Fotostrecke

Edelschneiderei: Der 50.000-Dollar-Mantel

Foto: EdenBooks

Der 50.000-Dollar-Mantel Die pure Perfektion

Das ist Stil: Ein Nobel-Maßschneider fertigt für einen Kunden den ultimativen Mantel aus den besten Materialien. Am Ende kostet das gute Stück 50.000 Dollar. Die amerikanische Journalistin Me Lukens Noonan hat den Weg des Mantels nachverfolgt. Ein Gespräch über echten Luxus.

mm: Wer gibt 50.000 Dollar für einen Mantel aus?

Noonan: Leute, die bereit sind, so viel Geld für ein Kleidungsstück auszugeben, betrachten das als Investition in Kunst. Die kaufen halt keine Bilder oder Skulpturen, sondern einen Mantel, der sie selbst verändert. Und, klar: Es sind Leute mit richtig viel Geld. Die fühlen sich in Maßkleidung wohl. Es macht sie selbstbewusster. Sie mögen das Gefühl, etwas zu tragen, das nur für sie angefertigt wurde. Im Fall des 50.000-Dollar-Mantels war das ein australischer Geschäftsmann.

mm: Auf den ersten Blick sieht dieser Mantel, ehrlich gesagt, nicht besonders spektakulär aus. Ein blauer Mantel halt, unauffälliger, etwas konservativer Schnitt.

Noonan: Als ich das erste Mal ein Bild des Mantels sah, war genau das auch mein Eindruck. Wie kann ein so normal aussehendes Kleidungsstück so viel kosten? An diesem Punkt war meine Neugier geweckt. Das war der Grund, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Und ich habe dabei viel gelernt. Ich habe gelernt, die unglaubliche Handwerkskunst in jedem Detail des Mantels zu schätzen. Allein wie dieser Stoff sich anfühlt! Vikunjawolle. Fantastisch. Das ist das feinste, weichste und wärmste Gewebe der Welt. Und der Mantel - als ich ihn gesehen und einmal anprobiert habe, war mir klar: Das ist Kunst. Große Kunst. Er mag schlicht aussehen, aber er ist Perfektion in jedem Detail.

mm: Warum kommt diese Form von Eleganz so tiefstapelnd daher?

Noonan: Unter den Leuten, die Maßschneiderei lieben, gibt es die Redewendung: Knowing, not showing - wissen, nicht zeigen. Sie wissen genau, was sie da tragen, aber sie wollen lieber gar nicht als etwas Besonderes wahrgenommen als zu sehr herauszustechen.

mm: Warum?

Noonan: In manchen Kulturen mag eine gewisse Lust am Herzeigen verwurzelt sein. Aber die Männer, die ich bei meiner Recherche kennen gelernt habe, sind nicht so gestrickt. Die wirken ganz normal. Die haben einfach nur diese Passion für sehr, sehr gute Kleidung, ohne sich damit in den Mittelpunkt spielen zu wollen.

mm: Ist es da nicht ein Widerspruch, den Aufhänger des Mantels als schwere Goldkette zu gestalten, mit einer 4000 Dollar teuren, handgravierten Plakette?

Noonan: Na ja, die ist ja innen angebracht, die bekommen die wenigsten Leute zu sehen. Und die allerteuersten Maßschneider der Savile Row in London bringen ihre Etiketten noch dezenter an - innen in der Innentasche, wo sie wirklich niemals jemand zufällig zu Gesicht bekommen kann.

mm: Was ist das Teure an dem teuren Mantel? Oder, anders gefragt: Wer in der Produktionskette verdient am meisten daran?

Noonan: Das ist sehr schwer zu sagen. Ich weiß es wirklich nicht. Für den Endpreis spielen sehr viele Faktoren eine Rolle. Allein der Stoff aus Vikunjawolle kostet etliche tausend Dollar pro Meter. Und solche Details wie die gravierte Goldplakette am Aufhänger des Mantels schlagen auch mit ein paar tausend Dollar extra zu Buche.

mm: Was verdient der Schneider daran?

Wo das Meiste hängen bleibt

Noonan: Das weiß ich nicht. Ich glaube nicht, dass er mit solchen Projekten reich wird. Die größte Gewinnspanne bleibt wahrscheinlich an den Zwischenhändlern hängen, die die Wolle von Peru aus zum Weber bringen.

mm: Vikunjas waren schon mal fast ausgestorben, weil ihre Wolle so begehrt war. Andererseits schreiben Sie, dass Luxus zur Nachhaltigkeit beträgt. Wie passt das zusammen?

