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Diamanten: Wie Juweliere sie zum Funkeln bringen

Foto: Tiffany & Co.

Wie Juweliere mit eigenen Cuts Diamanten zum Funkeln bringen Der letzte Schliff

Nur wenige Juweliere leisten sich einen eigenen Cut für den wichtigsten aller Edelsteine. Das Verfahren ist aufwendig, das Funkeln einzigartig.
Von Marianne Eschbach und Bianca Lang

Der letzte Schliff kommt nordöstlich von Antwerpen in die Diamanten. In Backsteinhäusern einer Einfamiliensiedlung in der Region Kempen verbergen sich die drei hier noch existierenden Schleifereien, die sich auf die Bearbeitung großer Diamanten verstehen. In dem Betrieb, den Jef Van Eyck vor 30 Jahren von seinem Vater übernommen hat, sind die Fenster abgedunkelt, in der Werkstatt stehen Fräsen, Laser, Schleifmaschinen. Kein Stein wird heute mehr mit Muskelkraft gespalten, nur das Schleifen der Facetten passiert durch Menschenhand - das macht die Qualität aus.

Seit 2015 bietet Wempe Diamantstücke im firmeneigenen Cut an. Geschliffen werden sie in Bangkok, vier Schleifer dort beherrschen den exklusiven "Splendora"-Schliff des Hamburger Schmuckhauses, zwei Tage benötigen sie für die 137 Facetten. Ständig müssen sie durch die Lupe ihre Arbeit kontrollieren, damit kein Fehler passiert.

In Belgien wird später das Logo eingelasert und der Stein poliert, auch dafür braucht es Spezialbetriebe wie den von Van Eyck. Mikroskopisch klein brennt das Lasergerät das Wempe-Logo in die Rondiste der neuen Brillanten, also an die Stelle, an der der Stein den größten Umfang hat. An schnell rotierenden Drehtellern bringen zwei Schleifer in blauen Kitteln die Diamanten zum Schluss auf Hochglanz. Jede Facette wird erst vom Auge und dann von einem Scanner auf Makellosigkeit überprüft.

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Wempe ist neben Tiffany einer der wenigen bekannten Juweliere, die sich einen hauseigenen Schliff leisten. Oder Louis Vuitton: das Haus lässt Diamanten in Form seiner Monogramm-Blüten einschleifen. 75 Splendora-Stücke mit 137 Facetten hat Wempe bislang verkauft, der Anteil am Gesamtgeschäft dürfte sich trotz der Hochpreisigkeit der Stücke in Grenzen halten.

Splendora ist so etwas wie eine Haute-Couture-Kollektion des Juweliers - und mit einer solchen schmückt sich jedes Haus gern, demonstriert sie doch die eigene Kunstfertigkeit und Leidenschaft am besten. Marken wie Bucherer oder Montblanc bieten ebenfalls exklusive Juwelen an - ihre Einzigartigkeit besteht jedoch nicht im Schliff, sondern in eingravierten Botschaften, Nummern oder Logos wie den zum Stern zugeschliffenen Diamanten auf den Kappen exklusiver Füllfederhalter.

Um die Entwicklung innovativer Diamantschliffe kümmern sich weltweit eine Handvoll Experten. Für Wempe hat das Hans Clément übernommen, Diamanthändler der Antwerpener IGC Group, ein über 100 Jahre altes Familienunternehmen. "Von der Idee bis zum fertigen Produkt dauert es rund zwei Jahre", sagt Clément, bei IGC verantwortlich für die geschliffenen Diamanten. Die lässt seine Firma seit 37 Jahren weitgehend von Mitarbeitern in Bangkok bearbeiten. Gehandelt werden sie anschließend, wie über die Hälfte aller geschliffenen Diamanten weltweit, an der Antwerpener Diamantbörse. Belgien gehört zu den wichtigsten Exporteuren.

Der Designprozess für den Wempe-Cut dauerte dreieinhalb Monate

Vier- bis fünfmal pro Jahr bekommt Clément Anfragen für besondere Diamantformen. Nur durch die Gestaltung der Fassung oder einen speziellen Schliff sind Diamanten bestimmten Marken zuzuordnen und zu unterscheiden. Dreieinhalb Monate etwa dauerte der Designprozess für den Wempe-Cut. Zunächst wurden Details wie die Form, die Anzahl der Facetten und die Farbe des Steins geklärt, dann die Entwürfe gezeichnet.

