Vancouver Island Wellen, Wälder und Wale

Schwarzbären im Wald, Wale im Meer oder einfach "Storm watching" vom sicheren Ufer aus. Vancouver Island hat sich zu einem beliebten Urlaubsziel entwickelt. Wer die Natur liebt, kommt hier voll auf seine Kosten.

Tofino - Die Brandung schlägt fast einen Meter hoch und macht einen Höllenlärm. Alle paar Sekunden kracht eine Welle auf den harten Sand und auf die toten Baumstämme, die überall am Ufer liegen. "Willkommen an Kanadas Strand Nummer eins", sagt Natalie Haltrich und breitet die Arme aus, als wolle sie zeigen, wie groß der Long Beach bei Tofino ist - in beide Richtungen reicht der Blick Kilometer weit.

Von einem feinsandigen Traumstrand zum Faulenzen kann allerdings nicht die Rede sein: Für Sonnenanbeter ist das Wetter viel zu wechselhaft, und in den kalten Pazifik trauen sich die meisten Surfer auch im Sommer nur im Neoprenanzug.

Doch dafür passt Long Beach perfekt zu der Insel, an deren Westküste er liegt - er ist genauso wild und naturbelassen wie alles andere auf Vancouver Island. Wellen, Wälder und Wale - wer im Urlaub nach einer solchen speziellen "WWW-Adresse" sucht, wird auf der großen Insel im Südwesten Kanadas fündig.

Natalie Haltrich arbeitet als Touristenführerin. Sie unternimmt mit ihren Gästen mehrtägige Kajakausflüge oder begleitet sie zum Wandern im Pacific Rim Nationalpark - zum Beispiel auf den Spuren von Schwarzbären, von denen es auf Vancouver Island viele gibt. Auch am Long Beach sind solche Spuren zu finden.

Höhepunkt am Highway Vier: Die Zedern und Douglasien von Cathedral Grove erreichen Stammumfänge von bis zu zehn Metern

Höhepunkt am Highway Vier: Die Zedern und Douglasien von Cathedral Grove erreichen Stammumfänge von bis zu zehn Metern

Foto: GMS
Von der starken Brandung losgerissen und an den Strand gespült: Touristenführerin Natalie Haltrich nimmt nahe Tofino die langen Bullkelp-Pflanzen unter die Lupe

Von der starken Brandung losgerissen und an den Strand gespült: Touristenführerin Natalie Haltrich nimmt nahe Tofino die langen Bullkelp-Pflanzen unter die Lupe

Foto: GMS
Totes Holz am Long Beach: Die vom Ozean angespülten Baumstämme stammen aus den Wäldern West-Kanadas und haben sich bei Transporten zu den Sägewerken selbstständig gemacht

Totes Holz am Long Beach: Die vom Ozean angespülten Baumstämme stammen aus den Wäldern West-Kanadas und haben sich bei Transporten zu den Sägewerken selbstständig gemacht

Foto: GMS
Zwischen dem Ozean, den Bergen und den Wäldern: Die Strände bei Tofino gehören zu den beliebtesten Plätzen des Pacific Rim Nationalparks

Zwischen dem Ozean, den Bergen und den Wäldern: Die Strände bei Tofino gehören zu den beliebtesten Plätzen des Pacific Rim Nationalparks

Foto: GMS












Das kanadische WWW-Wunder
Bitte klicken Sie auf ein Bild,
um zur Großansicht zu gelangen.

Natalie hat zum Beispiel rasch ein "großes Geschäft" entdeckt, das ein Gevatter Petz am Ufer hinterlassen hat. "Dass es von einem Schwarzbären stammt, beweisen die vielen unverdauten Heidelbeeren", sagt Natalie. "Und weil diese Stelle bei Flut überspült wird, kann er erst vor wenigen Stunden hier gewesen sein." Bei solch einer Auskunft wird einem doch etwas mulmig.

Von schlauchartigen Pflanzen

Von schlauchartigen Pflanzen

Long Beach liegt zwischen Tofino und Ucluelet, den touristischen Hauptorten an der Westküste Vancouver Islands. Von der Hauptstadt Victoria trennt sie eine fünfstündige Autofahrt, die zunächst noch an der Georgia-Straße entlang führt, dem breiten Wasserweg zwischen Insel und Festland.

Bei Parksville zweigt dann der Highway vier zum Pazifik ab und führt ab Port Alberni nur noch durch wilde, bergige Natur. Er ist die einzige Teerstraße, die gen Westen führt, und das auch erst seit 1959. Damals lebten nur 300 Menschen in Tofino.