Noonan: Hunderte von Jahren wurden Vikunjas getötet, weil man glaubte, anders nicht an das Vlies kommen zu können. Sie wurden abgeschlachtet, bis ihr Bestand auf unter 10.000 Tiere sank. Und sie wurden gerettet, weil man herausfand, dass man sie im Grunde scheren kann wie Schafe, dass man sie gar nicht töten muss. Jetzt leben sie wild und werden nur für die Schur kurzzeitig eingefangen und sofort danach wieder frei gelassen - und das passiert schonend, so, wie es die Inka vor Jahrhunderten schon gemacht haben. Durch strenge Reglementierung wurde hier das wohl erfolgreichste Artenschutzprogramm der Welt umgesetzt. Und was die Nachhaltigkeit angeht: Leute, die Maßkleidung kaufen, wollen die lange tragen, 20 oder 30 Jahre. Manche vererben sie ihren Söhnen, die sie auf ihre Maße ändern lassen. Wer solche Kleidung anfertigen lässt, muss nicht andauernd etwas Neues kaufen.

mm: Luxus hat doch auch viel mit Geschichten zu tun. Wie viel von der Magie des Mantels ist der Erzählung seiner Herstellung geschuldet?

Noonan: Natürlich hat Luxus mit Geschichten zu tun. Firmen unterscheiden sich durch ihre Geschichten. Was den Mantel angeht: Sein Besitzer liebt es, die Materialien zu kennen, zu wissen, wo sie herkommen. Aber bei der Auswahl hat er einfach seinem Schneider vertraut. Er wollte nur einen wunderbaren, warmen Mantel. Die Geschichte dahinter war eher mir wichtig.

mm: Der Stoff für den Mantel stammt von Dormeuil, einer Firma, die lange nicht so bekannt ist wie Luxusfirmen wie Prada oder Burberry. Warum ist das so? Warum wirbt man nicht mit diesen Stoffen und ihrem Markennamen?

Noonan: Die Leute, die sich wirklich auskennen, kennen Dormeuil natürlich schon. Aber die Firma selbst gibt sich sozusagen mit einem Platz auf dem Rücksitz zufrieden. Da gehört eine gewisse Verschwiegenheit eher zur Tradition. Manchmal gibt es auch die klare Auflage, dass die Stofflieferanten nicht damit werben dürfen, wen sie beliefern, weil der Hersteller des Endproduktes den Ruhm nicht teilen will.

mm: Der Knopfhersteller Peter Grove, der die Wasserbüffelhornknöpfe für den 50.000-Dollar-Mantel geliefert hat, behauptet in Ihrem Buch, er stehe auf der untersten Stufe der Bekleidungshierarchie.

Noonan: Die Manufakturen, die die Knöpfe herstellen, kommen ja erst als letzte dran, wenn das Kleidungsstück komplett fertig designt und zugeschnitten ist. Kaum jemand verschwendet viele Gedanken an Knöpfe. Die meisten Knöpfe der Welt kommen aus einer einzigen Stadt in China, aus Qiaotou. Dort werden jährlich 15 Milliarden Knöpfe hergestellt, zwei Drittel des weltweiten Bedarfs, lieblose Massenware. Luxusknöpfe als Luxus sind eher etwas für Sammler, die nach bestimmten Knöpfen völlig verrückt sind und ein Vermögen dafür ausgeben. Der Knopffabrikant Peter Grove übrigens hat seine Firma mittlerweile abgewickelt. Es hat sich einfach nicht mehr gelohnt.

mm: Warum ist es so schwierig für Leute wie den Maßschneider John Cutler, geeignete Nachwuchskräfte zu finden?

Noonan: Es ist schwer, junge Leute zu bewegen, ein Handwerk zu lernen, das Jahre und Jahre braucht, um es wirklich zu beherrschen. Ein oder zwei Jahre lernen die gern, aber nicht viele Jahre. Sie werden abgelenkt und gehen dann woanders hin. Immerhin: Seit dem Erscheinen des Buches hat John Cutler steigende Umsätze. Ich habe Hoffnung, dass sich dieser Trend fortsetzt, dass Leute sich gerne besser kleiden wollen.

mm: Die meisten Leute verdienen im Jahr weniger als Keith Lamberts Mantel gekostet hat. Was können die aus Ihrem Buch lernen?

Noonan: Ich selbst gehöre auch nicht zu den Leuten, die 50.000 Dollar für einen Mantel ausgeben können. Aber ich habe während der Recherche gelernt, den Produkten, die ich kaufe, mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Ich achte mehr auf die Stoffe. Und darauf, wie die Sachen hergestellt werden. Ich habe gesehen, mit welcher Hingabe Kleidung gefertigt werden kann, die dann Jahrzehnte hält. Will ich wirklich noch etwas tragen, das in einer so schrecklichen Fabrik gefertigt wurde wie der, die vor ein paar Monaten in Bangladesch abgebrannt ist?

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.