Wie Fußball Fashion macht Stilvorbilder aus dem Stadion

Von Katharina Starlay
Kragennadel und tailliertes Hemd: Der Trainer der TSG 1899 Hoffenheim (hier beim Spiel gegen Bayern München am 24. August) machte schon mehrfach modisch Furore - unter anderem mit einem knallroten Mantel, den er später für einen guten Zweck versteigerte

Kragennadel und tailliertes Hemd: Der Trainer der TSG 1899 Hoffenheim (hier beim Spiel gegen Bayern München am 24. August) machte schon mehrfach modisch Furore - unter anderem mit einem knallroten Mantel, den er später für einen guten Zweck versteigerte

Foto: Bongarts / Getty Images
Katharina Starlay
Foto: Antje Kern

Katharina Starlay ist Modedesignerin, Imageberaterin und Mitglied im Deutschen Knigge-Rat. In Vorträgen, Seminaren und individuellen Beratungen coacht sie rund um Kleiderstil und Businessknigge. Seit 2002 berät sie auch Unternehmen für deren Außenauftritt und entwickelt Stil-Leitfäden sowie Firmenkleidung. Sie schreibt Bücher (zuletzt erschienen: Erfolgreich über 50: Stilvoll älter werden  ) und publiziert über Stilthemen: Starlay.de .

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Mode entsteht heute längst nicht mehr im geschlossenen Séparée eines Ateliers oder etwa in den Köpfen der Designer. Mode kommt von der Straße - oder vom Rand eines Fußballfelds, dort, wo ein Träger (s)einen Look vor einem öffentlichen Auge spazieren trägt.

Laut Lexikon wird das aus der lateinischen Vokabel modus = Art und Weise abgeleitete Wort als "die in einem bestimmten Zeitraum und einer bestimmten Gruppe von Menschen als zeitgemäß geltende Art, etwas zu tun, Dinge zu benutzen oder anzuschaffen" definiert. Das Vorbild braucht demnach ein Publikum, sonst wird das nichts mit der Mode. Dieser Umstand macht Stars und Sternchen zu Markenbotschaftern, ein Milliarden-Geschäft. Wie der Fußball selbst.

Früher waren es Filme, die Trends setzen: Epochemachende Streifen wie "Out of Africa" (USA 1985) zum Beispiel konnten eine ganze Modesaison prägen - aber das ist lange, sehr lange her. Heute ist es umgekehrt: Zeitgeistströmungen bekommen erst durch ihre Protagonisten ein Gesicht. Da ist es vorteilhaft für ihre Nachahmer, wenn aus kurzlebigen Trends Stil-Vorbilder werden, die das Zeug haben, Generationen zu prägen und Menschen gut aussehen zu lassen.

Hier ein paar Beispiele aus der noch immer dominant-männlichen Fußballwelt (die Ikonen des Frauen-Fußballs mögen mir verzeihen!), die ihren Weg in unseren Stil-Alltag gefunden haben:

Der Anzug: Wie Eleganz die Ausstrahlung stärkt

Anzugträger aus Überzeugung: Bruno Labbadia, Cheftrainer des VfL Wolfsburg

Anzugträger aus Überzeugung: Bruno Labbadia, Cheftrainer des VfL Wolfsburg

Foto: Swen Pförtner/ dpa

Das zunehmend lässige textile Straßenbild macht Herrenanzüge fast zu einer Ausnahme: In einer Zeit, in der Mann sich für das Tragen einer Krawatte und gelebte Siez-Kultur fast entschuldigen muss, bekommt der Look des Anzugs etwas Besonderes. Fußball-Funktionäre, einige Trainer und Tagesschausprecher tragen ihn - und führen uns vor Augen, wie die Eleganz des meist dunklen Zweiteilers die Ausstrahlung seines Trägers stärkt und seinen Worten Gewicht verleihen kann.

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Anzug bedeutet, dass Ober- und Unterteil aus einem Stoff sind. Die große Fläche aus glattem Gewebe verleiht eine Formalität und Standfestigkeit, die aktuell zwar nicht beliebt - in vielen geschäftlichen Situationen des Lebens aber absolut von Vorteil ist. Der Anzug steht auch heute noch symbolisch für gute(s) Wirtschaft(en).

Die Herrenweste: Was modisch von der WM blieb

Stilprägend: Nach Gareth Southgates WM-Auftritt stiegen die Westenverkäufe sprunghaft an

Stilprägend: Nach Gareth Southgates WM-Auftritt stiegen die Westenverkäufe sprunghaft an

Foto: DPA

Was modisch von der Fußball-WM in Russland bleibt, ist die Erkenntnis, dass Herrenwesten sehr kleidsam sind. Ich selbst schreibe schon lange über die Attraktivität dieses vielseitigen Bekleidungsteils - aber es brauchte Gareth Southgate, um den Funken zu zünden.

