Australien Naturparadies am Ende der Welt

Bizarre Felsformationen, Pelikane, Koalas und Seelöwen - für Naturfans ist Kangaroo Island im Süden Australiens ein wahres El Dorado. Nur an wenigen Orten kann man den seltenen Tieren so nahe kommen, wie auf der dünn besiedelten Insel, auf der Stress und Hektik Fremdworte sind.

Kingscote - Das erste, was Besucher von Kangaroo Island meist zu sehen bekommen ist - kein Känguru. Dem Beuteltier verdankt die Insel in Süd-Australien zwar ihren Namen, und es gibt die "Roos" hier immer noch in großer Zahl. Doch allgegenwärtig sind sie nicht. Andere Tiere machen ihnen den Platz streitig: Etwa 700.000 Schafe, fast 30.000 Koalas und Tausende von Neuseeland-Pelzrobben haben hier ebenfalls ihren Lebensraum und tragen dazu bei, dass das dünn besiedelte Eiland ein Naturparadies ist.

Kangaroo Island gehört zu den besten Orten für Tierbeobachtungen in ganz Australien: Touristen können Seelöwen sehr nahe kommen, hungrigen Pelikanen beim Fressen zuschauen, 266 weiteren Vogelarten begegnen - und natürlich werden sie irgendwann auch die Bekanntschaft eines Kängurus machen.

Doch statt des australischen Wappentieres wartet am Flughafen von Kingscote zunächst einmal der Mann von der Mietwagenfirma. Er freut sich sehr über die Reservierung: "Oft kommen Touristen hier an, die gar nichts gebucht haben: kein Hotel, keinen Mietwagen. Für die ist es im Sommer oft schwer, etwas zu finden." Kein Wunder, stehen doch bei den zwei Verleihern gerade mal 48 Mietautos zur Auswahl.

Seelöwen, Kängurus und Koalas

Ratsam ist auf der Insel ein Wagen mit Allradantrieb, denn 85 Prozent des 1600 Kilometer langen Straßennetzes sind nicht geteert. "Die meisten Touristen kommen per Fähre auf die Insel, und zwar mit Mietwagen, die nur für asphaltierte Straßen zugelassen sind", beobachtet der Deutsche Rudi Francken, der seit mehreren Jahren auf Kangaroo Island als Reiseführer arbeitet. "Die haben dann natürlich eingeschränkte Möglichkeiten und sehen nicht so viele Tiere wie andere Urlauber. Das ist hier schließlich kein Zoo mit Gittern."

Zumindest zu den wichtigsten Attraktionen führen aber geteerte Trassen - zum Beispiel nach Seal Bay im Süden der Insel, wo sich etwa 500 bis 600 Australische Seelöwen tummeln. Es sind Ohrenrobben mit vier Beinen, die anders als Seehunde keine Schwanzflosse besitzen. Sie erreichen Tauchtiefen von bis zu 300 Metern, doch das Meer ist für sie nur eine Speisekammer.

Ihr eigentlicher Lebensraum bleibt der Strand: Zwischen den Dünen machen sie es sich bequem, Mütter schmusen mit ihrem Nachwuchs, während die Männchen ihre Kämpfe austragen. Bis zu drei Tage lang gehen die Seelöwen auf Nahrungssuche und schwimmen dabei 40 bis 60 Kilometer weit auf den Ozean hinaus. Dann kommen sie zurück nach Seal Bay und erholen sich mehrere Tage lang am Strand.

Unberührte Landschaften

Unberührte Landschaften

Touristen können den Seelöwen ziemlich nahe kommen - es gilt aber eine Minimaldistanz von zehn Metern. Auf den hellen Sand dürfen sie dabei nur, wenn sie von einem Ranger oder offiziellen Reiseleiter begleitet werden. Die Beach Tour kostet 13,50 Dollar. Wenn die Gäste etwas entfernter auf den Holzstegen bleiben, ist es mit 9,50 Dollar günstiger. Angeboten werden die Touren täglich von 9 bis 17.15 Uhr. In der Hochsaison im Januar/Februar kann es passieren, dass ein Ranger mit 50 Teilnehmern loszieht.

Wer noch mehr Meeressäuger sehen will, kann weiterfahren in den Westen von Kangaroo Island, wo sich die Landschaft seit Jahrtausenden kaum verändert und der Mensch erst wenig ins Ökosystem eingegriffen hat. An der Küste des Flinders Chase Nationalparks lebt eine große Kolonie Neuseeland-Pelzrobben. Die mehreren tausend Tiere bleiben meist in Landnähe. Auf den Felsen, an denen sich die wuchtigen Wellen brechen, herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, während der Wind von Südwesten her auch im Sommer ständig weht.

Kalte antarktische Winde

Im Flinders Chase Nationalpark ist gut zu erkennen, wie die Kräfte der Natur Kangaroo Island geformt haben: Rund um das Besucherzentrum im Inselinneren sind die Bäume noch bis zu acht Meter hoch, doch mit jedem Schritt in Richtung Meer scheint die Vegetation flacher zu werden, wie abrasiert von den kalten Winden aus Richtung der Antarktis. Nahe am Ozean sind die Büsche dann nur noch kniehoch.

