Kreuzfahrtkritiker Herren der Seesterne

Mit der Auszeichnung "Fünf-Sterne-Plus" ist ein Kreuzfahrtschiff Weltspitze. Nur wenige Luxusliner erlangen diese Höchstwertung. Die wichtigsten Auszeichnungen vergeben der Engländer Douglas Ward und der Amerikaner Stephen B. Stern.

Hamburg - Für Ozeantouristen sind die Sterne eines Kreuzfahrtschiffes oft das Maß aller Dinge. Denn je mehr Sterne einen Liner schmücken, desto größer ist das Traumschiffpotenzial. Doch um die Auszeichnung herum schlagen die Wellen mitunter hoch. Vier Sterne, oder doch schon fünf? Keine vier Sterne mehr, sondern nur noch drei?

Die Einordnung der Schiffe kommt nicht von den Reedereien selbst, auch nicht von einer Schifffahrtsbehörde. Die Sterne am Kreuzfahrtenhimmel streuen professionelle Kreuzfahrtkritiker. Der bekannteste dieser Schiffstester ist der Engländer Douglas Ward.

"Kreuzfahrtenpapst" wird der 60-jährige Experte mitunter genannt, sein Berlitz-Guide "Ocean Cruising & Cruise Ships" gilt als die Bibel der internationalen Kreuzschifffahrt. Ward testet und bewertet als Präsident der Maritime Evaluations Group in Hampshire seit mehr als 20 Jahren Kreuzfahrtschiffe. In der aktuellen Ausgabe des "Berlitz Cruise Guides" finden sich 256 bewertete Schiffe. "Er verbringt jährlich über 250 Tage an Bord, um alle unter die Lupe zu nehmen", erklärt die Sprecherin des Langenscheidt Verlages in München, Simone Kohl.

An Bord der MS Deutschland: Für die Kreuzfahrtkritiker zählen nicht nur die technischen Daten - bewertet werden beispielsweise auch die Qualität der Küche, das Unterhaltungsangebot und der Service

An Bord der MS Deutschland: Für die Kreuzfahrtkritiker zählen nicht nur die technischen Daten - bewertet werden beispielsweise auch die Qualität der Küche, das Unterhaltungsangebot und der Service

Foto: GMS
"Fünf-Sterne-Superior": So lautet die Bewertung des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) für die MS Deutschland der Reederei Deilmann

"Fünf-Sterne-Superior": So lautet die Bewertung des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) für die MS Deutschland der Reederei Deilmann

Foto: GMS
Kreuzfahrtkritiker Douglas Ward vergibt Punkte nach 400 Kriterien: Dazu gehört auch die Professionalität des Personals wie hier auf der Queen Elisabeth 2 der Reederei Cunard

Kreuzfahrtkritiker Douglas Ward vergibt Punkte nach 400 Kriterien: Dazu gehört auch die Professionalität des Personals wie hier auf der Queen Elisabeth 2 der Reederei Cunard

Foto: GMS


Kritik mit scharfer Seezunge
Bitte klicken Sie auf ein Bild,
um zur Großansicht zu gelangen.

Ward, der früher als Kreuzfahrtdirektor arbeitete, beschreibt und beurteilt die Luxusliner nicht nur, sondern gibt auch einen Überblick über die Routen sowie Tipps zu Buchungen, Kosten und dem Leben an Bord. Ein Rückblick auf die Anfänge der Kreuzfahrt, ein Schiffsindex und ein Stichwortverzeichnis vervollständigen das Nachschlagewerk.

In den USA erscheint abgesehen davon noch eine zweite "Bibel der Kreuzschifffahrt": der "Stern's Guide to the Cruise Vacation 2005" von Stephen B. Stern. Stern gibt ähnlich wie Ward einen guten Überblick über die Geschichte der Kreuzfahrt, die weltweite Kreuzfahrtflotte, Routen und Häfen, ergänzt durch Tipps für spezielle Zielgruppen wie Singles oder Jogger.

Stern, Jurist aus Chicago und Experte für Luxusreisen, hält sich mindestens drei Monate im Jahr auf Kreuzfahrtschiffen und in Luxusresorts auf. In seinem jährlich aktualisierten Buch stellt er etwa 280 Kreuzfahrer vor, rund 150 davon hat er bewertet.

