Texas "Houston, wir haben ein Problem"

Wer an Texas denkt, dem kommen meist Cowboys, Steaks und Wüstenlandschaften in den Sinn. Saftig grüne Wiesen, springende Delfine und bildende Kunst haben die meisten erst einmal nicht auf der Rechnung. Und doch präsentiert sich der zweitgrößte Bundesstaat der USA an der Küste des Golfs von Mexiko ausgesprochen grün.

Houston/Corpus Christi - Selbstverständlich gibt es in Texas aber auch jede Menge Cowboys. Zu sehen bekommt man sie beispielsweise auf der "Texas Ranch Life" nahe Bellville, etwa eineinhalb Autostunden von Houston entfernt. Dort bietet das Ehepaar Taunia und John Elick Unterkünfte, die die "gute alte Zeit" charmant aufleben lassen.

Jedes Haus ist anders, die Zimmer alle individuell und liebevoll gestaltet. Wer morgens auf die Veranda tritt, kann dem Schwalbenorchester lauschen, während sich der Horizont rot verfärbt. Monströse Eichen umstellen die Viehgatter, und im grünen Gras schlagen die Grashüpfer Purzelbäume.

Zum Frühstück geht es in eine umgebaute Scheune. Büffelwürstchen werden dort genau so knusprig serviert wie Zimtrollen. Wie überall in Texas, fällt alles eine Nummer größer aus, und der Kaffee schmeckt, wie überall in den USA, ziemlich schwach. Die Gastgeber lassen ihre Gäste in Ruhe. Wer will, kann allerdings John - der so aussieht, wie man sich einen Cowboy landläufig vorstellt - beim Ausritt begleiten. Für alle, die mit Pferden nichts am Hut haben, steht Fischen auf dem Programm.

Am Abend versammelt sich die Nachbarschaft zum Barbecue. Eine kleine Combo spielt Countrymusik. Die Steaks gehören zu den größten, die man je gesehen und nur halb verspeist hat. An die Männer mit den zu großen Hüten gewöhnt man sich ebenso schnell wie an das beständige Klacken der Sporen an ihren Stiefeln, das ihre Ankunft akustisch vorwegnimmt. Was einem anfangs wie ein Karnevalskostüm erscheint, wird rasch zum Normalfall, und auch Touristen gehen bald in den nächstbesten Western-Shop, um sich mit Cowboyhüten einzudecken - bei den semitropischen Temperaturen eine gute Entscheidung.

Wer diese friedliche "Unsere-kleine-Farm"-Welt wieder verlässt und sich in Richtung Houston aufmacht, scheint die Universen zu wechseln. Houston ist mit seinen etwa zwei Millionen Einwohnern im Stadtgebiet und fünf Millionen im Großraum eine der größten Städte der USA.

Auf den ersten Blick wirkt Houston zwar bloß wie eine x-beliebige amerikanische Großstadt, die man nur mit dem Auto erkunden zu können meint und in der sich Häuserschlucht an Häuserschlucht reiht. Für Kunstinteressierte jedoch hält die Stadt einige Höhepunkte bereit.

Ein Gruß aus der Raumkapsel

Dazu zählen nicht nur das Museum of Fine Arts und sein Erweiterungsbau, sondern auch der gleich auf der anderen Straßenseite gelegene Skulpturenpark, in dem Plastiken und Reliefs von Künstlern wie Giacometti, Rodin und Matisse träge in der Sonne stehen. Wer sich auf einer Bank dort niederlässt, fühlt sich ungemein weit weg - von der Millionenmetropole Houston ebenso wie von jeder Cowboyromantik.

Noch ruhiger geht es in der "Rothko Chapel" zu, die sich ebenfalls in unmittelbarer Nähe der Museen befindet. Der US-amerikanische Maler Mark Rothko schuf hier einen seiner bekannten meditativen Räume. Seine düsteren Bildnisse machen den Ort zum fast sakralen Kunstwerk.

Doch auch Technikfreaks kommen in Houston auf ihre Kosten. Eine halbe Autostunde von der Innenstadt entfernt, erstreckt sich das Space Center Houston - für Raumfahrtliebhaber ein Muss. Auf die Tatsache, dass das erste auf dem Mond gesprochene Wort der Name ihrer Stadt war, sind viele Menschen in der Stadt heute noch stolz: "Houston, hier Tranquillity Base. Der Adler ist gelandet", funkte Neil Armstrong am 20. Juli 1969 zur Erde.

Bekannter ist aber wohl der Ausspruch des Apollo-13-Kommandanten James Lovell an sein Kontrollzentrum: "Houston, wir haben ein Problem." Die alte "Mission Control" ist Teil der Besichtigungstour, die viele Besucher aber eher enttäuscht: Mit einer kleinen Bahn werden sie über das Gelände kutschiert.

Ein Paradies für Wind- und Kitesurfer

In Corpus Christi, am Golf von Mexiko gelegen, fahren die Einheimischen in ihren Pickups bis zum Strand vor und finden das ganz normal. Der Ort ist ein Paradies für Wind- und Kitesurfer, denn windig scheint es dort immer zu sein. Andere Gäste dagegen stöhnen auch schon mal über die ewige Brise, die einem ständig die Haare in die Augen treibt.