Heute hat Tofino 1500 ständige Einwohner, während der Saison im Sommer sind aber bis zu 30.000 Menschen im Ort. "Hier hat sich alles ganz schön verändert", sagt Natalie Haltrich. "In den Achtzigern war Tofino noch ein Hippie-Ort. Die Touristen haben am Strand geschlafen, und es waren viele per Anhalter unterwegs. Doch vor etwa zehn Jahren ging es dann los, dass alles etwas schicker wurde, dass zum Beispiel das Parken vor den Stränden Geld kostete." Wer in der Hochsaison mit dem Campmobil kommt, muss heute bis zu 50 kanadische Dollar (37,50 Euro) Standgebühr bezahlen - nicht etwa pro Woche, sondern pro Nacht.

Die Mischung stimmt

Woran liegt es, dass Tofino und der Pacific Rim Nationalpark so beliebt geworden sind? Für Jay Gildenhys, der im Ort ein Restaurant betreibt, ist die Sache völlig klar: "Die Touristen kommen wegen der Kombination aus Naturerlebnis und gutem Essen." Es gebe in Tofino eine enorme gastronomische Bandbreite und einen "hervorragenden Zugang zu erstklassigem Seafood".

Auf den Karten stehen vor allem Heilbutt und Lachs, "allein davon gibt es fünf verschiedene Arten in der Region." Dazu kommen der sattgrüne Küsten-Regenwald und die Touren zur Walbeobachtung im Pazifik, die in Tofino und Ucluelet angeboten werden - die Mischung stimmt, die Urlauber mögen das.

Feiner Schleier von Salzwasser

Natalie Haltrich hat der Hinterlassenschaft des Bären den Rücken gekehrt und sucht nach weiteren Spuren. Die Brandung läuft sich mit Wucht noch immer an dem Holz tot, das den Long Beach übersät - es sind geschlagene Stämme, die sich beim Transport über die Flüsse West-Kanadas selbstständig gemacht haben und in den Ozean gespült wurden. Jahre später tauchen sie dann an den Küsten wieder auf, vor allem Rotzedern verrotten im Wasser nicht so schnell.

Dazwischen liegen kleine Berge von Bullkelp, schlauchartigen Pflanzen von der Dicke einer menschlichen Faust, die von der schweren Dünung aus dem Meeresboden gerissen wurden. Bullkelp könne mehr als 25 Meter lang werden und pro Tag bis zu 40 Zentimeter wachsen, erläutert Natalie.

Die starke Brandung legt einen feinen Schleier von Salzwasser über den Strand, der sich auf den Lippen der Long-Beach-Spaziergänger mit Süßwasser mischt. Denn inzwischen hat es zu regnen begonnen, dicke Tropfen prasseln auf den Sand, die Bäume und den Bullkelp. Rasch sind die Regenjacken wieder übergezogen. "So ein Wetter kann man hier jeden Tag haben", sagt Natalie, "auch im Juli und August".

Stürmische See und Wellenreiter

Stürmische See und Wellenreiter

"Welcome to the wet coast" ("Willkommen an der nassen Küste"): Mit diesem Wortspiel begrüßt an Tagen wie heute Charles McDiarmid seine Westküsten-Gäste. Der Hotelier aus Tofino kann sich noch gut an die Jahre erinnern, in denen es kaum Urlauber in diesen Teil von Vancouver Island verschlug.

"Der Pacific Rim Nationalpark wurde 1971 gegründet, damit ging der Tourismus hier zwar los. Richtig bekannt wurde Tofino aber erst, als es 1985 bis 1995 harte Auseinandersetzungen zwischen Umweltschützern und Holzindustrie gab." Es ging dabei um große Regenwald-Areale, die gefällt werden sollten, "und jeder wollte dann die Bäume sehen, die fast umgehauen wurden."

In seinen Hotelzimmern hat Charles McDiarmid unter anderem "Der Sturm" von Sebastian Junger ins Bücherregal stellen lassen - und das ist kein Zufall. Viele Gäste kommen inzwischen auch im Herbst und Winter, wenn der Pazifik seine ganze Kraft ballt und Wellen gegen Vancouver Island schleudert, die die sommerliche Ein-Meter-Brandung an Long Beach wie einen Witz erscheinen lassen. "Storm watching" nennen das die Hoteliers und freuen sich über die Saisonverlängerung.

Ein Besuch bei den Grauwalen

Ein anderes "watching" lockt dagegen im Sommer - Walbeobachtung ist einer der wichtigsten Gründe für Urlaub auf Vancouver Island. Seit "Jamie's whaling station" 1982 startete, haben sich in Tofino zehn Ausflugsunternehmen etabliert, drei gibt es in Ucluelet. Für 85 Dollar (64 Euro) geht es für drei Stunden an Bord, um zwischen den vielen Inseln an der stark zerklüfteten Westküste Grauwale zu suchen.

Jedes Jahr im Frühling wandern rund 20.000 der bis zu 14 Meter langen Meeressäuger von Mexiko nordwärts nach Alaska, im Herbst geht es dann zurück in wärmere Gefilde. Etwa 50 Grauwale machen aber nicht die ganze weite Reise mit, sondern bleiben den Sommer über in der Nähe von Tofino.

