Ötztaler Alpen Aus der Tiefe rauscht der Gletscherbach

Das ewige Eis der Alpengletscher hat im Sommer seinen ganz eigenen Zauber. Wanderer und Kletterer sind hier allein mit sich, der Natur und gigantischen türkisblauen Eiswänden. Und wer Skifahren möchte, muss nicht bis zum nächsten Winter warten.

Acht Meter tief geht es bereits hinunter in der Gletscherspalte.

Nur acht Meter - doch wer sich dort befindet, ist Lichtjahre entfernt von allem, was Bodenhaftung, Sicherheit und Orientierung bedeutet.

Noch weiter lässt Bergführer Hermann Scalet von oben das Seil ab, zwölf Meter mögen es jetzt sein.

Fest haken sich die Steigeisen in die Vorderwand, auch hinten stützt kaltes Eis. Von tief unten dringt ein Rauschen wie aus einer anderen Zeit: der Gletscherbach, hundert Meter tief und hundertfach akustisch verstärkt. Nackte Angst steigt auf, das Seil könnte reißen oder die Spalte zugehen - obwohl der Bergführer gesagt hat, dass es etwa ein Jahr dauert, bis das klaffende Eis sich schließt. Dann folgt das bedrückende Gefühl der Einsamkeit: Allein mit der Kälte und mit dem ständigen Gluckern hinter den Wänden. Doch endlich wächst das Vertrauen in die Seilsicherung. Nun ist Zeit zum Entspannen, zum Schauen und Staunen. Unsagbar schön schimmern die glatten Eiswände - in Türkis, Jadegrün, Aquamarinblau und Amethystviolett. Eine jahrtausendealte Pracht, so frisch und unverbraucht wie gestern.

Zwei Kilometer lang zieht sich die Gletscherspalte durch den 2627 Meter hoch gelegenen Sulztalferner. "Vor dem Rückgang der Gletscher reichte die Zunge bis fast zur Hütte heran", sagt Herbert Schöpf, der Wirt der "Amberger Hütte" auf 2135 Meter Höhe, während er vergilbte Fotos zeigt. Heute holt Schöpf per Jeep die Wanderer aus Längenfeld im Ötztal ab und fährt sie bis zur Hütte, von der aus sie noch fast zwei Stunden bis zum Ferner laufen müssen.

Doch diese Mühe lohnt sich, auch ohne die Absicht auf das Abseilen in eine Spalte. Am Seil und mit Eispickeln und Steigeisen versehen, bahnt sich die kleine Expedition den Weg über Blankeis und später durch Altschnee, bis hin zu einem Eisbruch aus Blöcken, Schneebrücken und haushohen Eistürmen.

Nicht einem Menschen begegnet die Gruppe auf dem Sulztalferner.

Das ändert sich auf dem Tiefenbach- und dem Rettenbachferner in Sölden, die das Ötztal zum ganzjährigen Ski- und Snowboard-Gebiet machen. Dort hält André Arnold, vierfacher Weltmeister der Profi-Skiläufer, sein einwöchiges "Racing Camp" ab. Gedacht ist es für Hobbyrennläufer oder für "Flachlandtiroler", denen es noch an "Biss am Berg" mangelt.

Um acht Uhr morgens, wenn die Teilnehmer am 2800 Meter hohen Rettenbachferner eintreffen, verlassen die dort trainierenden Profis den Gletscher schon wieder. Sie haben ihr Tagewerk bereits um vier Uhr früh begonnen, wenn der Schnee noch so hart ist wie Beton.

Gnadenlos lässt Arnold nun seinen "Racing"-Kurs immer wieder die lange Slalomstrecke abfahren, mit Spuren so starr wie Straßenbahnschienen. Per Video wird selbst der kleinste Schnitzer aufgezeichnet. Vom Tiefenbachferner auf 2800 Metern Höhe verläuft ein neuer, hochalpiner Panoramaweg durch weite Kare und Moränenrücken nach Vent zu Füßen des höchsten Berges Tirols, der 3768 Meter hohen Wildspitze.

Bereits im 18. Jahrhundert faszinierte das Bergdorf Touristen mit seinen glitzernden Gletscherseen. Den Winter im Rücken und den Sommer im Blick, überwindet der Wanderer auf der zehn Kilometer langen Route innerhalb von vier Stunden etwa 900 Höhenmeter, mit einer spektakulären Aussicht auf die Ötztaler und Stubaier Alpen.

Dagmar Gehm, gms

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