Montag, 16. September 2019

Rückkehr von John Galliano Eine Nummer braver, bitte

"Ich liebe Hitler" - nach diesem Satz verlor John Galliano seinen Job. Jetzt kehrt der Designer beim Label Maison Martin Margiela zurück, dank treuer und mächtiger Freunde. Kann das gut gehen?

Es ist ein sehr zaghafter Schritt zurück ins Rampenlicht. John Galliano hätte warten können bis zu den Pariser Couture-Schauen in zwei Wochen, das Spektakel wäre riesig gewesen. Doch der Designer entschied sich für einen leiseren Weg: In London, am Rande der Men's Fashion Week, wird er seine erste Kollektion für das Pariser Modehaus Maison Martin Margiela präsentieren. Dann wird sich entscheiden, ob Galliano das Paradies wieder betreten darf, aus dem er sich selbst hinausbefördert hatte.

Die Tür steht offen, seine mächtigen Freunde haben sie gegen viel Protest aufgestemmt. Sie haben Galliano, 53, in einer Sache verteidigt, die eigentlich nicht verteidigt werden kann: "Ich liebe Hitler", hatte der Designer im Februar 2011 gelallt, das Video ging um die Welt. In seinem Pariser Stammcafé bepöbelte er zudem ein Paar, es fielen Ausdrücke wie "dreckiges Judengesicht" und "beschissener asiatischer Mistkerl".

Wenige Tage später war Galliano seinen Job als Kreativchef bei Dior los. Die Modebranche verzeiht ihren Mitgliedern viel, erst recht ihren Stars. Drogen, Krisen, Sucht, Lästereien - das gehört fast schon dazu. Aber antisemitische und rassistische Äußerungen? Damit kam selbst Galliano, Wunderknabe und "Designer of the Year", nicht durch.

Pirat, Dandy, Indianer

Sein Rausschmiss erregte auch deshalb so viel Aufsehen, weil die Branche mit Galliano ihren schrillsten Vogel verlor. Der Designer, seit 1996 für Dior tätig, wurde bekannt für seine romantischen, opulenten Frauenkleider. Neben seinen Entwürfen war es aber vor allem er selbst, der ins Rampenlicht drängte. Am Ende seiner Laufstegschauen trat er als Pirat auf, als Dandy, als Indianer, als Matador, mit geflochtenem Zopf und Zwirbelschnauzer, im Leopardenmantel. Immer mit einer leicht hochgezogenen Augenbraue. Mir kann keiner was - das war die Attitüde.

Vor Gericht versuchte Galliano seine Ausfälle mit seinem hohen Arbeitspensum zu erklären. Der Stress habe ihn in die Tabletten- und Alkoholsucht getrieben - und letztlich in die Unzurechnungsfähigkeit. Die Argumentation half nicht, Galliano wurde wegen rassistischer Pöbeleien schuldig gesprochen. Künftig versuchte er sich in der Rolle des Büßers. Er machte einen Entzug, er traf sich mit Vertretern des jüdischen Glaubens, er bereute in Interviews seine Äußerungen. Im Mai 2014 bekam er dann einen Job bei der russischen Kosmetikkette L'Etoile. Und Anfang Oktober folgte die Nachricht: Galliano wird Kreativdirektor bei Maison Martin Margiela. Ausgerechnet.

Neuer Job, neue Chance

"Ich könnte nicht glücklicher sein", sagte damals Renzo Rosso. Der Diesel-Gründer ist Chef von "Only the brave" (OTB). Das Unternehmen hatte 2002 das Modehaus Maison Martin Margiela übernommen, inzwischen gehören auch Viktor & Rolf sowie Marni dazu. Er freue sich für die Firma, die einen "neuen visionären Anführer" verdiene, sagte Rosso. Er freue sich für Galliano, der ein unübertroffenes Talent sei. "Ich habe immer an mutige, unvorhersehbare Entscheidungen geglaubt, und diese ist keine Ausnahme."

"Unvorhersehbar" ist noch untertrieben.

Als der belgische Designer Martin Margiela sein Label 1988 gründete, sorgte er mit seinen zurückhaltenden Entwürfen für Aufsehen. Er wird stets zusammen mit den "Antwerpenern Sechs" genannt, jenen Designern um Dries van Noten, die Mitte der Achtzigerjahre dafür sorgten, dass Belgien in der Modebranche einen Klang bekam. Für Margiela standen immer die Entwürfe im Vordergrund, seine Models schickte er häufig mit Masken oder Strümpfen im Gesicht über den Laufsteg. Fotos oder gar persönliche Interviews von Margiela sucht man vergebens. Er gilt als Phantom der Modebranche. Er ist der Anti-Galliano.

Nachdem Margiela das Unternehmen 2009 verließ, kümmerte sich ein Team aus mehreren Designern um die verschiedenen Kollektionen: Haute Couture, Ready-to-wear für Männer und Frauen, Accessoires, Düfte, Inneneinrichtung. Jetzt soll Galliano dem Modehaus ein Gesicht geben. Das Modehaus soll umgekehrt Galliano den Weg zurück an die Spitze ebnen.

Dass sie dort auf ihn warten, ist deutlich. Top-Model Kate Moss ließ sich schon 2011 von Galliano ihr Hochzeitskleid schneidern. Anfang 2013 durfte der Geschasste einige Wochen an der Seite von Design-Legende Oscar de la Renta arbeiten. Die höchste Ehre wurde Galliano aber jüngst von Anna Wintour zuteil. Die Chefredakteurin der US-"Vogue" entscheidet maßgeblich, welche Designer Erfolg haben. Als sie Anfang Dezember bei den British Fashion Awards ausgezeichnet wurde, sorgte sie dafür, dass Galliano ihr vor versammelter Presse die Trophäe auf der Bühne übergab. Zudem trug Wintour ein Abendkleid aus Gallianos Kollektion für Maison Martin Margiela. Deutlicher hätte sie nicht sagen können: "Willkommen zurück".

Galliano selbst erschien an dem Abend im schlichten schwarzen Anzug zur Veranstaltung, die Haare zurückgegelt. Ungewohnt brav, wie schon auf den offiziellen Fotos nach Verkündung der Margiela-Personalie wenige Wochen zuvor. Seine optische Transformation ist wohl gewollt symbolträchtig: Der schillernde Paradiesvogel hat Federn gelassen.

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