Samstag, 20. Juli 2019

Hermès-Chefparfümeurin Christine Nagel "Arbeiten ohne Limits ist sehr gesund"

Hermès-Chefparfümerin: Die Frau mit dem richtigen Riecher
Sofiaetmauro

Vor drei Jahren trat sie das Erbe von Parfümeurlegende Jean-Claude Ellena bei Hermès an. Jetzt hat Christine Nagel es gewagt, sein Meisterstück zu verändern.

Ein heißer Sommertag in Pantin, einem spröden Vorort von Paris. Christine Nagel, 59, mit auffälliger "Ja, ich trage eine Brille"-Brille, steht auf der Terrasse ihres Ateliers, einem weißen Häuschen mit Bauhaus-Anmutung, und zuppelt an einer Tomatenstaude, selbst gepflanzt. Seit drei Jahren ist sie die Chefparfümeurin bei Hermès.

Sie hat die Welt der Düfte so akribisch studiert wie kaum einer ihrer Kollegen: Als organische Chemikerin lernte sie ausgiebig, Duftstoffe zu synthetisieren. Als Parfümeurin hat sie dann später ikonische Düfte wie "Eau de Cartier" und "Miss Dior Chérie" kreiert, für Givenchy, Giorgio Armani, Kenzo, Jo Malone, Guerlain und Thierry Mugler gearbeitet. Bei Hermès hat die Schweizerin sich nun nach einigen neuen Duftkreationen an die Variation des Klassikers "Terre d'Hermès" herangetastet, das Meisterstück des Hauses.

Gefunden in
Splendid
Oktober 2018

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splendid: Keine Briefings, keine Budget-Grenzen, keine Marktforschung. Diese Freiheit habe Sie überzeugt, als Hausparfümeurin bei Hermès anzufangen, verrieten Sie uns vor drei Jahren. Und, wurden Ihre Erwartungen erfüllt?

Christine Nagel: Ja, diese Freiheit ist das größte Geschenk, das ich in meinem Leben bekommen habe. Als ich damals Pierre-Alexis Dumas, dem künstlerischen Direktor von Hermès, meinen Antrittsbesuch abstattete, sagte er mir: Bewahre dir deine Kühnheit, ohne sie gibt es keine Kreativität. Arbeiten ohne Limits ist aufregend - und sehr gesund.

Früher, als Sie noch frei für Marken wie Cartier oder Jo Malone Düfte entwickelt haben, brachten Sie schon mal 15 Parfüms in einem Jahr heraus. Bei Hermès arbeiten Sie jahrelang an einem Duft. Macht die neue Freiheit auch unproduktiv?

Nein, aber ich brauchte tatsächlich Zeit zu lernen, wie man sich Zeit lässt. Früher war ich manchmal an 25 Projekten gleichzeitig dran. Jetzt tauche ich in eine Idee ein und vertraue zum ersten Mal meiner Intuition. Es ist ein Genuss, so ganz ohne Marktforschung und frei von jeder Beeinflussung durchs Marketing seiner Kreativität freien Lauf zu lassen. Früher haben sich alle möglichen Leute in meine Düfte eingemischt: Das ist uns zu holzig! Bitte weniger würzig! Wir wollen es zuckriger! Am Ende blieb von meinen Ideen oft nichts übrig. Das ist jetzt anders, heute ist jeder Duft wirklich meiner.

Sie haben eines der großen Erfolgsprodukte des Hauses, "Terre d'Hermès", in einer Vetiver-Variante neu aufgelegt. Gab es nicht einmal bei diesem Klassiker irgendwelche Vorgaben? Er soll sich ja sicherlich nicht schlechter verkaufen als bisher.

Ich war völlig frei. Das hat mich zunächst selbst etwas nervös gemacht. Ich habe mich erst gar nicht getraut, Terre anzufassen: Es war der Duft meines Vorgängers Jean-Claude Ellena, und solange wir noch zusammengearbeitet haben, wäre es für mich undenkbar gewesen, daran etwas zu ändern - ich hatte viel zu viel Respekt. Aber in meinem Kopf ratterte es schon. Vor zwei Jahren fühlte ich mich dann sicher genug. Ich hatte großen Spaß dabei, den Duft auseinanderzunehmen: Ich fühlte mich ein bisschen wie ein Uhrmacher, dem man eine schöne, alte Taschenuhr in den Schoß legt, und der darf nachschauen, wie sie tickt.

Was genau haben Sie an der Zusammensetzung verändert?

Ich habe den Duft grüner gemacht, die klassischen Bergamotte-Noten ausgetauscht. Die waren frisch und zugleich warm, ich wollte da eine etwas knackigere Variante finden. Also ließ ich Bergamotte ernten, bevor sie reif wurde, und verarbeitete sie in grünem Zustand. Das war ziemlich kompliziert. Wir hatten weniger Saft zur Verfügung, weil die Früchte noch klein waren. Außerdem ersetzte ich Jean-Claudes schwarzen Pfeffer, der mir etwas zu staubig war, durch frischeren Szechuanpfeffer, der an Grapefruitaroma erinnert. Und ich wählte eine sanftere Vetiver-Sorte. Hatte mich Terre anfangs noch eingeschüchtert, kann ich jetzt sagen, dass wir Freunde geworden sind.

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