10 Jahre nach der Lehman-Pleite Der Krisen Knick - wie Lehman die Welt verändert hat

Hätte es das Lehman-Debakel und die folgende Große Rezession nicht gegeben, sähe die Welt anders aus. Und zwar besser.
Lehman-Chef Dick Fuld: Gier frisst Hirn

Lehman-Chef Dick Fuld: Gier frisst Hirn

Foto: Susan Walsh/ ASSOCIATED PRESS

Es gibt wenige Wendepunkte in der Wirtschaftsgeschichte, die so tiefe Spuren hinterlassen haben wie die Lehman-Krise. Samstag jährt sich der Zusammenbruch der US-Investmentbank zum zehnten Mal. Es war der Beginn der tiefsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg. Seither ist Vieles anders in der Wirtschaft.

Die Löhne steigen viel langsamer als früher. Die Inflationsraten sind außergewöhnlich niedrig. Die Zinsen liegen nach Abzug der Preissteigerung um Null. Eine höchst sonderbare Konstellation. Zumal in Zeiten, da die Konjunkturforscher vorrechnen, dass viele große Volkswirtschaften eine Boomphase erleben, darunter Deutschland und die USA.

Was ist hier eigentlich los? Diese Frage stellen sich auch die Notenbanken. Zehn Jahre nach dem großen Knall sind sie immer noch nicht zur Vor-Krisen-Normalität zurückgekehrt.

Die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank von Japan kaufen nach wie vor Wertpapiere auf. Die EZB ist zwar dabei, ihre Anleihekäufe herunterzufahren, aber Zinserhöhungen dürften noch lange auf sich warten lassen (achten Sie Donnerstag auf die Pressekonferenz von EZB-Chef Mario Draghi). Einzig die US-Notenbank Federal Reserve ist auf vorsichtigem Zinserhöhungskurs und baut allmählich ihre Wertpapierpolster wieder ab.

Auch die Lage der Staatsfinanzen ist alles andere als normal. Deutschland mag in dieser Beziehung eine rare Ausnahme sein, aber alle anderen großen, reichen Volkswirtschaften haben im Zuge der akuten Krise der Jahre 2008/09 so viele Kredite aufgenommen, dass die Schuldenstände hoch sind wie nie zuvor in Friedenszeiten. Eine Hypothek für die Zukunft: Selbst moderate Zinsanstiege könnten eine Welle von Staatspleiten auslösen. Die akuten Probleme Argentiniens und der Türkei könnten sich als Vorboten einer solchen Zuspitzung entpuppen.

Kein Zweifel, hätte es das Lehman-Debakel und seine Folgen nicht gegeben, sähe die Welt heute anders aus. Und zwar besser.

All die verlorenen Jahre

In den Zahlenreihen der Ökonomen stellt sich die Krise als großer Knick dar. Der Wachstumstrend, dem die westlichen Volkswirtschaften jahrzehntelang folgten, flacht nach 2008 ab. Ohne den Krisenknick läge das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf im westlichen Schnitt um 70 Prozent höher als 1990, wie Berechnungen der OECD zeigen. Die tatsächliche Entwicklung hingegen bleibt weit hinter dem alten Trend zurück. Mit anderen Worten: Die Bürger wären heute deutlich reicher, als sie es tatsächlich sind, hätte es die Krise nicht gegeben.

Zwar wächst die Wirtschaft seit einigen Jahren wieder. Doch die Wohlstandsgewinne bleiben frustrierend: Nach altem Trend hätten die OECD-Länder das heutige Einkommensniveau schon 2011 erreicht. Verlorene Jahre. Der Post-Krisen-Frust ist der Humus, in dem der Populismus gedeiht.

Gefangen in einer schlechteren Realität

Hinter den spröden Zahlen verbergen sich eine Menge Dramen. In Deutschland mag der große Knick kaum spürbar sein. Dafür fällt er anderswo umso dramatischer aus. Zum Beispiel in Italien, wo die Einkommen nach 2007 so stark eingebrochen sind, dass das Land auf das Niveau von 1999 zurückgeworfen ist. Ähnlich drastisch sind die Einbußen in Spanien, wie eine Analyse des Internationalen Währungsfonds zeigt.

Eine ganze Generation, die erwarten durfte, dass ihr Lebensstandard in gewohntem Tempo immer weiter steigen würde, findet sich in einer schlechteren Realität wieder. Betroffen sind vor allem Jüngere, die mit hoher Arbeitslosigkeit, unsicheren Jobs und niedrigen Einstiegsgehältern zurechtkommen müssen. Öffentliche Leistungen wurden gekürzt, Steuern erhöht, um Staatspleiten zu verhindern.

