Montag, 14. Oktober 2019

Luxus-Skimode Der Glamour kommt zurück auf die Piste

Luxus-Skimode: Auf der Höhe der Zeit
Marco Trunz

Die Likes kommen sekundenschnell, als Chiara Ferragni ihren 16,6 Millionen Followern im vorigen Winter auf Instagram ein Foto von sich im schneeweißen Skioutfit präsentiert. Die Influencerin steht auf der Seiser Alm in Südtirol vor verschneiten Hängen und blauem Himmel, und eine halbe Million Fans klicken auf das Herz-Symbol. Später zeigt sich die 32-Jährige im knallroten Overall. 600.000 Likes bringt dieses Bild.

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Oktober 2019

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Chiaras erstes Outfit stammt von der 1984 in Chamonix gegründeten und heute in London beheimateten Firma Perfect Moment, das zweite vom römischen Luxushersteller Fendi. Die eine Marke steht für funktionale Sportbekleidung, die andere für extravagante Eleganz - jetzt treffen sich beide auf der Piste. Die Designer beider Häuser erinnern an die Zeiten, als Skifahren noch etwas Elitäres anhaftete, als Bilder von Claudia Cardinale in Cortina d'Ampezzo, Brigitte Bardot in Sankt Moritz oder Lady Di in Klosters die Runde machten. Am Berg ist wieder Stil gefragt.

Mit dem Retro-Trend kehren einst beliebte Marken zurück ins modische Blickfeld: so wie der französische Skispezialist Fusalp, gegründet 1952, bekannt für seine elastische Rennhose mit gepolstertem Knieeinsatz, in der 1968 der französische Skifahrer Jean-Claude Killy bei den Olympischen Spielen in Grenoble dreimal Gold holte. Vor fünf Jahren übernahmen die Geschwister Sophie und Philippe Lacoste (die aus der Sportmode-Dynastie) die über die Jahrzehnte in die Krise geratene Firma aus Annecy, der Umsatz betrug damals nur mehr sechs Millionen Euro, die Produkte wurden über Einkaufsverbände wie Intersport verkauft. Mit der Neuausrichtung auf Highend-Skibekleidung stieg der Umsatz auf 22 Millionen Euro im vorigen Jahr. Heute unterhält Fusalp 21 eigene und zwölf als Franchise geführte Boutiquen und ist in 400 Multimarkenstores wie Harrods oder Le Bon Marché gelistet.

Eine gelungene Rückbesinnung auf frühere Qualität und Designs erfährt derzeit auch die Schweizer Firma Jet Set. Gegründet 1969 in St. Moritz, revolutionierte sie mit auffälligen Farben und Mustern in den 80ern den Pistenlook - bevor sie in der Versenkung verschwand. Im vergangenen Jahr wurde der deutsche Designer Michael Michalsky verpflichtet, das Potenzial der Marke wieder auszuschöpfen. Ein ähnliches Revival erfährt gerade das Münchner Wintermodehaus Bogner: 1932 lanciert und wegen seiner Erfindung der Stretchhose in den 50er Jahren weltweit gefeiert, wurde die Marke irgendwann bedeutungslos. Jetzt hat die Firma eine Kollektion präsentiert, die so cool und schön daherkommt wie einst.

Rossignol brachte binnen drei Jahren Bekleidungslinie auf den Markt

Rossignol, 1907 gegründet und vor allem für seine Skier bekannt, sprang auf den Trend zur gekonnt gestylten Skimode auf und brachte vor drei Jahren eine Bekleidungslinie auf den Markt. 400 Teile umfasst die Kollektion mittlerweile, die Umsätze haben sich seit 2016 verdreifacht. "Vor allem Skiwear und Schuhe sind Umsatzbringer", sagt Alessandro Locatelli, Vorstandschef der neuen Sparte. Fast 52 Millionen Euro nahm Rossignol zuletzt mit Bekleidung ein, das sind 15 Prozent des Gesamtumsatzes. Vor knapp zwei Jahren hat das Unternehmen Dale of Norway übernommen, einen über 100 Jahre alten Spezialisten für Norwegerpullis, mit dem Rossignol seine Position im vom Retro getriebenen Skimodemarkt ausbauen will.

Aber warum sind die 60er, 70er und 80er Jahre derzeit so beliebt? Anders als die Prêt-à-porter-Häuser blickten Sportartikelhersteller bislang selten auf frühere Epochen. Seit Adidas und Nike aber mit ihren alten Sneaker-Modellen große Erfolge feiern, geht der Blick zurück, um nach vorn zu kommen. Auch bei Sportarten wie Tennis oder Basketball feiern Kultlabels früherer Tage wie Fila, Champion, Sergio Tacchini, Le Coq Sportif oder Ellesse ein Comeback. Louisa Smith, Trendexpertin bei der weltgrößten Sportmesse ISPO, erklärt das Phänomen mit der zunehmenden Globalisierung und Digitalisierung: "Wir sind vernetzt, hektisch und sehnen uns deshalb nach Werten und Halt. Das finden wir im Rückblick auf alte Zeiten." Vor allem die Millennials und die Generation Z zeigten laut Smith Interesse an Epochen, die sie nie kennengelernt haben. "Die Konsumenten suchen nach Orientierung", meint Caroline Grosdidier. "Der Retrostil ist als Gegenbewegung zu schnellen Trendwechseln und der Fast-Fashion-Industrie zu deuten", so die Marketingleiterin von Pyrenex, einem Skimodehersteller, der seinen Ruf als Lieferant von Daunenjacken für die französische Armee im Zweiten Weltkrieg begründete.

Ski-Bekleidung für den Alltag: Mit der Ski-Jacke zum Shoppen

Entscheidend ist jedoch, dass Sportbekleidung generell längst nicht mehr nur beim Sport getragen wird. Sneaker, Jogginghose oder Hoodie sind zu normalen City-Outfits avanciert. Warum sollte es beim Wintersport anders sein? "Mit der Skijacke zum Après-Ski und zum Shoppen zu gehen, entspricht dem aktuellen Lifestyle", sagt Rossignol-Manager Locatelli. Da muss die Jacke in erster Linie gut aussehen und erst in zweiter Linie warm halten.

Viele aktuelle Outfits muten an wie Vintagestücke, funktional sind sie jedoch auf der Höhe der Zeit. Fusalp kombiniert etwa seine "Smock"-Raffung - seit den 70ern ein Kennzeichen der Marke - mit "Flexwarm", einer neuen Wärmeregulierungstechnik für Kältezonen am Körper. Bei Rossignol wurde die Flyknit-Technik von Sneakern in Herrenjacken integriert, wodurch diese sich der Körperform besser anpassen. Auch bei der Verwendung traditioneller Materialien wie Daune oder Loden hat sich viel getan. "Durch bessere Tierhaltung ist die Qualität der Daunen gestiegen", sagt Grosdidier. Lodenstoff weist Wasser besser ab als früher. "Für uns verbindet das Material Tradition und Moderne", sagt Kaspar Frauenschuh, Gründer der gleichnamigen Kitzbühler Sport- und Skimodenmarke.

Um die neue alte Skimode von Jet Set richtig zu vermarkten, arbeitet Michael Michalsky mit Influencern zusammen. "Aber nur mit denen, die Jet Set kennen, entweder weil sie selbst oder ihre Eltern früher die Marke getragen haben." Und so trägt Heidi Klum die Marke für die Instagram-Gemeinde. Auf der Piste wie in der City. Und auch hier kommen natürlich die Likes in Sekundenschnelle.

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