San Francisco Nicht nur weltoffen, sondern schön

Früher war San Francisco eine tolerante, aber heruntergekommene Anlaufstelle für Blumenkinder, heute ist es die freundliche Interpretation der amerikanischen Metropole. An der Transformation hatte die Natur auf schaurige Weise einen wichtigen Anteil.

San Francisco - "Shaker" nennen die Einwohner von San Francisco mit Galgenhumor die gefürchteten Erdbeben. Wenige Orte sind so oft von Erdbeben durchgeschüttelt und zerstört worden wie die US-Metropole am Pazifik. Doch dem Stadtbild der "city by the bay" hat das keinen Abbruch getan - im Gegenteil: Aus den Ruinen ist so manche Sehenswürdigkeit entstanden, die neben der Golden Gate Bridge, den Cable Car und der Transamerican Pyramid bestehen kann.

Zuletzt 1989 hat die Erde kräftig gebebt: Die Erschütterung erreichte den Wert 7,1. Viele Häuser stürzten ein, der Strom fiel drei Tage lang aus. Auch der Embarcadero, der ringförmige Highway um die Stadt herum, hielt dem "Shaker" nicht stand und begrub zahlreiche Autos unter sich. "Aber der Highway war noch kein ganzer Ring, und besonders schön war er noch nie", sagt der Architekt Tom Dufurrena. Nach dem Beben beschlossen die Stadtväter, die Autobahn nicht wieder aufzubauen. Stattdessen haben sie eine Flaniermeile geschaffen.

Palmen säumen den neuen Embarcadero, dessen breite Bürgersteige sich Fußgänger, Jogger, Inlineskater und Radfahrer teilen. Gleich hinter dem Pier 39, dem berühmten Fisherman's Wharf, beginnt die schicke Straße und zieht sich bis zum Pier 1, dem Ferry Terminal. Besonders markant ragt der Uhrenturm des Ferry Building in den Himmel. Er gehört so zum Stadtbild, dass sich der Kolumnist Herb Caen das Viertel bei der Oakland Bridge ohne den Turm vorstellt "wie ein Geburtstagskuchen ohne Kerze".

Straßenbahnen: Am besten ganz am Anfang einsteigen

Einst war das Ferry Terminal der einzige Punkt, an dem Menschen von der anderen Seite der Bucht nach San Francisco kommen konnten. Bis zu 50.000 Passagiere wurden hier jeden Tag abgefertigt. Seit aber die Oakland und die Golden Gate Bridge gebaut sind und die U-Bahn bis Oakland fährt, sind die Boote keine täglichen Verkehrsmittel mehr. "Also gab es eine Ausschreibung, das Terminal weiter für die Menschen zugänglich zu machen und zu erhalten", erinnert sich Dufurrena. Sein Arbeitgeber hat die Ausschreibung gewonnen und den Anleger umgebaut.

Dabei wurde die Stahlkonstruktion freigelegt, die dazu beitrug, dass der Bau bei den großen Erdbeben 1906 und 1989 standhielt. Büros befinden sich jetzt im zweiten Stock, im Erdgeschoss bieten Händler auf dem Farmer's Market Produkte aus biologischem Anbau feil.

Hauptattraktion des Embarcadero ist die Straßenbahnlinie F, die einen zentralen Haltepunkt am Pier 1 hat. Leuchtend gelb sind die neueren Modelle, orange und grün die alten, aus Mailand importierten Bahnen, die über die Schienen rumpeln. Fisherman's Wharf verbindet die Tram mit der Market Street. Für eine Fahrt braucht es neben 1,25 Dollar Kleingeld vor allem eines: Geduld. Wer an der ersten Haltestelle hinter dem Pier 43 einsteigt, hat meist noch Glück. Der Fahrer ist hier noch verhältnismäßig gut gelaunt und ein Sitzplatz ohne größere Probleme zu finden. Dann aber wird es rapide voll und laut in der Tram, bis sich am Pier 1 die Wagen wieder leeren.

Romantischer Marktplatz in der Halle

Romantischer Marktplatz in der Halle

Ein Wahrzeichen San Franciscos sind die Cable Car. Drei Linien fahren über die Hügel durch die Straßenschluchten. Die "Powell & Hyde Line" endet an der Jefferson Street, an der eines der flächenmäßig größten Gebäude der Stadt steht: "The Cannery" heißt der Backsteinbau, in dem früher das Unternehmen Del Monte seine Ananas und Pfirsiche in Konservendosen füllen ließ. Heute gehört das Gebäude zu den gelungensten Renovierungsobjekten in der Stadt.

1909 standen rund 2500 Angestellte hier in Lohn und Brot, 200.000 Dosen verließen täglich die Fabrik. Doch 1937 kam mit der Wirtschaftskrise das Ende. Das riesige Gebäude diente als Lager und verfiel zusehends. Doch bevor Mitte der sechziger Jahre die Abrissbirnen anrückten, wurden die Hallen aufgekauft. Ein Ort jenseits des Alltagstrubels sollte dort entstehen, "der an einen der romantischen Marktplätze in Europa" erinnert. Und tatsächlich mutet die "Cannery" heute mit Cafés, Jazz-Kneipen, kleinen Geschäften und Verbindungsgängen nicht typisch amerikanisch an. Der wöchentliche Markt und die mehr als 100 Jahre alten Olivenbäume, die das Gebäude säumen, tun ihr Übriges.

Weiter in Richtung Golden Gate Park ragt das Fort Mason, eine ehemalige Militärfestung, in den Pazifik: ein riesiges Areal mit Wohnungen und Kongresshallen. An das Militär erinnert bei den in Beige und Rot angemalten Gebäuden nichts mehr - so wie ein Stück weiter am "Del Monte Square" die Konservendosen Vergangenheit sind.

Von Verena Wolff, gms

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