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Seitdem ist das Internet voll von Westen für männliche Fans. Und da kommen wir auch schon an die Grenzen der Ikonisierung: Transferleistungen werden mit den Vorbildern nicht mitgeliefert. Unter "Frauenwesten" beispielsweise findet man nach wie vor überwiegend polyester-lastige Funktionswesten, die wenig zum Kauf motivieren.

Westen können einen Satin- oder Stoffrücken haben, wobei nur der erste so lässig anmutet, als hätte sich der Mann gerade eben erst seines Jacketts entledigt. Sie sollten übrigens immer geschlossen getragen werden, mit Ausnahme des untersten Knopfes. Nur beim Autofahren empfiehlt es sich sogar, das gute Stück zu öffnen, damit der körperenge Schnitt unter Körperwärme und Körperneigung nicht zu Querfalten im Stoff führt.

Das taillierte Hemd: Unbedingt auf die Länge achten

Stilprägend: Joachim Löw 2012 mit klassischem Hemd

Stilprägend: Joachim Löw 2012 mit klassischem Hemd

Foto: DPA

So sehr Jogi Löw derzeit auch in der Kritik steht - Stil-Enthusiasten und Frauen danken ihm fast täglich für seine Auftritte zu Beginn seiner Bundestrainer-Karriere. Ein trainierter Bauch und die schmale Linie passen einfach gut zusammen - und ebneten seitdem den Weg für italienisch-schmale Anzugschnitte, die auch heute noch das Modebild der seltenen Anzugträger bestimmen. Inzwischen gibt es außer "slim fit" auch "body fit" oder "extra slim", welches dem Körper so nah kommt wie sonst nur eine Umarmung.

Wer das Hemd über der Hose tragen möchte, sollte auf die Länge achten: "Untucked" sieht am besten aus, wenn das Hemd auf eine Länge gekürzt ist, die auf Mitte des Hosen-Reißverschlusses endet.

Haarschnitte: Welcher Kicker bringt den Kick?

Erblondet: Fußballer Jerome Boateng (rechts) beweist Modemut bei der Frisurenwahl

Erblondet: Fußballer Jerome Boateng (rechts) beweist Modemut bei der Frisurenwahl

Foto: MICHAEL DALDER/ REUTERS

Wenn heute ein Junge im fußballfähigen Alter zum Friseur geht, bekommt er nicht etwa Fotos vorgelegt, sondern wird gefragt, wie welcher Fußballer er denn aussehen möchte. Falls die Frisur - wie bei manchen der Stars - im laufenden Tempo wechselt, kann der Hairstylist nur hoffen, dass er auf dem allerneuesten Stand ist. Und falls sich das Kind wider Erwarten gar nicht für Fußball interessieren sollte, hat er zumindest bei diesem Nachwuchs-Kunden ohnehin verloren.

Fußballidole haben das männliche Haupthaar in Wallung gebracht. Es gab Jahre, wo ein um den Kopf gestylter Mann schräg angeschaut wurde: Interesse für Stilfragen ist doch unmännlich? Nicht aber in anderen Kulturen, die uns und den Fußball bereichern - dort ist ein gestylter Mann Millionen Blicke wert. Langes Deckhaar, Out-of-Bed-Look, Surfer Style oder "undone" wie Kroatiens Nationaltrainer 2018 Zlatko Dalic - es ist alles eine Frage der Fülle an Haupthaar, die Mann zu frisieren hat.

Undone-Stil: Kroatiens Trainer Zlatko Dalic trägt sein Haar eher natürlich

Undone-Stil: Kroatiens Trainer Zlatko Dalic trägt sein Haar eher natürlich

Foto: KAI PFAFFENBACH/ REUTERS

Klopp-Bärte: Rasur-Resistenz für Stilkenner

Aufgeforstet: Liverpool-Trainer Jürgen Klopp trägt gerne viel Gesichtshaar

Aufgeforstet: Liverpool-Trainer Jürgen Klopp trägt gerne viel Gesichtshaar

Foto: Ed Sykes/ REUTERS

Aus dem Dreitagebart hat Jürgen Klopp stilprägend einen 10-Tage-Bart gemacht. Die Frisurentrend-Recherche ergibt für diesen Herbst, dass präzise konturierte, nicht zu lange Vollbärte gerade gar nicht "in" seien. Der Undone-Bart wird inzwischen zur Uniform genauso getragen wie zum Hoodie.

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Ist es ein Kopfnicken der Friseur-Innung in Richtung Rasur-resistenter Herren-Haushalte? Als Role Model hat Jürgen Klopp dem Bart-Trend der letzten Jahre jedenfalls Vorschub geleistet und damit mehr als einen Jahrgang stilistisch beeinflusst.