Fotostrecke

Fashion Week Berlin: Mode für den Herren

Foto: Getty Images

Herrenmode Bloß nicht zu klassisch!

Den Herren wird heute einiges abverlangt: Sie sollen jagen, kämpfen, Geschäfte machen, und das zeitlich flexibel und mit politischer Botschaft. Auch in der Mode kommt das zum Ausdruck, meint mmo-Autorin Sarah J. Tschernigow, die sich auf der Fashion Week in Berlin umgeschaut hat.
Von Sarah Tschernigow

Berlin - Um es gleich vorweg klarzustellen: größtmögliche Flexibilität heißt nicht, dass alles geht. Es muss schon einen gewissen Coolness-Faktor haben und unter dem Etikett sportlich chic laufen. Seit jeher ist das ein Spezialgebiet von Michael Michalsky. Zwar spiegelt seine Kollektion in erster Linie sich selbst wieder, aber der Designer scheut keine Verallgemeinerung:

"Der moderne Mann mag es nicht steif oder formell", sagt er. "Deshalb sind die Anzüge bei Michalsky unconstructed." Er meint, für jede Gelegenheit und will den Träger auffordern: Bitte kombiniere wild und sei bloß nicht zu klassisch!

Die traditionelle, etwas schmal geschnittene Anzughose geht besser mit einem marineblauen Shirt. Oder das hellgraue Sakko mit dunkler Jogginghose. Dazu bei Michalsky immer Sneaker, wobei das Bling Bling (Schmuck) in Form von Nieten und Strass im Büro gerne wegbleiben kann. Die Raffinesse liegt bei der Marke im Detail.

Die Reißverschlüsse, betont Cecilia Osum vom Vertrieb, seien extra abgeschliffen, sehr teuer und kämen ausschließlich vom Schweizer Hersteller Riri. "Für Michael Michalsky ist der Businessmann mutig, urban und politisch interessiert.", sagt sie überzeugt. - Was? Politisch interessiert?

Michalsky und das nautische Alphabet

Auf der gleichzeitig zu den Schauen in Berlin stattfindenden Modemesse Premium präsentiert Cecilia Osum ein neues Highlight und erklärt: Hemden, Jacken, Hosen sind mit dem nautischen Alphabet bedruckt. "Michalsky geht es um Toleranz und Freiheit"; erläutert sie. "Und Freiheit, das ist für ihn Meer und Seefahrt. Wer das nautische Alphabet lesen kann, wird sehen, dass sogar "Michalsky" darauf geschrieben steht."

Vielleicht heißt Toleranz und Freiheit in der Mode auch einfach nur, dass Mann sich traut, was vor einigen Jahren gar nicht ging: Hochwasserhosen. Selbst der Büroanzug bleibt, wie schon diese Saison, kurz im Bein und wird dazu italienischer: Der Chino-Look mit hochgekrempelten Hosenbeinen ist auf der Fashion Week häufig zu sehen, beispielsweise bei Sopopular.

Das Label Alpha Studio, ein Traditionsunternehmen aus der Nähe von Florenz, zeigt, wie raffiniert gekrempelt wird. "Der Trend geht weg vom auf alt gemachten, runtergeratzten Vintagelook", sagt Agent Hardy Haller, der das in Deutschland bisher nur Insidern bekannte Label vorstellt. "Typisch für Alpha Studio ist die enge Fußweite."

Farblich hält sich das Label bedeckt: grau, rot, violett, und auch im Schnitt bleiben Poloshirts und Cardigans eher unaufgeregt. Doch um Missverständnissen vorzubeugen, sagt Haller: "Spießer sprechen wir höchsten auf dem Golfplatz an, wenn ein Poloshirt gewünscht wird." Denn auch bei Alpha Studio liegt die Cleverness in der Kombination: Über das Hemd kommt kein Jacket, sondern eine Strickjacke. Und wenn schon ein Sakko, dann bitte unbedingt mit Chinohose. "So stellen wir uns den jungen Architekten vor, den kreativen Journalisten."

Anzug von Boss und Socken von Gabicci

Und was ist mit dem Banker? Der greife bitte ohne Risiko zu Marken, wie Hugo Boss. Die Anzüge bleiben streng im Schnitt, wenn auch farbliche Einheiten ab und an durchbrochen werden: Hose blau, Sakko grau. Hose ocker, Sakko beige. Für Boss genug Individualität, die gerne mit dem Subtitel "sophisticated" versehen wird, was so viel heißen soll, wie kultiviert, intellektuell und ausgefeilt. Hugo Boss ist auf jeden Fall die chice Nummer Sicher, mit der Mann immer nach mehr aussieht und niemals wirklich falsch liegen kann.

Riskanter, aber deutlich origineller, ist das Konzept von Gabicci aus England. Auch dieses Label setzt auf smarten Clean Chic und konventionelle Farben, vorwiegend grau bis blau. Die Irritation kommt auf den zweiten Blick, wenn weiter unten, zwischen (natürlich) etwas zu kurzer Hoser und knöchelhohen Schuhen "funky socks" hervorluken. Funky vor allem deshalb, weil das Muster der Socken keinesfalls zum Anzug passt. Beispiel: gestreift rot-weiß-schwarze Socken zu blau meliertem Jacket.

Das wirkt irgendwo zwischen unverkrampft und dann doch wie-gewollt-und-nicht-gekonnt. Auf jeden Fall wird es dem Individualisten gerecht. Und die ganz Mutigen, die können sich an Ivanman trauen. Das noch recht junge Label wird den meisten zu feminin sein, da zu tailliert und zu rosa, aber an Finesse bietet es einiges. Lasche Farben werden durch grafische Schnitte und Drucken aufgepimpt - typisch ist der Längsstreifen am Ärmel. Und - jetzt kommt es- die rückenfreie Weste!

Was das noch mit dem geschäftstüchtigen, politischen Allrounder zu tun hat? "Eine ganze Menge", meint Designer Ivan Mandzuik, der als nächstes euphorisch berichtet, dass er sich von der New Yorker Börse hat inspirieren lassen. "Es geht um die knallharte, straighte Finanzwelt einerseits und Krise und Zusammenbruch andererseits." Für ihn total logisch: vorne blass, gerne konservativ und ein bisschen oversized. Hinten offen, gar nackig mit Aha-Effekt. Für die urbane Note fehlt im Grunde nur noch der "Coffee to Go"-Becher in der Hand; und schon könnte man(n) meinen irgendwo am Times Square rumzulaufen.

Mehr lesen über

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.