Québec Auf Eis gebettet

Der kanadische Winter hat viele Facetten. Mitten in Québecs Wildnis können Besucher in einem Eishotel nächtigen oder sich in einer Eiskapelle trauen lassen. Wer die Kälte nicht scheut, wird das frostige Erlebnis genießen.

Sainte Catherine - Laut knattert es aus dem Holzschuppen, weiße Rauchschwaden ziehen durch das offene Tor hinauf in den Morgenhimmel. Es stinkt nach Öl. Einige Fehlzündungen später schießt ein Motorschlitten aus dem Zwielicht des Schuppens ins Freie.

Auf dem Bock der schwarzen Maschine sitzt Burt Thierrault, ein bulliger Mann mit angegrautem Vollbart. Er führt Touristen mit dem Motorschlitten durch die kanadische Wildnis.

Sein Arbeitsplatz liegt eine halbe Autostunde nördlich von Québec City zwischen Sainte Catherine de la Jacques-Cartier und dem Nationalpark Jacques-Cartier, der in das Tierschutzgebiet Laurentides mit seinen Elchen, Bären und Pumas übergeht.

Wer auf den präparierten Pisten fahren will, muss eine Vignette für 250 Dollar kaufen, die ein Jahr gilt. 250 Skidoo-Cops stellen Mautpreller und wachen darüber, dass niemand seinem Schlitten zu wild die Sporen gibt: Auf den "groomed trails" gilt eine Höchstgeschwindigkeit von 70 Stundenkilometern (km/h). Das ist auch notwendig: Die Sportschlitten erreichen heute Geschwindigkeiten von bis zu 220 km/h.

Auf den Hund gekommen:Mit vier bis fünf «Hundestärken» über Land - gesteuert wird der Schlitten, indem der Fahrer sein Gewicht verlagert

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Foto: GMS
Dickes Fell und viel Power: Schlittenhunde sind optimal auf das Leben im Schnee vorbereitet

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Foto: GMS
Kühle Atmosphäre: Beim Drink an der Bar des "Hôtel de Glace" in Québec sind selbst die Gläser aus Eis

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Foto: GMS
Vermummt: Die Skidoos (Motorschlitten) können locker mit 100 Stundenkilometern durch den Schnee pflügen

Vermummt: Die Skidoos (Motorschlitten) können locker mit 100 Stundenkilometern durch den Schnee pflügen

Foto: GMS


Facettenreiche Eizeiten
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Dick eingepackt in Schutzkleidung geht es auf den Schlitten. Noch ist das neue Gefährt ungewohnt, der mit den Kufen verbundene Lenker reagiert ohne Umschweife. Gas gibt der Skidoo-Fahrer mit dem rechten Daumen. Lässt er den kleinen Gashebel los, bremst der Motor.

Die vielen Seen auf dem Weg nach Norden bieten mit ihren Eisdecken die beste Gelegenheit, den Skidoo auszufahren. "Wir können von hier direkt zum Nordpol fahren", scherzt Burt. Tatsächlich erstreckt sich die Provinz Québec bis hinauf in die Arktis. Knapp viereinhalb Mal so groß wie Deutschland bietet Québec noch immer Orte, an denen noch nie zuvor ein Mensch war.

Nach etlichen Kilometern bei vielen Grad unter Null kommt die Kälte selbst durch die dicksten Handschuhe. Zum Glück sind kleine Heizungen in die Lenkergriffe eingebaut. Den Sitz heizt der Motor. Trotzdem: "Mehr als 250 Kilometer am Tag sollte man nicht zurücklegen, das wird zu anstrengend", rät Burt.

Jawort unter der Eiskuppel

Nicht weit von Burts Schuppen entfernt stehen die Holzhäuser der Station Touristique Duchesnay und das "Hotel de Glace", ein Eishotel. Das einem Iglu ähnliche Gebäude beherbergt 32 Zimmer, eine Bar, eine Disko, eine Galerie mit Eisskulpturen und eine Kapelle, wo sich jedes Jahr rund 25 Paare ein eisiges Jawort geben.

Aus 12.000 Tonnen Schnee und 400 Tonnen Eis wird das Hotel seit 2001 jeden Winter neu gebaut. Sieben Wochen dauert es, bis das Gebäude mit 3000 Quadratmetern Fläche steht. "Das Hotel lebt - der Schnee verdichtet sich während der Standzeit um bis zu 95 Prozent", erklärt Ryan Fortner vom Eishotel.

Wie in fast jedem anderen Hotel auf der Welt zieht es die meisten Gäste nicht direkt ins Bett, sondern an die Bar. Im Hotel de Glace ist die transparente Theke natürlich nicht aus Glas, sondern wie die Tische und Stühle kunstvoll aus Eis hergestellt. Dabei sind die fast konstanten vier Grad minus im Hotel durchaus komfortabel. Schließlich herrschen draußen noch viel menschenfeindlichere Temperaturen. Gäste, die das Zubettgehen weiter hinauszögern wollen, gehen in eine Holzhütte am Rande des Geländes saunieren. Whirlpools unter freiem Himmel locken daneben mit dicken Dampfschwaden.

Dann geht es ins Bett - ein Eisblock, auf dem ein Tierfell liegt. Die Kleider wandern vor dem Schlafengehen in den Kompressionssack des auf sibirische Kälte ausgelegten Leihschlafsacks. In den schlüpfen die Hotelgäste am besten in langer Funktionsunterwäsche, um sich dann gewissenhaft zu "mumifizieren". "Viele Leute sagen, sie fühlen sich erfrischt, wenn sie aufwachen - das ist etwas anderes als die trockene Heizungsluft", sagt Ryan.

Eishotelgäste, die glauben, mit der Kälte nun per Du zu sein, sollten den Schlittenhunden von Simon Gigou einen Besuch abstatten. Nicht weit von der Station Duchesnay entfernt kümmert er sich um 146 Huskies, Malamute, Grönlandhunde und Samojeden. Die "trinken" am liebsten Schnee und verspeisen gefrorenes Fleisch, Temperaturen oberhalb des Gefrierpunkts sind ihnen ein Gräuel. Québec-Reisende, die sich als Steuermann auf die Kufen eines Hundeschlittens stellen, lernen meist schnell. Sie lenken intuitiv per Gewichtsverlagerung - niemand muss eine Fahrschulbank in der Wildnis drücken.

Von Zeit zu Zeit müssen die Fahrer den Bremsbügel treten, um nicht in die Hunde zu fahren. Hundeschlittenfahren ist angenehm, aber auch unerwartet schweißtreibend - eine sportliche Alternative zum Langlauf oder Schneeschuhwandern. Gute Schlitten brauchen eben nicht immer knatternde Pferdestärken. Starke Hunde tun es auch.

Dirk Averesch, DPA

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