Ukraine Die goldenen Dächer von Kiew

Die ukrainische Hauptstadt Kiew beherbergt unzählige Kunstschätze. Tagelang können Besucher zwischen pompösen Kathedralen, geheimnisvollen Katakomben und Prachtstraßen wandeln. Das Herz der Stadt schlägt aber auf dem Krestschatik, der Prachtstraße im stalinistischen Zuckerbäckerstil.

Kiew - Grün und Gold, das sind die Farben Kiews. Von Einer der zahlreichen Anhöhen in der Stadt fällt der Blick auf von goldenen Kuppeln bekrönte Klöster und Kirchen, die über das grüne Blätterdach der Kastanienhaine herausragen und in der Sonne glänzen. Kiew liegt auf den hügeligen Ufern des Dnjepr, der hier so breit ist wie ein See.

Seit der "orangenen Revolution" ist die drei Millionen Einwohner zählende Stadt auch in Westeuropa keine gänzlich unbekannte Größe mehr. Doch noch immer gehört Kiew zu den unentdeckten Metropolen des Kontinents. "Viele Deutsche unterscheiden nicht einmal zwischen Russland und der seit 15 Jahren unabhängigen Ukraine", ärgert sich Gennadi, der in Regensburg Jura studiert hat und heute juristischer Berater der Regierung ist. Dabei ist Kiew viel älter als Moskau und kann auf mehr als 1500 Jahre Geschichte zurückblicken. Die Stadt war die Wiege des russischen Staates, der legendären Kiewer Rus.

Das wichtigste Heiligtum Kiews ist das Höhlenkloster. "Zur Besichtigung des riesigen Areals sollten Besucher einen halben Tag einplanen", rät Gennadi. Wer in die engen und dunklen Verliese hinabsteigt, tritt eine Zeitreise zurück ins vorletzte Jahrtausend an. Mit einer brennenden Kerze in der Hand können Besucher die Höhlen besichtigen, in denen die Mönche gelebt und gebetet haben.

Später, als der Bau oberirdischer Gebäude erlaubt wurde, dienten die Katakomben nur noch als Begräbnisstätten. Bis heute kann die Wissenschaft nicht erklären, warum die Körper von 123 Heiligen ohne Balsamierung viele Jahrhunderte ohne Anzeichen von Verwesung erhalten blieben.

Die mehr als 70 Kirchen und Kloster, die sich auf dem 28 Hektar großen Areal befinden, sind in ihrer heutigen Form zumeist im 18. Jahrhundert entstanden. 1929 schlossen Kommunisten das ihnen verhasste Symbol des ukrainischen Geistes. Einige Kirchen wurden als Lagerräume missbraucht, andere in ein Museum umgewandelt.

Erst die Perestroika brachte die Wende: Seit 1988 ist der Wallfahrtsort, der von den orthodoxen Christen auch als zweites Jerusalem bezeichnet wird, wieder im Besitz der Kirche. Gegenwärtig leben rund 100 Mönche in den Klosteranlagen. Die prachtvoll mit sieben goldenen, bekreuzten Kuppeln verzierte Maria-Himmelfahrtskathedrale, der Große Glockenturm und die erst in den neunziger Jahren wieder aufgebaute Uspenski-Kathedrale gehören zu den sehenswertesten Gebäuden.

Promenieren auf der stalinistischen Prunkstraße

Wie das Höhlenkloster steht auch die Sophienkathedrale auf der Liste der Weltkulturgüter der Unesco. Nach dem Vorbild der Hagia Sophia in Istanbul errichtet, war sie die Hauptkathedrale der Kiewer Rus. Hier fanden die Inthronisierungen der Kiewer Fürsten und prunkvolle Hofzeremonien statt. "Es grenzt an ein Wunder, dass trotz mehrfacher Zerstörungen, wiederholter Rekonstruktionen und Erweiterungen die unschätzbaren Mosaike und Fresken der namenlosen slawischen Künstler des 11. Jahrhunderts erhalten geblieben sind", sagt Gennadi.

Eine andere bedeutende Sehenswürdigkeit ist die Goldkuppelkirche des Heiligen Michael. Im 12. Jahrhundert entstanden, wurde das Gotteshaus 1937 als "historischer Müll", der den Nährboden für den ukrainischen Nationalismus bilde, abgerissen. Von 1997 bis 2000 wieder aufgebaut, ist der mit einer Zentral- und sechs kleineren goldenen Kuppeln versehene Prachtbau der Stolz aller Ukrainer und beliebtes Fotomotiv für Hochzeitspaare.

Die Kiewer feiern sich und die neue Zeit

Nicht fehlen darf ein Bummel über den Andreasstieg. Die mit Kopfsteinen gepflasterte Hangstraße hat sich in den vergangenen Jahren zu einer Kunstmeile entwickelt. Mit zahlreichen Kunstgalerien, Boutiquen, Kleinkunstbühnen, Restaurants und Cafés versprüht sie einen besonderen Charme, der ihr auch den Beinamen Montmartre von Kiew eingetragen hat.

Vor den restaurierten Häusern bieten Händler Antiquitäten und sowjetische Memorabilia an, dazu gibt es Kunst und jede Menge Kitsch. Ihren Namen erhielt die steile Straße von der barocken Andreaskirche, die auf dem gleichnamigen Hügel liegt und von deren Terrasse sich ein schöner Blick auf den Fluss und den Stadtteil Podol bietet. Dieses Quartier ist auch das Hafenviertel der Stadt. Vom Flusshafen legen die Kreuzfahrtschiffe ab, die bis ins Schwarze Meer fahren.

Das Herz der Stadt schlägt allerdings auf dem Krestschatik, der Promeniermeile von Kiew. Auf fast zwei Kilometern Länge reihen sich hier Wohn- und Bürogebäude im stalinistischen Zuckerbäckerstil aneinander, allesamt verschwenderisch mit rotem und grauem Marmor verziert. Hier wird am deutlichsten, dass Kiew den Sprung aus der Plan- in die Marktwirtschaft geschafft hat. Lange vorbei sind die Zeiten, in denen verstaubte Auslagen das Bild der staatlichen Läden bestimmten. Elegante Boutiquen, die internationale Mode, aber auch Kreationen einheimischer Modemacher anbieten, wechseln mit teuren Restaurants und Bars.

Am Abend wird der Krestschatik zum Treffpunkt der jungen Kiewer, die aus den trostlosen Vorstädten ins lebendige Zentrum der Stadt strömen. Straßencafés füllen sich, Kinos, Theater und Szenekneipen sind gut besucht. Am Wochenende wird der Boulevard ganz für den Verkehr gesperrt und verwandelt sich in eine große Fußgängerzone. Die Kiewer zeigen, was sie haben. Sie feiern sich und die neue Zeit.

Detlef Berg, dpa/gms

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.