Aus den Vorschlägen wählte das Schmuckunternehmen drei Favoriten. Anschließend wurden passende Rohdiamanten eingeschliffen. IGC untersuchte mit Gemmologen die geschliffenen Steine auf maximale Lichtreflexion. Derjenige mit 137 Facetten überzeugte die Edelsteinexperten.

"Spezialschliffe sind ein Nischenprodukt in diesem Business", sagt Clément. "85 Prozent der verkauften Schmuckdiamanten sind in runder Brillantform geschliffen." Besonders bei Solitären legten die Kunden Wert auf klassisches Design, sagt Unternehmens-Chefin Kim-Eva Wempe. Deshalb habe sie einen Rundschliff kreieren lassen, aber einen besonderen, der das Funkeln des Diamanten deutlich steigere.

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Der Wempe-Cut gründet auf dem üblichen Brillantschliff mit 57 Facetten. Der besten Schliffqualität "excellent" wurden 80 Facetten in exakt bestimmten Winkeln hinzugefügt, und zwar in Steine mit dem Gewicht von 1 bis 5 Karat. Wempe investiert jedes Jahr einen einstelligen Millionenbetrag, um passende Rohdiamanten zu kaufen. "Der Diamant ist der wichtigste Edelstein", sagt Kim- Eva Wempe. Keiner leuchtet mehr. "Mit der Realisierung eines eigenen Schliffs können wir unsere Kreativität beweisen."

Tiffany & Co. hat seit der Jahrtausendwende ebenfalls einen eigenen Cut im Angebot. Der "Lucida" mit 50 Facetten ist ein achteckiger Diamant mit treppenartig geschliffener Krone und brillantähnlicher Unterseite. Deutschland-Geschäftsführerin Gitta Gräfin Lambsdorff sagt, dass ihre Kunden häufig Verlobungsringe mit Besonderheiten suchten. Der patentierte "Lucida" komme diesem Wunsch am besten nach.

Es geht immer nur darum, das Funkeln zu verbessern

In den fast 550 Jahren, seit Diamanten professionell bearbeitet werden, sind viele Diamantschliffe und -formen entstanden. Die Natur liefert die Vorgabe, indem sie die meisten Steine in geometrischer Form produziert. Als Oktaeder, eine Art Doppelpyramide mit quadratischer Grundfläche, und als Dodekaeder, ein Körper mit zwölf regelmäßigen Fünfecken als Flächen. Darin ist die runde Form schon enthalten.

Ein Rundschliff - also ein Brillant - ist auch deshalb die am häufigsten geschliffene Version des Diamanten. Der moderne Brillantschliff mit 57 Facetten wurde 1919 vom Antwerpener Marcel Tolkowsky entwickelt. Die Diamantschleiferfamilie Tolkowsky in Antwerpen prägt seit Generationen die Welt der kostbaren Steine - ebenso wie die Asschers in Amsterdam. Die kreierten 1902 ihren Asscher-Schliff, heute als Royal Asscher Cut bekannt. Bucherer hat ihn bis vor Kurzem exklusiv vertrieben.

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"In den letzten zehn Jahren gab es große Fortschritte in den Schliffen. Es geht immer nur darum, das Funkeln zu verbessern", sagt Stephen Lussier, Vizepräsident von De Beers. Der größte Diamantproduzent und -händler der Welt experimentierte schon in den 80er Jahren mit unkonventionellen Winkeln und Abmessungen der Facetten, seine nach Blumen benannten Cuts setzten sich jedoch nicht durch. "Vielleicht waren sie ihrer Zeit voraus", sagt Lussier. "Der Millennial-Konsument hat deutlich mehr Interesse an Einzigartigkeit, wenn es um Diamantdesign geht."

Bislang waren vor allem klassische Diamantschliffe erfolgreich. Neben dem runden sind das die quadratischen Princess- und Kissenschliffe, die rechteckigen Baguette-, Radiant- und Smaragdschliffe, der linsenförmige Navette- oder Marquiseschliff (König Ludwig XV. ließ ihn nach den Lippen seiner Mätresse Madame de Pompadour schleifen), der Herz- und der Tropfenschliff sowie der Ovalschliff.

Jeder geschliffene Diamant ab einem halben Karat wird in Amsterdam oder den USA geprüft und erhält ein Zertifikat über sein Gewicht, die Farbe, Reinheit und den Schliff. Und das Feuer? Das kann nur jeder selbst entdecken. Zum Beispiel, wenn er einmal einen Splendora-Diamantring am Finger hatte, der jedes Licht tatsächlich zu einem einzigartigen Strahlen bricht.

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