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Moscot-Brillen: Dicke Rahmen für berühmte Brillenträger

Foto: FabiolaCatalano/Moscot

Brillen für John Lennon, Woody Allen und Johnny Depp "Nicht Brille, sondern Moscot"

Von Uschka Pittroff

Sie heißen Lemtosh, Yukel, Bupkes, Shikker, Schlep oder Mensch. Jiddisch-ismen, die die Familie Moscot zum Teil selbst erfunden hat, um sich gegenseitig zu necken. Deren Träger sind weltweit prominent: Woody Allen, John Lennon, Truman Capote, Andy Warhol und noch viele mehr. Die Brillenmanufaktur "Moscot" aus der New Yorker Lower East Side ist das wohl berühmteste unbekannte Sehhilfen-Label der Welt. Ein Markenzeichen: dicke Acetat-Rahmen, und das seit 105 Jahren. Filmstars und Promis aus der Kreativ-Branche zählen zu den Fans. Wir sprachen mit Harvey Moscot, 58, Augenarzt und Optiker, in Mailands Kreativ-Quartier Brera. In Italien wurde kürzlich das 13. weltweite Geschäft eröffnet. Ein Vier-Augen-Hinterzimmergespräch auf einem ausrangierten Sehtest-Untersuchungsstuhl auf vier Quadratmetern.

manager magazin: Dr. Moscot, Sie schufen mit Ihren Brillen berühmte Images von Prominenten und damit unverwechselbare Charaktere. Woody Allens dicke "Lemtosh", die berühmte Nickelbrille von John Lennon ...

Harvey Moscot: Wir müssen viel früher anfangen (er blättert ein Buch mit der Firmengeschichte auf). Alles begann in der Lower Eastside in Manhattan. Mein Ur-Ur-Großvater kam Ende des 19. Jahrhunderts aus Osteuropa, dem ehemaligen Jugoslawien, über Ellis Island. Er verkaufte in seinem Handwagen Brillen und Kämme.

Eine typische US-Einwanderer-Geschichte?

Mein Großvater Hyman war ein Mann mit Mission: Menschen zu helfen. Als Teenager hatte ich das Glück, mit ihm zu arbeiten, immer samstags. Wir waren die ersten lizensierten Optiker; Linsen schleifen, Rahmen erstellen, anpassen, wir haben die ganze Lower East Side versorgt. Traditionell war das die Ecke, in der alle Kreativen lebten, weil es billig war - Schriftsteller, Filmleute, Musiker. Mein Großvater hat den Leuten die Brillen kostenlos gerichtet, die perfekte Kundenbindung. Einem hat er mal Geld gestundet, 60 Dollar für eine Brille. Der durfte Raten zu je 5 Dollar für zwölf Wochen zahlen. Ich dachte: Ist mein Großvater verrückt?

Und?

Er hat aber damit seinen Ruf aufgebaut, fair zu sein. Jeder Kunde erzählte seinen Freunden: Da musst Du hin, ein klasse Laden. Viele der Künstler wurden im Laufe der Zeit berühmt. Irgendein kleiner Stylist oder Ausstatter wurde plötzlich Kostümdesigner bei einem großen Film, das war immer eine Connection.

Mund-zu-Mund-Propaganda? Das war aber sicher nicht alles? Heute tragen so viele namhafte Prominente Ihre Brillen.

Jeder Kunde ist für mich gleich bedeutsam. Ich würde Sie genauso nett behandeln wie Sarah Jessica Parker. Oder Jim Jarmusch. Obwohl Sie ständig Ihre Brille in die Haare schieben und damit Gläser zerkratzen und die Bügel ausleiern. Nur so ein Rat.

Hm, da sind da noch Orlando Bloom, Chris Hemsworth, Andy Garcia, Alec Baldwin, Johnny Depp, Tim Burton, Ryan Gosling, LeBron James, Helena Bonham Carter, Mila Kunis, Elton John. Alles bekennende Kunden.

