Freitag, 29. Mai 2020

Brillen für John Lennon, Woody Allen und Johnny Depp "Nicht Brille, sondern Moscot"

Moscot-Brillen: Dicke Rahmen für berühmte Brillenträger
FabiolaCatalano/Moscot

Sie heißen Lemtosh, Yukel, Bupkes, Shikker, Schlep oder Mensch. Jiddisch-ismen, die die Familie Moscot zum Teil selbst erfunden hat, um sich gegenseitig zu necken. Deren Träger sind weltweit prominent: Woody Allen, John Lennon, Truman Capote, Andy Warhol und noch viele mehr. Die Brillenmanufaktur "Moscot" aus der New Yorker Lower East Side ist das wohl berühmteste unbekannte Sehhilfen-Label der Welt. Ein Markenzeichen: dicke Acetat-Rahmen, und das seit 105 Jahren. Filmstars und Promis aus der Kreativ-Branche zählen zu den Fans. Wir sprachen mit Harvey Moscot, 58, Augenarzt und Optiker, in Mailands Kreativ-Quartier Brera. In Italien wurde kürzlich das 13. weltweite Geschäft eröffnet. Ein Vier-Augen-Hinterzimmergespräch auf einem ausrangierten Sehtest-Untersuchungsstuhl auf vier Quadratmetern.

manager magazin: Dr. Moscot, Sie schufen mit Ihren Brillen berühmte Images von Prominenten und damit unverwechselbare Charaktere. Woody Allens dicke "Lemtosh", die berühmte Nickelbrille von John Lennon ...

Harvey Moscot: Wir müssen viel früher anfangen (er blättert ein Buch mit der Firmengeschichte auf). Alles begann in der Lower Eastside in Manhattan. Mein Ur-Ur-Großvater kam Ende des 19. Jahrhunderts aus Osteuropa, dem ehemaligen Jugoslawien, über Ellis Island. Er verkaufte in seinem Handwagen Brillen und Kämme.

Eine typische US-Einwanderer-Geschichte?

Mein Großvater Hyman war ein Mann mit Mission: Menschen zu helfen. Als Teenager hatte ich das Glück, mit ihm zu arbeiten, immer samstags. Wir waren die ersten lizensierten Optiker; Linsen schleifen, Rahmen erstellen, anpassen, wir haben die ganze Lower East Side versorgt. Traditionell war das die Ecke, in der alle Kreativen lebten, weil es billig war - Schriftsteller, Filmleute, Musiker. Mein Großvater hat den Leuten die Brillen kostenlos gerichtet, die perfekte Kundenbindung. Einem hat er mal Geld gestundet, 60 Dollar für eine Brille. Der durfte Raten zu je 5 Dollar für zwölf Wochen zahlen. Ich dachte: Ist mein Großvater verrückt?

Und?

Er hat aber damit seinen Ruf aufgebaut, fair zu sein. Jeder Kunde erzählte seinen Freunden: Da musst Du hin, ein klasse Laden. Viele der Künstler wurden im Laufe der Zeit berühmt. Irgendein kleiner Stylist oder Ausstatter wurde plötzlich Kostümdesigner bei einem großen Film, das war immer eine Connection.

Mund-zu-Mund-Propaganda? Das war aber sicher nicht alles? Heute tragen so viele namhafte Prominente Ihre Brillen.

Jeder Kunde ist für mich gleich bedeutsam. Ich würde Sie genauso nett behandeln wie Sarah Jessica Parker. Oder Jim Jarmusch. Obwohl Sie ständig Ihre Brille in die Haare schieben und damit Gläser zerkratzen und die Bügel ausleiern. Nur so ein Rat.

Hm, da sind da noch Orlando Bloom, Chris Hemsworth, Andy Garcia, Alec Baldwin, Johnny Depp, Tim Burton, Ryan Gosling, LeBron James, Helena Bonham Carter, Mila Kunis, Elton John. Alles bekennende Kunden.

Hat sich so ergeben. Wissen Sie, ich bin Gitarrist seit meiner Jugend, ich liebe Musik, vor allem Heavy Metal. Meine Lieblingsband waren "Grateful Dead", die hatten 'nen berühmten Gitarristen, Jerry Garcia. Der kam eines Tages zu Moscot. Wie Bob Dylan auch. Mein Vater erzählte nur, es sei ein dicker, ungepflegter Mann mit Essen im Bart reingekommen. So ein schmuddeliger Typ. Ich wollte wissen, wer er war. Jerry Garcia!!!!! Ich bin ausgeflippt! Ich habe übrigens das Rezept für seine Brille aufbewahrt. Er war kurzsichtig und trug die Pilotenbrille - classic style. John Lennon habe ich persönlich nicht getroffen, aber sein Sohn Jean ist Kunde bei uns. Er trägt gern das Modell Zulu.

Sie vermitteln mit Ihren Brillen ja auch ein Manhattan-Lebensgefühl, oder?

Stimmt. Dieses Lebensgefühl spiegeln unsere Läden wider und auch unsere Website. Nach 78 Jahren Miete zahlen sind wir aus dem Haus geworfen worden - wie blöd waren wir? Wir haben aber im Haus gegenüber eine neue Heimat gefunden. Alle unsere Shops haben eine gleiche Ästhetik - mit dem "Tin Ceiling". Gepunztes Blech war das billigste Zeug, wenn eine Decke repariert wurde, man benutze das als Abdeckmaterial - die Europäer staunen immer wieder ob dessen Art-Déco-Schönheit, dabei ist es das billigste Material überhaupt!

Ihr Kundenprofil?

Jemand, der die Brille trägt und nicht die Brille den Kunden.

Wie ist es, Meryl Streep in die Augen zu schauen?

Tatsächlich habe ich sie als Arzt nie untersucht, aber andere Prominente sind wie wir Normalsterbliche. Manche bescheiden, andere nicht. Paul Rudd aus der Netflix-Serie "Living with yourself" ist ein gutes Beispiel für einen Mann, der auf dem Boden blieb, andere werden umso arroganter, je berühmter sie werden.

Bezahlen Sie Kunden für PR?

Wir haben noch nie Prominente bezahlt, unsere Brillen zu tragen. Das widerspricht unserer Philosophie. Die ist: Guter Gegenwert, bester Service, inklusive Zeiss-Gläsern.

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