Doch wer sich für einen Segelausflug entscheidet, ist plötzlich wieder froh um den Wind. Über dem Port Aransas, gegenüber der Bucht von Corpus Christi gelegen, ist der Himmel unwahrscheinlich blau. Pelikane landen in Reichweite, und nach einer Weile sieht man die ersten Delfine übers Wasser springen.

Einen guten Rundblick auf die Bucht von Corpus Christi bieten ein Restaurant und eine Bar im 20. Stockwerk des "Omni-Hotels". Für die Raucher unter den Gästen bedeutet diese Höhe zwar einen langen Weg hinunter vor die Tür, wo geraucht werden darf. Aber in Texas sind die strengen Antirauchergesetze der Vereinigten Staaten ohnehin lockerer. Dass Cowboys rauchen, weiß schließlich jedes Kind - die Zigarettenindustrie hat in dieser Hinsicht gute Arbeit geleistet.

"Don't mess with Texas"

Von dem Restaurant sieht man auch den früheren Flugzeugträger "USS Lexington", der wie ein riesiger Wal im Wasser liegt. Die 1943 in Betrieb genommene und erst 1991 endgültig ausgemusterte "Lexington" hat die längste Dienstzeit eines amerikanischen Flugzeugträgers überhaupt auf dem Buckel. Heute ist das Schiff ein Museum. Ken führt Besucher aus Deutschland umher. Lange Zeit war er selbst bei der Marine und erklärt nun Gruppen in makellosem Deutsch die Kabinen der Matrosen, den Motorenraum und das Behandlungszimmer der Zahnärzte.

Aber auch wem es eher nach Feiern zu Mute ist, kommt in der Stadt nicht zu kurz. In den zahllosen Western-Clubs von Corpus Christi herrscht ausgelassene Fröhlichkeit. Die klimatisierte kalte Luft riecht nach Bier und Zigaretten. Auf dem Parkett drehen sich Paare aller Altersklassen eng an eng umeinander.

Rasant geht es auch am Kemah Boardwalk zu, der sich zwischen Houston und Galveston ausbreitet. Es ist ein Vergnügungsviertel, für das man geschaffen sein muss. Mit dem Schnellboot rast man übers Wasser, dass einem Hören und Sehen vergeht. Zu martialischen Rockklängen kurvt das Boot seine Passagiere schwindlig. Und als wäre das nicht schon genug, versuchen zwei Frauen auch noch die Fahrgäste zu animieren, indem sie aerobicähnliche Tanzübungen vorführen, die doch bitte alle an Bord nachmachen sollen. Wer sich weigert, ist in jedem Fall Europäer.

Riesige Steaks auf dem Teller

Die kleine Kirmes an Land bietet Schiffschaukel, Kettenkarussell und andere Fahrgeräte in beschaulicher Nähe und Anordnung. In den vielen Restaurants rund um den Boardwalk werden dann wieder Steaks serviert, die einfach nur größenwahnsinnig erscheinen.

Deutsche werden in Texas meist gleich gut gelaunt integriert. Nicht wenige Texaner haben deutsche Vorfahren, auch den einen oder anderen Auswanderer trifft man auf einer Reise durchs Land. Für einen Gesprächseinstieg taugt das allemal, wie man überhaupt sehr leicht mit Texanern ins Gespräch kommt. Mit einer offenen, zuweilen etwas rustikalen Art der Weltanschauung empfangen sie ihre Gäste. Und so lange man nicht für Hillary Clinton als mögliche erste Präsidentin der Vereinigten Staaten plädiert, sind sie herzlich und höflich.

Zum Abschied gibt's noch einen Aufkleber geschenkt: Neben der texanischen Flagge steht "Don't mess with Texas" ("Leg' Dich nicht mit Texas an"). Kaum ein Tourist hat die geringste Veranlassung dazu.

Shirin Sojitrawalla, dpa

Anreise und Formalitäten

Texas: Texas ist der zweitgrößte US-Bundesstaat nach Alaska und besitzt eine 1000 Kilometer lange Küste am Golf von Mexiko. Die größten Städte sind Houston, Dallas und San Antonio.

Anreise und Formalitäten: Die Lufthansa fliegt täglich von Frankfurt/Main nach Houston. Deutsche benötigen kein Visum, wenn sie maximal 90 Tage in den USA bleiben. Ein nach der Reise noch sechs Monate lang gültiger Reisepass genügt. Pässe, die nach dem 26. Oktober 2005 ausgestellt wurden, müssen allerdings über biometrische Daten verfügen. Bei der Ankunft müssen sich Besucher fotografieren lassen und ihre Fingerabdrücke abgeben.

Klima und Reisezeit: Die Sonne scheint hier das ganze Jahr hindurch. Im Sommer ist es heiß, im Winter zumindest im Süden von Texas mild. Frühling und Herbst gehören zu den schönsten Reisezeiten.

Währung: Für einen Euro gibt es etwa 1,28 Dollar (Stand: August 2006). Kreditkarten werden so gut wie überall akzeptiert.

Unterkunft: Vom einfachen Bed & Breakast-Haus bis zum Nobelhotel ist in Texas alles vertreten. Die Zimmerpreise liegen zwischen 70 und mehr als 130 Dollar (54 bis 101 Euro) pro Nacht. Am preiswertesten übernachtet man in privat geführten Motels.

Informationen: Texas Tourism, c/o Mangum Management, Sonnenstraße 9, 80331 München (Broschüren-Tel.: 089/23662166, E-Mail: texas@aviarepsmangum.com), www.traveltex.com .

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