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Moscot-Brillen: Dicke Rahmen für berühmte Brillenträger

Foto: FabiolaCatalano/Moscot

Hat sich so ergeben. Wissen Sie, ich bin Gitarrist seit meiner Jugend, ich liebe Musik, vor allem Heavy Metal. Meine Lieblingsband waren "Grateful Dead", die hatten 'nen berühmten Gitarristen, Jerry Garcia. Der kam eines Tages zu Moscot. Wie Bob Dylan auch. Mein Vater erzählte nur, es sei ein dicker, ungepflegter Mann mit Essen im Bart reingekommen. So ein schmuddeliger Typ. Ich wollte wissen, wer er war. Jerry Garcia!!!!! Ich bin ausgeflippt! Ich habe übrigens das Rezept für seine Brille aufbewahrt. Er war kurzsichtig und trug die Pilotenbrille - classic style. John Lennon habe ich persönlich nicht getroffen, aber sein Sohn Jean ist Kunde bei uns. Er trägt gern das Modell Zulu.

Sie vermitteln mit Ihren Brillen ja auch ein Manhattan-Lebensgefühl, oder?

Stimmt. Dieses Lebensgefühl spiegeln unsere Läden wider und auch unsere Website. Nach 78 Jahren Miete zahlen sind wir aus dem Haus geworfen worden - wie blöd waren wir? Wir haben aber im Haus gegenüber eine neue Heimat gefunden. Alle unsere Shops haben eine gleiche Ästhetik - mit dem "Tin Ceiling". Gepunztes Blech war das billigste Zeug, wenn eine Decke repariert wurde, man benutze das als Abdeckmaterial - die Europäer staunen immer wieder ob dessen Art-Déco-Schönheit, dabei ist es das billigste Material überhaupt!

Ihr Kundenprofil?

Jemand, der die Brille trägt und nicht die Brille den Kunden.

Wie ist es, Meryl Streep in die Augen zu schauen?

Tatsächlich habe ich sie als Arzt nie untersucht, aber andere Prominente sind wie wir Normalsterbliche. Manche bescheiden, andere nicht. Paul Rudd aus der Netflix-Serie "Living with yourself" ist ein gutes Beispiel für einen Mann, der auf dem Boden blieb, andere werden umso arroganter, je berühmter sie werden.

Bezahlen Sie Kunden für PR?

Wir haben noch nie Prominente bezahlt, unsere Brillen zu tragen. Das widerspricht unserer Philosophie. Die ist: Guter Gegenwert, bester Service, inklusive Zeiss-Gläsern.

Brillen sind kein Accessoire - man braucht mehrere, zwei oder drei

Welche Brillen sollten Manager tragen, wenn Sie Durchblick und Durchsetzungsvermögen signalisieren wollen?

Das ist schon Fehler Nummer eins: Überhaupt nur eine Brille zu tragen. Man braucht mehrere. Brillen sind kein Accessoire wie ein Schal oder ein Gürtel. Man braucht mehrere, zwei oder drei. An manchen Tagen möchte man weniger formell sein, nerdy oder mit solchen aus dünnem Metall. Mit Sonnenbrillen kann man mehr Spaß haben, die trägt man nicht dauernd, also kann man größere Wagnisse eingehen. Der Punkt aber ist die Funktionalität. Eine einzige Brille dient nicht allen visuellen Anforderungen. Man geht nicht in High-Heels joggen und braucht auch spezielle Büro-Linsen.

Manchen wird aber bei Gleitsichtbrillen übel.

Genau. Wenn Sie vor Ihrem Computer sitzen und für zwei Stunden den Kopf in den Nacken legen, bekommen Sie einen steifen Hals. Und werden auf Dauer krank. Sie brauchen also eine spezielle Linse. Um das Syndrom zu vermeiden. Also: Mehrere Brillen.

Was halten Sie von Gläsern, die das Blaulicht filtern, wie es gerade angesagt ist?

Es gibt Hunderte von Studien dazu, welche Auswirkungen das sichtbare blaue Lichtspektrum auf uns hat. Alles kontrovers, aber je mehr Studien, desto mehr Durchblick. Ich befürworte das. Gerade Computerarbeiter stellen fest, dass sie nicht mehr so schnell müde werden. Außerdem gibt es definitiv eine Verbindung zur Melatonin-Produktion, die den Tag-Nacht-Rhythmus regelt. Leuten, die zur Nachtblindheit neigen, hilft das beim Autofahren. Außerdem kann man durch das Filtern möglicherweise einem "Grauen Star" vorbeugen.

Gibt es Unterschiede bei Ethnien, verschiedenen Kulturen in punkto Brille?