Werft zog gegen Ward vor Gericht

Werft zog gegen Ward vor Gericht

Dass es den "Berlitz Cruise Guide" nicht auf Deutsch gibt, hat seine Ursache in einem Streit zwischen Ward und der Reederei Peter Deilmann aus Neustadt/Holstein im Jahre 1999. Diese hatte ihr damals nagelneues Flaggschiff MS Deutschland schon vor der Kritikereinordnung mit fünf Sternen geschmückt.

Prompt zeigte sich Ward verschnupft und vergab im "Berlitz Cruise Guide" nur "4-Sterne-Plus". Den nachfolgenden Rechtsstreit gewann Deilmann, die deutschsprachige Ausgabe wurde eingestampft - seither gab es keinen neuen Anlauf. "Und es wird ihn auch nicht mehr geben", erklärt Verlagssprecherin Kohl. "Das Interesse an der englischsprachigen Ausgabe ist einfach größer."

Besonderes Interesse zieht der Preis "Fünf-Sterne-Plus" für das beste Kreuzfahrtschiff der Welt auf sich, vergeben alljährlich vom "Berlitz Cruise Guide". Die Europa von Hapag Lloyd Kreuzfahrten in Hamburg hat diese Auszeichnung als einziges Schiff bereits fünf Mal hintereinander erhalten.

Im Mai dieses Jahres irritierte der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) in Berlin die Branche mit der Bewertung eines einzigen Schiffes: Sie vergab "Fünf-Sterne-Superior" an die MS Deutschland von Deilmann. Vergleiche fehlen jedoch. "Der Grund für die Wahl der Deutschland war, dass es unter deutscher Flagge fährt", erläuterte Pressesprecherin Stefanie Heckel. "Weitere Schiffsbewertungen sind nicht geplant."

Das wirft die Frage nach den Kriterien der Sternevergabe auf: Ward hat 400 Kriterien, für die er Punkte vergibt. Dazu gehören neben den Grundkriterien Schiff, Kabinen, Küche, Unterhaltungsangebot und Service auch die Sicherheit der Passagiere oder die Professionalität des Personals.

Ein Kreuzfahrtschiff kann mit bis zu 2000 Punkten ausgezeichnet werden. Ein Fünf-Sterne-Plus-Schiff braucht für diese Auszeichnung mindestens 1851 Punkte. Ähnlich verfährt der Amerikaner Stern.

Hotels sind keine Schiffe

Hotels sind keine Schiffe

Der Dehoga hat im Vergleich zu Ward und Stern die Kriterien der Hotelklassifizierung zu Grunde gelegt: "Allerdings hat die Klassifizierungskommission von ihrem Ermessensspielraum Gebrauch gemacht", sagt Sprecherin Heckel.

Da der Platz auf einem Schiff begrenzt ist, sei beispielsweise nicht die sonst übliche Zimmergröße von mindestens 26 Quadratmetern erwartet worden. "Dafür wurden dann andere Kriterien stärker berücksichtigt wie Dienstleistung und Ausstattung." Insgesamt sei man dann zum Fazit gekommen, "dass die Auszeichnung 'Luxus' passt".

Zurückhaltender ist da der "Schlummer Atlas" vom Busche Verlag in Dortmund. In der Ausgabe 2005 wurden erstmals zehn Schiffe vorgestellt. "Auswahlkriterium war die Relevanz der Schiffe für den deutschen Markt", erklärte Marketingleiter Jörg Leu. In der Oktober erscheinenden Ausgabe 2006 sind schon 20 Schiffe zu finden. "Wir haben das Kapitel ausgedehnt wegen des großen Interesses unserer Leser."

Zwar kürte der Verlag die MS Europa 2005 "für die überdurchschnittliche Servicebereitschaft und den hohen Standard" zum "Schiff des Jahres". Sterne habe der Verlag aber nicht vergeben wollen, so Leu. "Wegen der vielen Schiffskonzepte ist eine Einordnung sehr schwierig". Der Verlag überlege jedoch, mit einem eigenen Schiffsführer in die Bewertungsschiene einzusteigen.

Ein Kreuzfahrtbewerter mehr kann nicht schaden im Dschungel der Kreuzfahrtschiffe. Allein für den deutschen Markt sind inzwischen rund 60 Kreuzfahrer relevant, jedes Jahr machen rund 600.000 Deutsche eine Kreuzfahrt - denen leuchten die Sterne dann vielleicht den Weg zum richtigen Schiff.

Von Hilke Segbers, DPA

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.