Die Pelzrobben sind vor allem in der Nähe der Felsformation Admirals Arch zu finden, die wie ein großes Fenster zum Meer wirkt. Nicht weit entfernt steht auch der im Jahr 1909 erbaute Leuchtturm am Kap von Couedic, dessen drei alte Wärterhäuschen zu Ferienwohnungen umgebaut worden sind. Die Versorgung der Leuchtturm-Mannschaften erfolgte früher nur alle drei Monate mit Schiffen, denn die Straße zum Kap wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut und sogar erst 2001/02 asphaltiert. "Damit hat der Tourismusboom so richtig eingesetzt, denn ab dann waren die wichtigsten Attraktionen der Insel auch mit normalen Mietwagen erreichbar", erinnert sich Rudi Francken.

Wahrzeichen Remarkable Rocks

Wahrzeichen Remarkable Rocks

Wenn in Reiseführern Bilder von Kangaroo Island zu sehen sind, dann werden neben den Kängurus meist vor allem die Remarkable Rocks abgebildet. Diese riesigen Granitfelsen sind mehr als 500 Millionen Jahre alt und kamen durch Erosion ans Tageslicht. Hitze, Kälte, Regen und Trockenheit haben die Steine abgeschliffen und bizarr wirkende Gestalten aus ihnen gemacht. Wie zertretene Murmeln eines Giganten liegen die Remarkable Rocks auf einem Plateau oberhalb des Meeres im Nationalpark, und wie angerichtet auf Befehl eines Tourismusmanagers, der sich kaum eine bessere Kulisse für sein Publikum wünschen kann - nur dass das alles schon vor etwa 200 Millionen Jahren passiert ist.

Die Steine bergen bei all ihrer Schönheit auch einige Risiken: Im November 2003 ertranken hier zwei Männer, die einem deutschen Touristen helfen wollten. Er war auf dem abschüssigen, glatten Plateau nahe der Remarkable Rocks ins tosende Meer gestürzt und konnte später von anderen Rettern lebend geborgen werden.

Eigene Tierwelt

Der Flinders Chase Nationalpark wurde 1919 gegründet und war damals erst das dritte Schutzgebiet seiner Art auf dem Kontinent. Im informativen Besucherzentrum ist unter anderem zu erfahren, warum sich auf Kangaroo Island eine eigene Tierwelt entwickelt hat. Vor 15.000 Jahren wurde die Insel durch einen Meeresspiegel-Anstieg vom nahen Festland getrennt.

Den Kängurus zum Beispiel fehlten dann bald natürliche Feinde, und die Evolution nahm ihren Lauf: Das Western Grey Kangaroo Island Kangaroo entfernte sich von seiner Erscheinung her von den anderen Graukängurus, es wurde kleiner und verlor an Ausdauer. Dafür wurde das Fell dicker, um die kühlen Winter besser zu überstehen - in wärmere Gefilde weiterwandern ging nun ja nicht mehr.

Doch wo ist denn nun das Känguru? Schon fast ein Tag auf der Insel ist vergangen, ohne die hüpfenden Beuteltiere getroffen zu haben. Den Namen erhielt Kangaroo Island im Jahr 1802 von dem Entdecker Matthew Flinders. Käme der heute noch einmal vorbei, würde er vielleicht eine andere Wahl treffen - Koala Island zum Beispiel. Diese Tiere gab es zu Flinders' Zeiten noch gar nicht auf der Insel.

Enorme Koala-Dichte

Enorme Koala-Dichte

Sie wurden erst in den 1920er Jahren hierher gebracht, weil sie auf dem Festland vom Aussterben bedroht waren. Anfangs kamen 18 Tiere, heute leben hier 20.000 bis 30.000. Kangaroo Island besitzt damit "vermutlich die größte Dichte an Koalas in ganz Australien", sagt Rudi Francken.

Doch die Tiere "fressen sich um Haus und Hof und vertilgen mehr, als die Natur nachschießen kann." Die knuddeligen Koalas, die alle Kinder so sehr lieb haben - auf Kangaroo Island sind sie zum Problem geworden. Weil ihr kleiner Genpool bestimmte Erbkrankheiten enthält, sei auch eine Rückkehr aufs Festland schwierig. Aus der Not heraus sind auf der Insel inzwischen Sterilisierungsprogramme angelaufen.

Es ist inzwischen nach 17 Uhr, die Dämmerung ist nicht mehr fern - und endlich kommt auch das erste Känguru zum Vorschein: Auf dem Parkplatz am Nationalpark-Zentrum schaut eines neugierig in den Kofferraum eines Kleinwagens - fast schon kein wildes Exemplar mehr. Wer mehr von den Tieren sehen will, muss aber einfach die geteerten Routen verlassen und zum Beispiel den Kelly Hill Conservation Park im Südwesten der Insel besuchen.

Auf dem ehemaligen Weideland eines aufgegebenen Bauernhofs steht hüfthoch das Gras. Die Kängurus wahren hier einen Abstand von etwa zehn Metern - wird er unterschritten, hoppeln sie einfach ein paar Schritte weiter. Respekt und Neugierde halten sich die Waage, zu nahe heranlassen wollen sie aber niemanden.

Die Fahrt zurück nach Osten, nach Kingscote und zu den Siedlungen Penneshaw und American River, führt durch ein weites Land voller Ruhe. Die Landschaft wird beherrscht von Hühnerfarmen, Weizen- und Weinanbau und vor allem von den großen Weiden für die Schafe. In Kingscote scheint die Zeit vor ein paar Jahren stehen geblieben zu sein: Im Waschsalon liegen noch Zeitschriften von 1995 aus, es gibt drei Restaurants, ein paar Cafés und kleine Geschäfte. Die abendliche Fütterung der Pelikane am Hafen gilt als die größte Touristenattraktion des kleinen Ortes. Hektik ist auf der Insel der Kängurus ein Fremdwort geblieben.

Christian Röwekamp, dpa

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