Heiße Quellen Badespaß auf japanisch

Auf Japans südlicher Insel Kyushu sprudeln zahlreiche heiße Quellen. Sie sind die Grundlage einer Badetradition, die körperliches Wohlgefühl verspricht. Ob im Badehaus oder in den natürlichen Becken der Bergquellen – Entspannung pur ist angesagt.

Shimabara/Aso - Nach einer halben Stunde hat Haruvuki Ito genug. Um die Holzbank nicht übermäßig nass zu machen, zieht der Rentner seine Beine, die eben noch bis zu den Knien im Becken baumelten, nacheinander aus dem heißen Wasser. Anschließend greift er hinter sich und schnappt nach seinem Handtuch. Jeden Tag kommt der 65-Jährige zur heißen Quelle auf dem Marktplatz der kleinen Stadt Shimabara. Das machen viele Menschen auf Kyushu so - denn es gibt zahlreiche heiße Quellen auf Japans südlichster Hauptinsel.

Sie bilden die Grundlage einer Badetradition, die neben dem körperlichen Wohlgefühl dem menschlichen Miteinander dient. "Ich komme jeden Tag hierher, um mich zu entspannen und um Freunde zu treffen", erklärt Haruvuki Ito und trocknet sich ab. Eine deutlich betagtere Dame kräht dazwischen: "Ich bin oft schon morgens um halb zehn hier." Dann seien Becken und Bänke gerade gereinigt worden.

Entspannen kann man in Shimabara auch im Teehaus. Zum Beispiel im "Shimabara Mizuyashiki", dessen Eingang Fremde nicht unbedingt in der örtlichen Einkaufspassage vermuten würden.

Das seit 1872 bestehende Gasthaus ist eine Oase der Ruhe: auf Tatami-Matten sitzend, schlürft der Besucher seinen Pulvertee mit Blick auf einen grün schimmernden Teich, dessen spiegelglatte Oberfläche hin und wieder von einem neugierigen Koi durchbrochen wird. Wer lokale Spezialitäten testen will, kann zum Beispiel Kan-zarashi probieren. Das sind süße und leicht klebrige Bällchen aus Reismehl.

Willkommen im Teehaus

In Shimabara gibt es auch ein Schloss, genauer gesagt: einen Nachbau von 1964. Das Original, 1615 errichtet, diente Provinzfürsten als Heimstatt. Die Rekonstruktion, zumindest von außen prächtig, beherbergt neben einer Ausstellung zur Geschichte der Christen in Japan auch eine Sammlung schmucker Samurai-Rüstungen. Wie die Edelmänner des alten Japan so gelebt haben, davon zeugen die nahe dem Schloss stehenden Samurai-Häuser.

Shimabara wurde im 17. Jahrhundert mit strategischem Bedacht zur Burgstadt ausgebaut. Es fällt leicht, sich vorzustellen, wie ein zur Wache abkommandierter Krieger vom Schloss aus auf die Ariake-See geblickt hat, die zwischen der Shimabara-Halbinsel und dem Festland Kyushus im Osten liegt. Heute bildet die Stadt für Besucher, die mit der Fähre herüber kommen, das Eingangstor zum Unzen-Amakusa-Nationalpark. Dessen Zentrum, das Städtchen Unzen, ist von Shimabara aus in rund einer Stunde mit dem Bus zu erreichen.

Paradies der schönen Aussichten

Paradies der schönen Aussichten

Der Ort ist Japanern wegen seiner heißen Quellen ein Begriff. Und so kommen die Gäste aus dem ganzen Land, um es sich für ein paar Tage gut gehen zu lassen. Von schwefeligen Schwaden, die aus dem felsigen Grund hinter dem Hotel "Kyushu" kriechen, lässt sich niemand stören. Vergnügt wird gebadet, was das Zeug hält. Hier gibt es kein Hotel, das nicht mindestens ein Gemeinschaftsbad aufweisen kann.

