Dienstag, 12. November 2019

Transsib Unter Tataren

Es ist der Traum vieler Weltreisenden: Einmal mit der Transsibirischen Eisenbahn fahren, quer durch Russland bis nach Peking. Wer sich auf das Abenteuer einlässt, muss viel Zeit mitbringen.

Jekaterinburg - Auf den ersten Blick sehen die Bauerndörfer, die am Zugfenster vorbeiziehen, genauso aus wie auf den bisherigen 5000 Kilometern Bahnstrecke durch Russland. Doch dann wird eine der Reisenden stutzig. "Guck mal, die Dorfkirche hat kein Kreuz auf der Kuppel, sondern einen Halbmond", ruft eine deutsche Touristin im Speisewaggon ihrem Begleiter zu. Weil es die Transsibirische Eisenbahn nicht eilig hat, kann auch der Mann noch einen Blick auf die Holzmoschee im muslimisch geprägten Gebiet Tatarstan an der Wolga werfen.

Endlose Weiten: Die Passagiere der Transsib erleben die Ruhe der Taiga

Wer mit der Transsibirischen Eisenbahn reist, nimmt sich viel Zeit. Die endlosen Weiten der Taiga schenken dem Reisende Ruhe. Transsib-Reisende finden Muße zum Beobachten, Lesen, Diskutieren und Genießen.

Bei deutschen Touristen ist vor allem die Route von Moskau in Richtung Osten mit Ziel Peking beliebt. Von der boomenden Weltstadt Moskau aus wagen sich die Reisenden durch den europäischen Teil Russlands über das wilde Sibirien immer weiter nach Osten.

Transsib-Experten empfehlen dagegen die andere Richtung. Auf der Fahrt von Sibirien in Richtung Europa bekommt der Reisende aufgrund der Zeitzonen fast jeden Tag eine Stunde geschenkt. Man kann sich also am Morgen geruhsam auf seiner Pritsche noch einmal umdrehen und sich wieder in den Morgenschlummer schaukeln lassen.

Blini, Kaviar und drei Sorten Wodka: So üppig geht es nur in einem der Luxuszüge wie dem "Zarengold" zu

Nach der Abfahrt aus der Tatarenhauptstadt Kasan ist die Stimmung im Barwaggon erfahrungsgemäß besonders ausgelassen und dauerhaft. Zum einen steht das Ende der Reise mit dem Ziel Moskau bevor. Zum anderen bekommt der Reisende in einer Nacht gleich zwei Stunden geschenkt, die viele in einige Extrarunden russisches Bier und Wodka investieren.

Die Fahrt mit Auftakt in Peking und dann in Richtung Westen fordert dem Reisenden am Anfang mehr ab. An den anstrengenden Langstreckenflug schließen sich aufregende, laute Tage in der chinesischen Hauptstadt an.

Dann folgt die von vielen Reisenden völlig unterschätzte Mongolei mit ihrer einmaligen Natur. "Wir hätten es nicht für möglich gehalten, aber die Bergwelt der Mongolei ist noch schöner als unsere Schweiz", erzählt ein eidgenössisches Ehepaar. Der Armut der Menschen stehe ein unbeschreiblicher Reichtum der Natur gegenüber. Für das größte Erstaunen der Reise sorgte eine Wiese voll mit Edelweiß und Enzian, auf der Lämmer grasten.

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