Transsib Unter Tataren

Es ist der Traum vieler Weltreisenden: Einmal mit der Transsibirischen Eisenbahn fahren, quer durch Russland bis nach Peking. Wer sich auf das Abenteuer einlässt, muss viel Zeit mitbringen.

Jekaterinburg - Auf den ersten Blick sehen die Bauerndörfer, die am Zugfenster vorbeiziehen, genauso aus wie auf den bisherigen 5000 Kilometern Bahnstrecke durch Russland. Doch dann wird eine der Reisenden stutzig. "Guck mal, die Dorfkirche hat kein Kreuz auf der Kuppel, sondern einen Halbmond", ruft eine deutsche Touristin im Speisewaggon ihrem Begleiter zu. Weil es die Transsibirische Eisenbahn nicht eilig hat, kann auch der Mann noch einen Blick auf die Holzmoschee im muslimisch geprägten Gebiet Tatarstan an der Wolga werfen.

Wer mit der Transsibirischen Eisenbahn reist, nimmt sich viel Zeit. Die endlosen Weiten der Taiga schenken dem Reisende Ruhe. Transsib-Reisende finden Muße zum Beobachten, Lesen, Diskutieren und Genießen.

Bei deutschen Touristen ist vor allem die Route von Moskau in Richtung Osten mit Ziel Peking beliebt. Von der boomenden Weltstadt Moskau aus wagen sich die Reisenden durch den europäischen Teil Russlands über das wilde Sibirien immer weiter nach Osten.

Transsib-Experten empfehlen dagegen die andere Richtung. Auf der Fahrt von Sibirien in Richtung Europa bekommt der Reisende aufgrund der Zeitzonen fast jeden Tag eine Stunde geschenkt. Man kann sich also am Morgen geruhsam auf seiner Pritsche noch einmal umdrehen und sich wieder in den Morgenschlummer schaukeln lassen.

Nach der Abfahrt aus der Tatarenhauptstadt Kasan ist die Stimmung im Barwaggon erfahrungsgemäß besonders ausgelassen und dauerhaft. Zum einen steht das Ende der Reise mit dem Ziel Moskau bevor. Zum anderen bekommt der Reisende in einer Nacht gleich zwei Stunden geschenkt, die viele in einige Extrarunden russisches Bier und Wodka investieren.

Die Fahrt mit Auftakt in Peking und dann in Richtung Westen fordert dem Reisenden am Anfang mehr ab. An den anstrengenden Langstreckenflug schließen sich aufregende, laute Tage in der chinesischen Hauptstadt an.

Dann folgt die von vielen Reisenden völlig unterschätzte Mongolei mit ihrer einmaligen Natur. "Wir hätten es nicht für möglich gehalten, aber die Bergwelt der Mongolei ist noch schöner als unsere Schweiz", erzählt ein eidgenössisches Ehepaar. Der Armut der Menschen stehe ein unbeschreiblicher Reichtum der Natur gegenüber. Für das größte Erstaunen der Reise sorgte eine Wiese voll mit Edelweiß und Enzian, auf der Lämmer grasten.

Luxusfahrt im "Zarengold"

Luxusfahrt im "Zarengold"

Wer die Transsib in einem der Luxuszüge bereist, bekommt allenfalls eine Ahnung vom wirklichen Leben auf der russischen Eisenbahn. Die besten Abteile sind luxuriös mit seperatem Sessel und geteilter Duschkabine ausgestattet.

Ihre Traumreise lassen sich die Urlauber aus Westeuropa einiges kosten: Zwischen 3000 und 5000 Euro pro Person werden für die Tour von Peking bis nach Moskau im Nostalgiezug "Zarengold" fällig. Einige Schlafwaggons wurden noch zu Stalins Lebzeiten gebaut und beförderten in den folgenden Jahrzehnten die sowjetische Nomenklatura durchs Riesenreich.

Im Paket ist von den Flugreisen mit westlichen Airlines über die Verpflegung bis zu den Hotelübernachtungen in einigen ausgesuchten Städten fast alles eingeschlossen. Einige Tagesausflüge wie die Bootstour auf der Wolga und der Ausflug zur Chinesischen Mauer sowie die alkoholischen Getränke an Bord kosten extra. Für ein Bier im Barwaggon sind beispielsweise knapp zwei Euro zu zahlen. Der Kellner nimmt gern Euro. Ähnlich wie der Dollar genießt die europäische Gemeinschaftswährung in Russland mehr Vertrauen als der eigene Rubel.

Mitten im Leben

Ob im Zug oder bei den Stadtführungen, überall wird Deutsch gesprochen. Bei den Stopps am Baikalsee, in der sibirischen Metropole Nowosibirsk oder der Uralstadt Jekaterinburg bleibt genug Zeit, die örtlichen Reiseführerinnen auch über das alltägliche Leben auszufragen.

Ohne Scham oder Scheu berichten die Frauen vom gemeinsamen Wohnen dreier Generationen in einer Zweizimmerwohnung, von der Leidenschaft des Pilzesammelns oder dem gespaltenen Verhältnis vieler Landsleute zum in Deutschland bis heute beliebten Politiker Michail Gorbatschow, der als sowjetisches Staatsoberhaupt die deutsche Wiedervereinigung ermöglichte.

Deutlich billiger als der Luxuszug sind die Regelzüge, die auf der 9000 Kilometer langen Strecke zwischen Moskau und dem fernöstlichen Zielort Wladiwostok verkehren. Wer sich allerdings auf der Reise erholen möchte und Wert auf Hygiene und Komfort legt, sollte diese Spar-Variante außer Betracht lassen.

Denn in den Abteilen ist es heiß und stickig, die Toiletten sind häufig verdreckt, und in vielen Restaurantwaggons bekommt man meist nur ungenießbares Essen vorgesetzt, weil die Köche das bessere Fleisch an irgend einer Station versetzt haben. Es gibt allerdings auch Abenteuerreisende, die das seltene Glück hatten, auch in einem Regelzug der Transsib "bestens" verköstigt worden zu sein.

Stefan Voß, dpa

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