Wären wir heute in einer besseren Lage, wenn die US-Regierung eine Pleite von Lehman Brothers verhindert hätte? Und: Wie geht es eigentlich weiter?

Lehman war der Auslöser, nicht der Grund

Das Wirtschaftsdrama der Jahre 2008/09 hätte sich womöglich etwas sanfter abgespielt, wenn der damalige US-Finanzminister Hank Paulson, Ex-Chef des Wall-Street-Rivalen Goldman Sachs, sich entschieden hätte, Lehman Brothers aufzufangen. Aber in groben Zügen wäre die Geschichte wohl ähnlich verlaufen.

Schließlich hatte schon ab Spätsommer 2007 eine schleichende Finanzkrise begonnen. Die Banken liehen einander kein Geld mehr, weil sie fürchteten, die jeweils anderen Institute wären bald zahlungsunfähig. Die Notenbanken sprangen ein und ersetzten die Geldmärkte.

Der Lehman-Crash war ein Symptom, ein Auslöser, aber nicht der tieferliegende Grund. Eine heiß gelaufene, hochverschuldete, hochspekulative Weltwirtschaft war reif für eine Korrektur. Weil der kreditfinanzierte Boom zuvor alles andere als nachhaltig war, hätte sich der realwirtschaftliche Knick wohl auch nach einer geordneten Lehman-Abwicklung herausgebildet.

Die Frage, wie es weitergeht, ist schwieriger zu beantworten. Was wirklich helfen würde, wäre eine ordentliche Portion gutes, altmodisches Wirtschaftswachstum. Aber die Bedingungen dafür sind nicht sonderlich gut.

Bremsen gibt es einige. Die hohen Schulden, nicht nur der Staaten, in vielen Ländern auch der Unternehmen, schränken die Investitionsspielräume ein. Die Wettbewerbsintensität hat nachgelassen: Auf vielen Märkten sammeln sich gigantische Gewinne bei wenigen Unternehmen, während große Teile der übrigen Wirtschaft darben. Kaum verwunderlich, dass die Produktivität stagniert - und in der Folge die Löhne kaum steigen, trotz vielbeklagter Arbeitskräfteknappheit.

Dazu kommt der grassierende Protektionismus à la Donald Trump. Statt fundamentale Wohlstandstreiber wie Bildung, Forschung und Innovation zu stärken, vergeuden Regierungen und Manager derzeit viel Zeit und Energie damit, die Auswirkungen von Handelsbeschränkungen zu mildern.

Zehn Jahre nach Lehman muss man feststellen: Die akute Krise mag längst vorbei sein. Allerdings ist seither der Ausnahmezustand zum Normalfall geworden.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche

MONTAG Braunschweig - VW-Skandal I - Kurz vor dem dritten Jahrestag des Bekanntwerdens des VW-Abgasskandals beginnt vor dem Oberlandesgericht Braunschweig ein Musterverfahrens von Kapitalanlegern. Die Kläger fühlen sich von VW im Zuge des Abgasskandals falsch informiert.

Peking - Fernöstliche Preise - Chinas Statistikamt veröffentlicht Zahlen zur Inflationsentwicklung.

DIENSTAG

Barcelona - Ausstieg abgesagt? - Nationalfeiertag in Katalonien. Großkundgebungen für die Unabhängigkeit von Spanien werden erwartet.

Straßburg - Neustart für Griechenland? - Regierungschef Alexis Tsipras hält vor dem EU-Parlament eine Rede.

MITTWOCH

Cupertino - Von Äpfeln und Birnen - Apple will Produktneuheiten vorstellen.

DONNERSTAG Frankfurt - Draghi spricht - Ratssitzung der Europäischen Zentralbank. Danach erläutert Notenbankchef Draghi den weiteren Kurs der EZB vor der Presse.

Ankara - Krise, welche Krise! - Die türkische Zentralbank berät über die Geldpolitik. Eigentlich wären angesichts der Währungskrise heftige Zinserhöhungen nötig. Aber Präsident Erdogan ist dagegen.

Stuttgart - VW-Skandal II - Erste Zeugenbefragungen im Verfahren von Anlegern gegen die VW-Dachgesellschaft Porsche SE.

FREITAG

Brüssel - Viel zu besprechen, wenig Geld - Treffen der EU- Entwicklungshilfeminister. Die Flüchtlingskrise hat die Dringlichkeit des Themas unterstrichen. Die Taten bleiben bescheiden.

SAMSTAG New York/Frankfurt - Ten Years After - 10. Jahrestag der Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers, begleitet von Protesten beiderseits des Atlantiks. Europaweit startet die Protestaktion "Finance for the People!"