Und in der Tat ist beim Bootsausflug bald einer von ihnen gefunden - voller Entzücken fotografieren die Gäste, wie der Wal beim Abtauchen seine Flosse in die Luft hebt. "Den hier nennen wir wegen der Punkte auf seiner Haut "Two Dot Star". Der kommt schon mindestens seit 1976 jedes Jahr nach Tofino", erzählt Kapitän Bruce Adams. Auch Buckelwale lassen sich je nach Saison hier beobachten.

Giganten aus Holz

Giganten aus Holz

An manchen Tagen ist der Andrang so groß, dass die Ausflugsboote mehrmals auf Tour gehen. "Die Urlauber kommen wegen der Natur. Sie in völliger Einsamkeit zu genießen, geht im Sommer aber kaum noch", sagt Natalie Haltrich. Manchmal seien nahe der Broken Group Islands bei Ucluelet 200 Kayakfahrer zugleich unterwegs. "Wer es hier wirklich einsam haben will, muss noch weiter nach Norden fahren", rät Natalie.

Die meisten Touristen führt die Rückreise von Tofino oder Ucluelet aber in die andere Richtung - nach Südosten, zurück nach Victoria. Ein Stopp lohnt dabei stets in Cathedral Grove nahe des Cameron Lake, wo bis zu 800 Jahre alte Baumriesen einen verwunschen erscheinenden "Zauberwald" bilden.

70 bis 80 Meter hohe Douglasien und Rotzedern stehen hier - mit Moos bewachsen und von Farnen und Hemlocktannen umgeben - Seite an Seite. Ein Schild mahnt Besucher, auf das Rauchen zu verzichten, denn "ein Feuer hier wäre eine nationale Tragödie".

Eine öffentliche Galerie

Auch der kleine Ort Chemainus an der Ostküste Vancouver Islands verleitet dazu, den Highway Richtung Süden für ein bis zwei Stunden zu verlassen. Die Einwohner haben hier im Jahr 1982 damit begonnen, größere Hauswände mit bunten Bildern anzumalen.

Sie zeigen, wie es vor 100 Jahren im lokalen Krankenhaus aussah, erinnern an die einst große japanische Kolonie oder schildern, wie es einem aus China stammenden Händler namens Fong Yen Lew in Chemainus ergangen ist. In diesem Jahr wird in dem freundlichen Ort mit den vielen Holzhäusern, kleinen Restaurants und Cafés schon das 38. Wandgemälde enthüllt.

Spätestens beim Stopp in Chemainus ist der Reisende wieder zurück in der Welt von Kleinstadt-Kanada: Es ist sehr schön hier, aber nicht besonders aufregend. Die tosenden Wellen von Long Beach, die dichten Wälder und Tofinos Wale - all das scheint schon wieder weit entfernt.

Christian Röwekamp, dpa

Wissenswertes über Vancouver Island

Wissenswertes über Vancouver Island

Reiseziel: Vancouver Island ist die größte Insel an der Westküste Kanadas und liegt im äußersten Südwesten der Provinz British Columbia

Anreise und Formalitäten Air Canada, Lufthansa, Condor, LTU und Air Transat fliegen von verschiedenen deutschen Städten nach Calgary und/oder Vancouver. Von dort aus per Flugzeug weiter nach Victoria auf Vancouver Island. Fähren setzen von Tsawwassen und Horseshoe Bay auf dem Festland nach Nanaimo und Victoria auf der Insel über. Für Autofahrer ist im Sommer eine sehr frühzeitige Reservierung ratsam (Internet: www.bcferries.com). Für einen Aufenthalt bis zu drei Monaten brauchen EU-Bürger einen gültigen Reisepass, aber kein Visum.

Klima und Reisezeit: Gemäßigtes Seeklima. Das Wetter ändert sich häufig. Der Unterschied zwischen Sommer und Winter ist dabei weniger extrem als in anderen Teilen Kanadas. Die Tageshöchstwerte liegen im Mai im Schnitt bei 17, im Juli bei 22 und im September bei 19 Grad. Im Winter fällt das Thermometer am Meer nur selten unter null Grad.

Währung: Ein kanadischer Dollar kostet etwa 0,74 Euro (Stand: April 2006). Kreditkarten werden überall akzeptiert.

Sprache: Englisch.

Zeitverschiebung: Deutsche Zeit minus neun Stunden.

Informationen: Canadian Tourism Commission, c/o Lange Touristik-Dienst, Eichenheege 1-5, 63477 Maintal (Tel.: 01805/52 62 32 für 12 Cent/Minute); Internet: www.travelcanada.ca , www.hellobc.com , www.vancouverisland.travel .

Mehr lesen über