Costa Rica Von Ticos, Tierchen und Teutonen

Es ist ein lautstarker Angriff auf die Sinne: Wenn Brüllaffen bellen, Aras kreischen und der große Arenal grummelnd seine glutrote Lava ins Tal entlässt, zeigt sich die "Schweiz Mittelamerikas" von ihrer prächtigsten Seite. Hier locken entlegene Urwald-Lodges mit Artenvielfalt pur.
Von Karsten Langer und Annette Langer

"Periódicos?" Augenbrauen und Hände des Empfangschefs im Cala Luna  wandern ergeben in Richtung der zehn Meter hohen Hoteldecke. Wer um Himmels Willen denn Nachrichten brauche, in diesen Zeiten, wo die Zeitungen voll seien mit miesen Meldungen, will er wissen und wirft ein gewinnendes Lächeln in den erdfarbenen Luxusraum vor sich, der unter dem schweren Duft meterhoher Helikonien nach Luft zu schnappen scheint.

Die sympathische Antwort auf eine Schweiß treibende Frage lässt das Weltgeschehen in den Hintergrund treten und jeden Wunsch nach der rechtskonservativen "Nación"  oder der liberalen "Prensa libre" in wohligem Urlaubsphlegma versanden. Die einzige News an diesem Tag ist der Sturz eines Eichhörnchenjungen von einem Baum, bei dem sich das Tier das Rückgrat bricht, um kurz darauf unter dem wohlwollenden Gelächter des Personals gleichsam wieder aufzuerstehen und als gelähmtes Maskottchen in die Hotelküche einzuziehen. Dort schleppt es sich nun, gepäppelt von den Köchen, zwischen üppigen Papaya-Ananas-Büfetts und dampfenden Gallo-Pinto-Töpfen  tapfer auf zwei Vorderpfoten durchs Leben.

Gleichgültig gegenüber solchen Alltagsdramen wirft der Pazifik nur wenige hundert Meter weiter seine Wellen an den perlweißen Strand von Tamarindo. Hier, in dem 1000-Seelen-Fischerdorf im Nordwesten von Costa Rica, zeigt sich die Region Guanacaste von ihrer Postkarten-Seite: Auf dem saphirfarbenem Wasser kreuzen Dreimaster und dösen vereinzelte Urlauber dem Sonnenuntergang entgegen, während Einheimische auf kraftvollen Tico-Pferden, den Criollos, am Strand entlangpreschen.

Tauchabenteuer mit Teufelsrochen an der Playa del Coco im Norden der Halbinsel von Nicoya  sind sicherlich ebenso verführerisch wie die Aussicht auf ungetrübte Surffreuden und Segeltörns. Und doch käme es einem Sakrileg gleich, in Costa Rica nur die - selbst in der Hauptreisezeit bisweilen menschenleeren - Strände bei Puerto Viejo in der Karibik  zu besuchen oder in den Beachressorts der Westküste spektakuläre Aussichten auf den Pazifik zu genießen.

Artenschutz und Ökotourismus - ein Land aus kleinen Stücken

Artenschutz und Ökotourismus - ein Land aus kleinen Stücken

Satte 28 Prozent des Landes von der Größe Niedersachsens bestehen aus Nationalparks und geschützten Regionen, in denen sich Flora und Fauna in einer Artenvielfalt behaupten konnten, die Wissenschaftlern wie zoologisch und biologisch unbefleckten Besuchern buchstäblich den Atem rauben. In Costa Ricas Regenwäldern wird der Urlauber vom lautstarken Bellen der Brüllaffen geweckt und dem Kreischen der seltenen grünen und roten Aras begleitet. Giftpfeilfrösche und Schlangen kreuzen seinen Weg, und so mancher Besucher kann die zauberhafte Trägheit eines Flokati-gleich zwischen den Ästen eines Urwaldriesen hängenden Faultieres bewundern.

Anpassungsfähige Exoten: Nasenbären (Nasua narica) sind in Gruppen von bis zu 25 Tieren auch jenseits der Wälder unterwegs und gehen Autofahrer um Leckerbissen an

Anpassungsfähige Exoten: Nasenbären (Nasua narica) sind in Gruppen von bis zu 25 Tieren auch jenseits der Wälder unterwegs und gehen Autofahrer um Leckerbissen an

Foto: Annette Langer
Geschätzte zehn Prozent aller Schmetterlingsarten der Welt sind in Costa Rica heimisch. Der "Caligo eurilochus sulanus" erreicht eine Flügelspannweite von bis zu zehn Zentimetern

Geschätzte zehn Prozent aller Schmetterlingsarten der Welt sind in Costa Rica heimisch. Der "Caligo eurilochus sulanus" erreicht eine Flügelspannweite von bis zu zehn Zentimetern

Foto: Annette Langer
Farbenpracht gepaart mit Wehrhaftigkeit: Einige der zahlreichen Froscharten in Costa Rica sind giftig

Farbenpracht gepaart mit Wehrhaftigkeit: Einige der zahlreichen Froscharten in Costa Rica sind giftig