Aber Baden ist auch in Nippon nicht alles. Der Nationalpark bietet auch hohe Berge - inklusive Vulkane. Zur Bergstation geht's mit dem Bus, dann ab in die Seilbahn. Von dort führt ein Trampelpfad über den Myoken (1333 Meter) zum Kunimi (1347). Den derzeit aktiven Berg Fugen (1360) müssen sich Wanderer jedoch aus einigen hundert Metern Entfernung ansehen - zu gefährlich ist es direkt am Krater.

Auch der Lavadom des 1486 Meter hohen Heisei Shinzan ist nicht zugänglich. Über die zerstörerische Kraft der Vulkane informiert übrigens das Mount Unzen Disaster Memorial in Shimabara. Es widmet sich vor allem dem Ausbruch im November 1991, als der 1359 Meter hohe Unzen einen Teil der Stadt verwüstete.

Badespaß am Vulkan


Vulkane prägen auch den rund 90 Kilometer östlich im Herzen Kyushus gelegenen Aso-Nationalpark. Seinen Mittelpunkt bildet eine Caldera mit einem Durchmesser von 18 bis 24 Kilometern. Das alte Kraterbecken des Aso wird heute vor allem landwirtschaftlich genutzt.

Natürlich kommen auch viele Touristen, denn Aso ist für Freunde schöner Aussichten geradezu ein Paradies: Rund um die Caldera gibt es zahlreiche Plätzchen, die jeweils einen neuen Blick auf die Landschaft bieten. Rund um das Becken herum thronen die Berge Takadake, Nekodake, Eboshidake, Kishimadake sowie der aktive Vulkan Nakadake.

Sollte das Wetter mal nicht nach Bergwanderungen sein, bietet Aso ebenfalls das eine oder andere öffentliche Bad. Manchmal dort, wo man es nicht erwartet: Aso Shimodajô Fureai Onseneki ist auf den ersten Blick nur ein kleiner Bahnhof, der sich in der Weite der Asos verliert. Einspurig steuert eine kleine Regionalbahn die Station an.

Nur wenige Pendler steigen am frühen Abend hier noch aus. Sie hasten dann durch den mit viel Nippes und Vogelkäfigen ausgestatteten Warteraum auf den Vorplatz hinaus, wo dann vielleicht schon die Gattin mit dem Wagen wartet.

Wenn der Dampf durch den Flur wabert ...

Wenn der Dampf durch den Flur wabert ...

"Beinahe wäre die Station vor einigen Jahren geschlossen worden - zu wenig los hier", erklärt Bahnhofsvorsteher Seiji Kosawazu. Dann kam die rettende Idee: Eine heiße Quelle wurde angezapft und das Bahnhofsgebäude mit zwei Bädern ausgestattet. Eins für Männer, das andere für Frauen. Gegen einen kleinen Obulus nutzen vor allem Herrschaften aus dem Ort die Gelegenheit, um zu baden und um anschließend noch plaudernd im Vorraum zu verweilen. "Es sind aber auch schon mal Ausländer dagewesen", sagt Kosawazu.

Schiebt man die Tür zu einem der Bäder auf, wabert Dampf in den Flur. Wer rechts ins heiße Becken will, muss erst nach links. Dort schnappt sich der Badegast jeweils einen der feinsäuberlich gestapelten Schemel und Waschbottiche. Der Schemel wird vor einen der in Reih und Glied auf Kniehöhe angebrachten Wasserhähne gestellt und der beschlagene Spiegel kurz mit der Hand freigewischt.

Auf der Sitzhilfe kauernd geht es ans Einseifen. Anschließend wird das zuvor in den Bottich eingelassene Wasser zum Abspülen genutzt oder zum Duschkopf gegriffen. Da die heißen Bäder in der Regel gemeinschaftlich genutzt werden, wird auf diese vorherige Reinigung besonders viel Wert gelegt. Keineswegs sollte man dabei jedoch verschwenderisch mit dem Wasser umgehen, sonst erntet man womöglich schräge Blicke. Dann geht es ab ins Becken. Egal wie lang am Abend noch gebadet wird: Einmal sollten Besucher in Aso für einen schönen Anblick aufs Ausschlafen verzichten. Morgens liegt über der Caldera eine Nebeldecke, während die dahinterliegenden Berge von der Sonne beschienen werden.