Dafür haben wir unser bislang berühmtestes feature erfunden.

Nämlich?

Metal Nosepads. Nasenpolster, kleine metallene Brücken. Weil manche Menschen, zum Beispiel viele aus der asiatischen Community, keinen prominenten Nasenrücken haben. Da würden die Brillenrahmen sonst auf den Wangen aufsitzen, also müssen wir die Brille heben. In New York heißt das "asian fitting", wir aber sagen "alternative fit", weil es ja auch derlei Menschen jenseits von Asien gibt. Ein Hit in Vancouver mit seiner großen asiatischen Community, auch in Korea und Japan.

Was sind denn die Trends und die Veränderungen auf dem Brillenmarkt?

Die größte Veränderung ist, dass Brillen von der Sehhilfe zum Mode-Accessoire avanciert sind. Und: Im Business tut sich einiges. Wenn ich auf Messen bin, frage ich mich immer, wer all die Abertausende Brillen von Luxottica, Marcolin und Co. und deren zig Lizenzgeber kaufen soll. Das kann nicht lukrativ sein. Was ich beobachte: Großkonglomerate wie Kering kaufen lizensierte Marken nun zurück. Das ist billiger und man hat mehr Kontrolle. Zudem kaufen Luxottica & Co gerade viele Handelsketten auf, um sie unter einen Schirm und dort eigene Produkte an den Mann zu bringen.

Ist für Sie als unabhängiges Label Social Media eine Lösung? Bezahlen Sie Influencer?

Mein Sohn Zack in 5. Generation gehört zu den Millenials, er hat unser Digitalgeschäft aufgebaut. Eine Evolution des Geschäfts, sehr interessant für mich - eine Gegenüberstellung von 105 Jahre alter Tradition zu disruptiven Zeiten. I love it! Plötzlich rede ich vertraulich mit Kunden in Indonesien- alle Mauern fallen weg!

Und? Sie haben unsere Frage nicht beantwortet.

Im Jahr 2002 hab ich mich mal gelangweilt im Laden, es regnete, ich klimperte auf der Gitarre - ich singe übrigens nicht, weil ich keine gute Stimme habe, und mein Freund Gus kam vorbei und wir haben improvisiert - die Kunden, die hereinschneiten, fanden das superklasse. Das war der Startschuss: Zunächst haben wir Indie-Bands aus Brooklyn eingeladen. Einige sind später wirklich berühmt geworden wie "X Ambassadors", "Theophilus", oder Myles Kennedy, den Sänger von "Alter Bridge" oder "Sledge" und Leute aus der Hausband von "Jimmy Fallon". Solche Leute sind unsere Botschafter, jeder kennt sie aus dem Radio. Jetzt geben wir fast alle drei Monate immer donnerstags Konzerte in unserem Laden.

Uschka Pittroff

Uschka Pittroff berichtet für manager magazin als freie Autorin über Mode und Lebensstil.

Eine hübsche Anekdote - aber was wollen Sie uns damit sagen?

Dass wir keine Influencer unterstützen, nur weil sie einen netten Hintern haben. Was glauben Sie, was passiert, wenn diese komischen selbstberufenen Influencer einen festen Job bekommen? Die sind weg!

Stattdessen setzen Sie auf Ihre eigene aufgebaute Community?

Haben Sie den Netflix-Renner "The Irishman" gesehen"? Joe Pesci trägt Moscot. Und Al Pacino! Johnny Depp in "Secret Window", "Russian Doll"? Natasha Lyonne ist die heißeste Frau in der weiblichen Filmindustrie, jeder will mit ihr arbeiten. Sie trägt das Model "Shtarker" - besser als das von Tom Hanks in "Mister Roger's Neighborhood".

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Foto: FabiolaCatalano/Moscot

Alles Mund-zu-Mund-Propaganda? Ihr Geschäftsmodell?

Ja, weil es sich auszahlt. 105 Jahre blood, sweat and tears. Wir sind ein Klassiker. Ich habe mir das Wort "classiconic" patentieren lassen. Klassisch und ikonisch. Gerade hat mich ein Kumpel aus L.A. angerufen, ein Filmproduzent, der ein gutes Drehbuch vorliegen hat. Darin schrieb der Autor: "Und er setzte seine Moscot" auf. Nicht Brille, sondern Moscot.

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