Foto: Annette Langer


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Obwohl Wilderei und eine bis in die achtziger Jahre kontinuierlich betriebene Abholzung der Regenwälder Jaguare, Ameisenbären oder Nabelschweine an den Rand der Ausrottung brachten, tummeln sich in Costa Rica noch immer 615 Vogel- und Säugetierarten pro 10.000 Quadratkilometer - und das soll laut Vertretern des Staatlichen Tourismusbüros auch so bleiben. Längst ist der Fremdenverkehr zur Haupteinnahmequelle des Landes geworden, bescheren die knapp eine Million Besucher im Jahr der Republik Costa Rica mehr Umsatz als der traditionelle Handel mit Kaffee und Bananen. Über 80 Prozent der touristischen Infrastruktur besteht aus kleinen Hotels mit bis zu 40 Zimmern, Ökotourismus ist für alle Veranstalter zum Schlagwort geworden.

Barry Roberts, langjähriger Mitarbeiter und Sprecher des Istituto Costarricense de Turismo (ICT) betont, dass man einen nachhaltigen Tourismus fördere, der mittels ökologisch tragbarer Langzeitprojekte Nischen und Typen erhalten und die Lebensqualität der Costaricaner verbessern müsse. "Niemand will bei uns einen Massentourismus etablieren - dieses Land ist aus kleinen Stücken gebaut", behauptet Roberts und verweist auf die international anerkannten und vergleichsweise strengen Kriterien der seit 1997 in Kraft getretenen Öko-Standards, die für eine Zertifizierung als nachhaltig arbeitender Betrieb in Costa Rica notwendig sind. Dem Vorstoß vor allem ausländischer Investoren und damit auch der großen Hotelketten kann und will auch Roberts nichts entgegensetzen. Und doch unterscheidet sich Costa Rica auf Grund seiner Übersichtlichkeit noch immer von anderen Wildlife-Reisezielen der Welt.

Zum Sinne schärfen in den Dschungel

Zum Sinne schärfen in den Dschungel

Kleine Ressorts wie die Laguna del Lagarto Lodge  an der Grenze zu Nicaragua im Norden des Landes bieten Dschungel-Ambiente und entspanntes Birdwatching in familiärer Atmosphäre. Allein oder mit Führer kann der Besucher hier auf 500 Hektar unberührtem tropischen Regenwald rote und grüne Giftpfeilfrösche, Affen, Tukane, Papageien, Kolibris sowie über 350 Vogelarten in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten. Mit etwas Glück sieht er in der Mittagshitze die berühmten Jesus-Christus-Echsen (Basiliscus basiliscus) erhobenen Hauptes über das Wasser des Lagarto-Teiches flitzen. Ein Rundgang über die hauseigenen Pfeffer-, Palmenherzen- und Ananasplantagen gibt Einblicke in den tropischen Landbau, der Kanutörn bei Sonnenuntergang wird gekrönt vom Besuch einer Kaimanmutter mit einer Schar quakender Jungtiere im Schlepptau.

Alles im Blick: Alligator am Ufer des Rio San Carlos

Alles im Blick: Alligator am Ufer des Rio San Carlos

Foto: Annette Langer
Prachtvolle Helikonien von beachtlicher Größe wachsen überall im Land

Prachtvolle Helikonien von beachtlicher Größe wachsen überall im Land

Foto: Annette Langer
Wird bis zu 18 Zentimeter lang: Der Dynastes herkules

Wird bis zu 18 Zentimeter lang: Der Dynastes herkules

Foto: Annette Langer


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Auf keinen Fall verpassen sollte man einen Bootsausflug auf dem Rio San Carlos: Zwar dauert es eine Weile, bis die von urbaner Reizüberflutung gedimmten Sinne des Städters sich an die dichte Vegetation der Ufergestade gewöhnt haben. Doch unter sachkundiger Anleitung eines Führers ertönen immer häufiger aufgeregte Erfolgsmeldungen an Bord: Ah, sieh nur, eine Flussschildkröte! Oh, dahinten, ein Schlangenhalsvogel! Jesus, was für ein Riesenkrokodil! Oder: Könntest du bitte diesen Herkules-Käfer von meinem Turnschuh nehmen? Ist die Lust am Suchspiel erst geweckt, werden Hightech-Ferngläser und Super-Kameras gezückt, machen Tier- und Wildlifeführer unter den Urlaubern die Runde. Selbst Abhandlungen über Biodiversität und riesige Urwaldatlanten werden in den Besichtigungspausen gewälzt - der Regenwaldtourist ist in Costa Rica angekommen.