Treffpunkt der Affen

Auch Beppu im Nordosten Kyushus ist für seine Quellen bekannt. Wer bei Dunkelheit von den umliegenden Hügeln einen Blick auf die kleine Hafenstadt wirft, sieht die bunt angeleuchteten Dampfschwaden der Quellen. Am Tage wirkt die Stadt für den europäischen Geschmack eher spröde, hat aber dennoch aus touristischer Sicht etwas zu bieten: zum Beispiel Mount Takasaki. In einem abgesperrten Areal leben an diesem Berg rund 1200 Affen, die sich innerhalb des Geländes frei bewegen.

Am Fuß des Takasaki liegt direkt am Meer das Oita-Aquarium: Hier drücken sich Walrösser vor lauter Neugier auf die Besucher ihre Nasen an der Scheiben platt. Die Besucher wiederum holen sich einen steifen Nacken, während sie staunend in einem Aquarientunnel nach oben blicken: Über ihnen ziehen Haie und andere Meerestiere ihre Bahnen.

Aber letztlich ist auch in Beppu Baden Trumpf. Aus dem Ausland kommen vor allem Koreaner und Chinesen. Japaner verbringen zur Entspannung manchmal ein ganzes Wochenende mit dem Baden in heißen Quellen - in Beppu oder anderswo. Zwischen zwei Bädern flanieren sie dann in einer Art Bademantel durch den Ort. Touristen, die nicht mit fremden Nackedeis baden möchten, erhalten in Hotels oft auch die Möglichkeit, das Bad für eine gewisse Zeit privat zu nutzen. Aber dann lernt man Menschen wie Haruvuki Ito nur beim Fußbad auf dem Marktplatz kennen.

Sven Appel, dpa

Weitere Informationen über Kyushu

Reiseziel: Kyushu ist die südlichste Hauptinsel Japans. Die größte Stadt ist Fukuoka mit rund 1,3 Millionen Einwohnern. Bekannt ist auch Nagasaki mit rund 450 000 Einwohnern. Der Unzen-Amakusa-Nationalpark liegt mit einer Gesamtfläche von rund 255 Quadratkilometern auf der Shimabara Hauptinsel im Westen Kyushus. Fast drei Mal so groß ist der Aso-Nationalpark, der sich im Norden Kyushus auf die Präfekturen Oita und Kumamoto verteilt. Die rund 135 000 Einwohner zählende Stadt Beppu liegt an der Nordküste Kyushus.

Anreise: Von Tokio aus ist Kyushu sowohl mit dem Flugzeug als auch mit der Bahn gut zu erreichen. Vom internationalen Flughafen Tokio Narita führt eine Verbindung zum Beispiel nach Fukuoka. Von Tokios neuem Inland-Flughafen Haneda gibt es zudem zahlreiche Verbindungen nach Kyushu, zum Beispiel nach Oita.

Die Bahn gilt in Japan als sehr zuverlässig. Aber auch die gut ausgestatteten Züge und die Vielzahl der Verbindungen machen das Reisen auf Schienen in Japan angenehm. Von Tokio aus ist Fukuoka mit dem Shinkansen in rund 6,5 Stunden zu erreichen. Mit Regionalbahnen und Buslinien gibt es Verbindungen auch in kleine Orte. Wer in Japan mehrere Strecken mit der Bahn zurücklegen möchte, legt sich am besten einen Japan-Rail-Pass zu. Der muss jedoch vor der Abreise in Deutschland geordert werden.

Reisezeit: Als beste Reisezeit gelten das Frühjahr und der Herbst mit angenehmen Temperaturen und viel Sonnenschein. Im Sommer kann es auf Kyushu recht schwül werden. Die Bäder sind das ganze Jahr über geöffnet und werden im Winter verstärkt genutzt.

Einreise: Deutsche benötigen für die Einreise nach Japan einen gültigen Reisepass.

Währung: Für einen Euro gibt es etwa 140 Yen (Stand: März 2006).

Informationen: Japanische Fremdenverkehrszentrale, Kaiserstraße 11, 60311 Frankfurt (Tel.: 069/203 53, Fax: 069/28 42 81, Internet: www.jnto.go.jp 

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