Samstag, 20. Juli 2019

Design-Shootingstar Virgil Abloh Luxus von der Straße

Virgil Abloh: Der Shootingstar der Mode
Louis Vuitton

Virgil Abloh ist DJ, Skater, bester Kumpel von Kanye West und der neue Shootingstar der Mode. Seit neuestem entwirft er sogar Möbel. Dabei hat der Amerikaner nicht mal eine Designausbildung.

Am Place Colette vor der Pariser Comédie-Française wird im vergangenen Juni die Demokratie in Fotos festgehalten. Im Minutentakt fahren Limousinen mit abgedunkelten Scheiben vor, und wann immer sich die Wagentüren öffnen, schnellen sofort Hunderte von Händen mit Smartphones in die Höhe. Sie wollen diesen historischen Tag einfangen, an dem die Haute Couture sich mit der Straße verbrüdert. Denn an diesem Nachmittag zeigt das Chicagoer Streetkid Virgil Abloh seine erste Herrenkollektion für die Luxusmarke Louis Vuitton.

Gefunden in
Splendid
Oktober 2018

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Der Afroamerikaner mit den ghanaischen Wurzeln ist weder der erste noch einzige Schwarze in den Kreativabteilungen altehrwürdiger Pariser Modehäuser. Aber noch nie kam einer aus der Streetwear- und Skater-Szene. Abloh ist eng befreundet mit einigen der berühmtesten Rapper und Hip-Hopper der Welt. "Der Underdog, der zum Establishment aufstieg", notiert der Lifestyle-Blog Highsnobiety. Ende 2018 entwarf Abloh eine Teppichkollektion für Ikea, die einen Hype auslöste. Und bei der Biennale in Venedig stellte er seine erste Möbelkollektion vor: "Dysfunctional" heißt sie und ist ein möbelgewordener Kommentar zur Klimakatastrophe - die Beine der Stühle und Tische sind angeschrägt, als versänken sie im steigenden Wasser.

Aufgewachsen ist Abloh in Rockford, Illinois, einer Arbeiterstadt am Rande Chicagos, die laut "Forbes" zwischenzeitlich als drittschlimmste Gemeinde Amerikas galt. Dass so einer zum Kreativdirektor bei Louis Vuitton aufstieg, einer der Ikonen der französischen Luxusmarken, gilt in der Branche als kleine Revolution, mindestens aber als Sensation. Die Erwartungen an seine erste Kollektion waren gigantisch - und sie wurden nicht enttäuscht.

Der Laufsteg: sagenhafte 250 Meter lang und in allen sieben Regenbogen-Farben gefärbt, gesäumt von knapp 2000 handverlesenen Mode-, Architektur- und Kunststudenten und Louis-Vuitton-Mitarbeitern, von Buchhaltung bis Vertrieb. Alle tragen passend zum Regenbogen-Catwalk bunte T-Shirts. Ein Bild wie für Instagram gemacht. Abloh weiß um die Kraft der sozialen Netzwerke. Die T-Shirts sind mit dem Datum der Schau bedruckt, so wird aus einem Give-away ein Sammlerstück.

Für die Show der Superlative hat Louis Vuitton das komplette Palais Royal samt Park reserviert. Das Palais ist ein Pariser Schmuckstück aus dem 17. Jahrhundert, schräg gegenüber dem Louvre. In dem versteckten Garten, der erst Königen und später dem Volk als Rückzugsort diente, herrscht seit jeher eine freigeistige Atmosphäre. Von hier nahm 1789 die Französische Revolution ihren Anfang, als in einem Café unter den Arkaden der berühmte Sturm auf die Bastille angezettelt wurde. Auch Virgil Abloh will Festungen schleifen und Mauern einreißen - die zwischen Streetwear und Designermode.

Mit seinem eigenen Label Off-White mischte er die Fashion-Industrie vor fünf Jahren erstmals kräftig auf. "Ich bringe das traditionelle Schneiderhandwerk mit modernem Lifestyle zusammen", sagt der Junge aus Chicago, der das Musiklabel Bromance Records mitgründete und bis heute überall auf der Welt als DJ auflegt. Ein Teil des Sortiments lasse er in höchster Qualität bei seinem Lieblingsschneider in Italien herstellen, "aber es atmet amerikanischen Spirit und Straßenkultur, Musik, urbane Ästhetik". Seine bedruckten Hoodies, Sweater, T-Shirts und Baggy Pants haben sogar die Weihen der strengen französischen Modekammer erhalten. Seit 2016 defiliert Off-White im offiziellen Kalender der Pariser Schauen.

Dabei kann der 38-Jährige keinerlei Designerausbildung vorweisen. Als Kind besucht Virgil eine katholische Schule, die Mutter ist Schneiderin, der Vater arbeitet für eine Farbenfabrik. Nach der Schule hängt er zumeist mit seinen Skaterfreunden ab. Er studiert Bauingenieurwesen und Architektur und jobbt danach jahrelang an der Seite von Rapper und Produzent Kanye West, er verpasst in der Zeit kaum eine von DJ Benji Bs wöchentlichen Radioshows.

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