Das Spektakel der ungewohnten Naturbegehung zu Wasser, zu Pferde oder zu Fuß wiederholt sich in ähnlicher Form in fast allen Schutzgebieten des Landes: Auf den schwankenden Hängebrücken des Carara-Nationalparks  im Zentrum des Landes ebenso, wie in dem direkt am Pazifik gelegenen, inzwischen leider stark frequentierten Park Manuel Antonio bei Quepos  oder dem 19.000 Hektar großen Tortuguero-Nationalpark im Nordosten des Landes . Letzterer ist nur auf dem Luft- oder Wasserweg zu erreichen und wartet auf mit reizvoll an den Kanälen gelegenen Lodges. Auf einem schmalen Landstrich zwischen karibischem Meer und Lagune befinden sich die wichtigsten Brutstätten der grünen Wasserschildkröte in der gesamten westlichen Hemisphäre - von Juli bis Oktober pilgern zahlreiche Tierexperten hierher, um das nächtliche Spektakel der Eiablage aus der Nähe zu verfolgen.

Fitzcarraldo in Bananito

Fitzcarraldo in Bananito

Ein Refugium besonderer Art ist das Privatreservat Selva Bananito  in den Talamanca Bergen. Am Rande des schwer zugänglichen Schutzgebietes La Amistad im Südosten Costa Ricas hat die aus Deutschland stammende Familie Stein eine der bekanntesten Öko-Lodges des Landes aufgebaut. Unter erheblichen Schwierigkeiten errichteten Jürgen Stein und seine Schwestern Sofia und Karin die Farm Manù mitten in unberührtem primären Bergregenwald, etwa 20 Kilometer südlich des Karibikhafens Puerto Limón.

In dritter Generation in Lateinamerika aufgewachsen, widmen sich die beiden seit Jahren dem aktiven Naturschutz: "Was wir tun, tun wir mit Leib und Seele. Das hat weniger mit Öko-Boom und funktionierendem Tourismus-Management als mit Liebe und Verantwortungsgefühl zu tun", betont Jürgen, der bei den Angestellten für seine Hyperaktivität bekannt und gelegentlichen Wutausbrüche gefürchtet ist. Ob es deutsche Unternehmer in Costa Rica, dem Land der Ticos, schwerer hätten, vermag auch der gelernte Hotelmanager nicht zu sagen, denn: "Ich bin inzwischen vermutlich mehr Tico als die Ticos selbst."

Die sieben auf Stelzen stehenden Bungalows der Farm sind aus unbehandelten Abfallhölzern gebaut und locken mit Öko-Komfort fernab der Zivilisation: In den geräumigen Badezimmern duftet es nach biologisch abbaubarer Seife aus eigener Produktion, fließt solar geheiztes Wasser aus nagelneuen Duschköpfen. Statt elektrischer Lampen brennen hier Kerzen, bei Dämmerung morsen Myriaden von Glühwürmchen jenseits der Veranda wahre Wortgewitter durch die Nacht. Ein mit mindestens 100 Dollar pro Nacht und Person nicht eben günstiges, aber allemal reizvolles Vergnügen - mit den Einnahmen aus dem Tourismus finanzieren die Steins ihr 850 Hektar großes Regenwaldreservat, auf dem sie auch umweltbewusste Pflanzungs- und Viehwirtschaft betreiben und sich an Umweltschutzprogrammen beteiligen.

"This is a wild place!" flüstert Bananito-Fremdenführerin Catherine ehrfurchtsvoll, nachdem ein Rascheln im Gebüsch sie zu einem nervösen Luftsprung verleitet hat. Und in der Tat: Beim Frühstück auf der Gemeinschaftsveranda blinzelt eine verstaubt wirkende Vogelspinne dem Gast träge über die Schulter, Haushunde kämpfen mit gefährlichen Lanzenottern, und der abendliche Gang in die Bar wird zum Abenteuer, wenn eine hochgiftige Korallenschlange auf dem Kiesweg ihr Vorfahrtsrecht in Anspruch nimmt.

Die patente US-Studentin verdient sich ihren dreimonatigen Aufenthalt bei den Steins, indem sie sich um die Gäste kümmert. Gerade ist eine Gruppe pausbäckiger College-Studenten aus den Staaten eingetroffen, die morgens laut lärmend in den Urwald ausschwärmt, um politisch korrekte Bäumchen in den widerspenstigen roten Lehmboden zu pflanzen. Neben Reitausflügen, Vogelbeobachtung, Mountainbiking und Baumklettern in den Wipfeln der Urwaldriesen sollen die Besucher eben auch etwas über nachhaltige Landnutzung in den feuchten Tropen lernen: Aufforstung und Nachhaltigkeit statt Rodung und Ausbeutung der natürlicher Regenwaldressourcen.

Doch der ehemalige Theaterregisseur Stein pflegt auch künstlerische Ambitionen: Wenn er abends mit einem Bier in der Hand den Tag auf der Veranda ausklingen lässt, umgeben ihn wohlige Visionen: Zusammen mit seiner Schwester will er eben hier, in seinem persönlichen Stück Regenwald, ein internationales Tanz-, Musik- und Theaterfestival veranstalten und der Welt zeigen, was eine großartige Natur in Verbindung mit kreativem Potenzial vermag. Und wer würde ein solches Event verpassen wollen?

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