlösschen untergebracht, das mit viel Geschick restauriert wurde.

Alles das lernen Besucher am besten bei einem geführten Rundgang durchs EU-Viertel kennen, wie sie die Gemeinschaft "Le Bus Bavard" anbietet. Sacha Seggai ist einer der Tourguides und kann unterwegs interessante Details erzählen: "Die Unterzeichnung der Römischen Verträge durch die sechs beteiligten Staaten - Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande - am 25. März 1957 gilt als die eigentliche Geburtsstunde Europas." Damals entstand aus der bereits seit April 1951 bestehenden Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, der Montanunion, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft.

"Ein bisschen Zufall ist es schon, dass Brüssel nun seit 50 Jahren Europas Hauptstadt ist", sagt Sacha Seggai. Denn nach der Unterzeichnung der Römischen Verträge haben Politiker aus den sechs beteiligten Staaten der Überlieferung zufolge gesagt: In Belgiens Hauptstadt siedeln wir einige europäische Institutionen an, da sie nach dem Alphabet nun mal einfach ganz vorne stand.

Zwischen Pommes und Pralinen

So putzt sich Brüssel in diesem Jahr heraus und feiert das Jubiläum: Am Abend des 24. März wird mit Musik und Feuerwerk das Gedenkjahr offiziell eröffnet. Seit Anfang Januar und bis zum 23. Dezember zeigt das Museum der Nationalbank von Belgien gegenüber der Kathedrale St. Michael und St. Gudula unter dem Motto "Der Euro unter der Lupe" die Geschichte der europäischen Währung.

Weiter geht es mit der Ausstellung "Blick auf Europa-Deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts" (8. März bis 20. Mai) im Museum für Schöne Künste. Meisterwerke der Sammlungen aus Berlin, Dresden und München zeigen Stationen in Europa , an denen beispielsweise Karl Friedrich Schinkel, Caspar David Friedrich, Carl Spitzweg und andere deutsche Maler während ihrer Reisen Halt machten.

Als bedeutend wird die von der Europäischen Kommission unterstützte Ausstellung mit Werken von Leonardo da Vinci eingestuft (18. August bis 16. März 2008). In der riesigen Nationalbasilika Sacré Coeur sind Originaldokumente, Modelle von da Vincis Erfindungen, Skizzen und Notizbücher des Genies zu sehen.

Da Belgier Comic-Fans sind, darf der Blick der Zeichner auf Europa im Jubiläumsjahr nicht fehlen: Unter dem Motto "Europäer betrachten Europäer" zeigt das Belgische Comic Zentrum in der Rue des Sables/Zandstraat (26. Juni bis 21. Oktober), wie Comic-Künstler beispielsweise aus Tschechien, den Niederlanden und aus Frankreich ihre Nachbarn in Polen, Deutschland und Großbritannien sehen.

Am "Europatag", dem 5. Mai 2007, wird im Europaviertel das Jubiläum groß gefeiert. Besucher können an diesem Tag der offenen Türen in den gläsernen Büropalästen einen Blick hinter die Kulissen des Parlamentes, der Europäischen Kommission und des Europarates werfen.

Europa-Abgeordneter Werner Langen rät: "Wer diesen Tag verpasst, der kann sich mit einer Gruppe auch über den allgemeinen Besucherdienst, über das Büro eines Abgeordneten oder über die Ländervertretungen zur Besichtigung an einem Wochentag anmelden."

Auf eigene Faust lässt sich europäisches Flair besonders gut an der Place Jourdan erschnuppern, wo die legendäre Fritterie "Maison Antoine" Pommes Frites mit 20 verschiedenen Saucen feilbietet. Hartnäckig hält sich ein Gerücht, dass sich an der Bude Minister wie Parlamentarier vor anstrengenden Nachsitzungen mit den Kartoffelstäbchen stärken. Immerhin muss hier niemand seine Fritten im Freien verzehren, sondern kann sich gleich nebenan ins Warme flüchten: "Frites acceptées" verkünden Schilder der benachbarten Kneipen "Taverne the First" und "Chez Bernard" - welch liebenswerte belgische Lösung.

Bernd F. Meier, dpa

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