Sellamassiv Skiperlen der Dolomiten

Rund um das Südtiroler Sellamassiv zieht sich eine der größten und landschaftlich spektakulärsten Skiarenen der Alpen: der Dolomiti Superski. Die über 1200 Kilometer Abfahrt garantieren den Skifahrern tägliche Abwechslung. Ein Muss für Anfänger wie für Fortgeschrittene: die 40 Kilometer lange Umrundung des Felsplateaus.

Wolkenstein - 10.30 Uhr auf den Sonnenliegen der Schneebar über dem Grödner Joch. Zur Rechten thront die mächtige Sellagruppe, aus dem Tal schaukeln kleine runde Gondeln nach oben. Die meisten glänzen leer in der Morgensonne. Luigi blickt trotz blendender Sonnenstrahlen grimmig drein, während er neben der Seilbahn den Cappuccino serviert.

Vielleicht, weil erst heute - am Montag, als die Wochenendtouristen längst nach Turin oder Mailand abgereist sind - die Sonne herauskommt. Vielleicht aber auch, weil er selbst lieber auf der Piste wäre anstatt hier zu bedienen. Das wäre verständlich, schließlich ist die Seilbahn ein kleines Stück des wohl größten Skizirkus der Welt - des Dolomiti Superski.

Entstanden ist das Megagebiet durch den Zusammenschluss der Skigebiete von zwölf Dolomitentälern, die sich um das Bergmassiv der Sella erstrecken - darunter sind so bekannte Gebiete wie Alta Badia, Gröden und Arraba. Jedes Ressort ist bereits für sich genommen stattlich. Zusammen bringt es die Superski-Region aber auf etwa 450 Liftanlagen und 1220 Kilometer Abfahrten - das reicht aus, um eine ganze Woche keinen Hang zweimal fahren zu müssen. Die Saison reicht hier vom 3. Dezember bis zum 18. April, und im Frühjahr ist das Skigebiet als Sonneneldorado beliebt.

Sellaronda erfordert frühes Aufstehen

Die Krönung des Skiurlaubs bildet aber ohne Frage die Sellaronda. Einmal per Ski auf rund 40 Kilometern vor atemberaubender Kulisse die Felsmassive umrunden. Um diese Runde an einem Tag problemlos zu bewältigen, ist frühes Aufstehen angesagt.

Allein zwei Stunden dauern bereits die reinen Auffahrtzeiten mit Gondeln und Sesselliften unterschiedlichster Varianten, Wartezeiten nicht eingerechnet. Dazu kommt die Abfahrtzeit. "Morgens vor 10.00 Uhr starten und spätestens um 15.30 Uhr über den letzten Bergkamm sein", gibt der Mann bei der Liftkartenausgabe als Koordinaten vor. Vier Bergrücken sind zu überqueren. Wer zu spät dran ist, läuft Gefahr, den letzten Anschlusslift zu verpassen.

Pisten von leicht bis mittelschwer dominieren das Skigebiet. Die Dolomiten gelten als Familienressort mit breiten, gut präparierten Pisten. Höchstens die Steilheit rechtfertigt hier schwarze Pistenmarkierungen, die auf drei Kilometern der Sellaronda vergeben wurden.

Italienische Ordnung

Italienische Ordnung

Und es geht überraschend ordentlich zu: Orange Wegweiser führen im Uhrzeigersinn um die Sellagruppe, grüne genau andersherum. Dazu gibt es zahlreiche Hinweise zu Vorfahrts- und Verhaltensregeln.

Ansonsten herrscht aber italienisches Ambiente pur. Modenschau auf der Piste, an jeder Bar einen günstigen und genial guten Cappuccino - und jede Menge Telefoninos. In der Gondel, im Restaurant, auf der Piste. Der Gast aus Deutschland wundert sich, wie oft so ein Handy auf den 20 Minuten Liftfahrt klingeln kann und wie oft die Besitzerin euphorisch mit denselben Worten erklärt, dass heute perfektes Skiwetter herrscht und alles so großartig ist.

Auch die Hütten bieten mit ihren Spezialitäten viel Abwechslung vom deutsch-österreichischen Programm: Vov ist eine Mischung aus heißem Eierlikör und Whiskey, nach der man sich jede schwarze Piste hinabstürzen würde. Oder das klassische Getränk der hier ansässigen Ladiner: Parampampoli, ein Gemisch aus Grappa, Wein, Espresso und Karamell, das brennend serviert wird.

Schattiger Rosengarten

Vom Grödner Joch führt die Piste nach Corvara hinab. Von Westen bringt die Seilbahn die Ski-Fans dann wieder hinauf an die Hänge des 3151 Meter hohen Bergmassivs.

Am Pordoipass wartet der absolute Höhepunkt: Von hier aus geht der Blick über den Langkofel und auf den im wahrsten Sinne des Wortes sagenhaften Rosengarten, über den der Zwergenkönig Laurin aus Liebeskummer als Strafe verhängte, dass die Sonne tagsüber nicht mehr scheinen sollte. Und so erfasst sie die Felskette nur abends für kurze Zeit und taucht sie dafür regelmäßig in eines der wunderbarsten und rosarotesten Alpenglühen.

Teure Boutiquen und leckere Pizzen

Nach 40 Kilometern geht der Rundparcours zu Ende - 15.25 Uhr - gut im Zeitplan. Typisch ist auch das Abendflair: Teure Boutiquen und leckere Pizza prägen die traditionellen Skiorte wie Wolkenstein und St. Christina.

Abends aus dem Fenster beobachtet man die Lichter der Schneeraupen, die am Berghang gegenüber vor sich hinbrummen, während sich weiter südlich der mächtige Umriss des Langkofel wie ein riesiger Diamant vom sternklaren Nachthimmel abhebt. Man freut sich auf den nächsten Morgen.

Nochmals möchte man die Sellaronda zwar nicht fahren, aber das ist auch gar nicht nötig: Es bleiben ja noch rund 1180 Kilometer Piste zu entdecken.

Jochen Hägele, ddp

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