Warum Sie Businessmode-Ratgeber ignorieren sollten (außer diesen) Dress as you are!

Businessfrauen werden überschüttet mit Ratschlägen, mit welcher Kleidung sie ihre männlichen Kollegen angeblich beeindrucken können. Doch Power-Dressing unterdrückt Weiblichkeit und Persönlichkeit, statt deren Vorzüge zu betonen.
Von Andreas Rose
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Andreas Rose

Andreas Rose hilft als Personal Shopper und Stilcoach seinen Kunden dabei, das richtige Outfit zu finden. Der Modeberater ist seit 25 Jahren in der Branche. In seinem Style-Blog  berichtet er über die neuen Trends der internationalen Modeszene.

Viel zu lange wird Frauen schon eingehämmert, dass sie sich wie Männer kleiden müssen, um nach oben zu kommen. Und viel zu lange repräsentierten die wenigen Frauen, die sich in einer Männerwelt durchsetzen konnten, eben genau das: Frauen, die so weiblich waren wie ein Schreibtisch, verkörpert durch den Prototyp Maggie Thatcher.

Wie lächerlich diese Vorstellung von Power-Dressing ist, zeigte bereits 1988 die Filmkomödie Die Waffen der Frauen (Working Girl). Auf einer Firmenparty macht Harrison Ford seiner Filmpartnerin Melanie Griffith ein schönes Kompliment: "Sie sind die erste Frau auf einer dieser Veranstaltungen, die sich wie eine Frau kleidet und nicht, wie eine Frau denkt, dass ein Mann sich kleiden würde, wenn er eine Frau wäre."

Im Büro hätte Harrison Ford ihr dieses Kompliment sicher nicht gemacht: Da trägt Melanie Griffith etwas, das aussieht wie ein grau kariertes Oversize-Sakko, als gehe sie auf eine Mottoparty "American Football" und nicht zu ihrer neuen Arbeitsstelle. Dazu trägt sie eine Bluse, zugeknöpft bis zum Anschlag, und eine unförmige braune Aktentasche, in der das gesamte Equipment eines Installateurs Platz hätte.

Der Verweis auf die 1980er Jahre ist nur ein schwacher Trost. Am Prinzip des Power-Dressing hat sich seither leider wenig geändert.

Adieu, Power-Dressing!

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Aber warum sollten Business-Frauen aussehen, wie Frauen meinen, dass Männer sich kleiden würden, wenn sie Frauen wären? Offenbar schwören viele Verfechter des Oldschool Power-Dressing eben genau darauf: Je männlicher, desto Macht.

Der Gedanke dahinter ist so simpel wie falsch. Er unterstellt, dass Frauen nur dann Kompetenz, Autorität und Führungsqualitäten vermitteln, wenn sie auftreten wie ein Mann - einschließlich der Kleidung. Von Maggie Thatcher heißt es, sie habe sich sogar eine tiefere Stimme antrainiert, um von Männern ernster genommen zu werden. Message: "Frauen, verkleidet euch wie Männer, sonst kommt ihr nicht nach oben!"

Aber Kleider machen nicht nur Eindruck, sie verändern auch das Bewusstsein. Frauen, die sich stets wie Männer kleiden, verhalten sich irgendwann auch wie Männer.

Im James-Bond-Film Der Morgen stirbt nie geraten Geheimdienstchefin M (Judi Dench) und der Admiral der britischen Flotte aneinander: "Ich glaube, Ihnen fehlt das, was ein Mann hat, für diesen Job", sagt der Admiral. M erwidert: "Schon möglich, aber dafür muss ich nicht dauernd mit dem, was mir fehlt, denken." Im englischen Original ist die Sprache expliziter. Die Botschaft bleibt. Frauen können anders - und das ist gut so.

Das Konzept Power-Dressing baut auf ein falsches Verständnis von Emanzipation. Frauen müssen nicht zu Männern werden, um gleichwertig zu sein. Sie sind es seit eh und je. Was fehlt, ist die gesellschaftliche Anerkennung dieser Gleichwertigkeit: Geringere Bezahlung bei gleicher Leistung, schlechtere Karrierechancen in männerdominierten Berufen etc. Langfristig verändern wird sich das aber nur, wenn sich Frauen trauen, das zu sein, was sie sind und das auch optisch vertreten. Der ewige Hosenanzug mag gelegentlich eine geeignete Wahl sein, aber als Dauerzustand zementiert er den Eindruck, dass Frauen in Führungspositionen unbedingt aussehen müssen wie Maggie Thatcher oder die ewige Kanzlerin.

Kleiden statt verkleiden

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Es ist absurd: Frauen haben heute im Alltag alle Möglichkeiten, sich zu kleiden, wie sie möchten. Doch im Büro (auf der Führungsebene) reduziert sich diese Vielfalt auf Hosenanzug und Kostüm. Zweifellos hat jede Branche ihre Erwartungen und ungeschriebenen Gesetze im Bezug auf Förmlichkeit. Wobei sich auch diese verändern. Anfang des Jahres befragte die Frankfurter Sparkasse ihre Kunden, was die Kundenberater anziehen sollen. Unter den vorgegebenen Antworten waren auch Jeans.

Frauen haben bei der Kleidung einen viel größeren Gestaltungsspielraum, als sie tatsächlich nutzen. Wer eine eigene Handschrift beim Führungsstil und bei der Umsetzung der Unternehmensziele hat, darf und soll dies mit seinem Kleidungsstil vermitteln. Selbstbewusstsein und Macht sind nicht dasselbe. Selbstbewusstsein zeigt sich in Schönheit. Macht interessiert sich nicht für Schönheit. Oder nur dann, wenn es einem Zweck dient: der Machterhaltung.

Wer sich in seiner Kleidung wohlfühlt oder nicht wohlfühlt, drückt dies immer aus. Das Gefühl, overdressed oder underdressed zu sein, kennt jeder. Aber es gibt auch das Gefühl, nicht zur eigenen Kleidung zu passen, selbst wenn die Kleidung scheinbar zur Umgebung passt. Entscheidend für die Wahl der Kleidung sollten weniger die gefühlten Erwartungen anderer sein als die eigene Vorstellung.

Ob der Rocksaum am Knie endet, darunter oder darüber, sollte davon abhängen, wie sich die Rockträgerin darin fühlt - und nicht davon, was Karriere- oder Modezeitschriften für "tabu" oder "unbedingt einzuhalten" ausgeben. Gut gewählte Kleidung lenkt nicht ab, sie trägt die Persönlichkeit nach außen.

Quality first!

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Nach wie vor relevant ist die Qualität. Wer von sich und anderen hochwertige, qualifizierte Arbeit erwartet, sollte diesen Anspruch auch durch die Wahl der Kleidung vermitteln - unabhängig vom jeweiligen Kleidungsstil und vom Kleidungsstück. Auch T-Shirts gibt es in hoher Qualität. Die Qualität eines Kleidungsstücks zeigt sich beim Material und Schnitt und nicht zuletzt auch darin, wie gut es sitzt. Zu weit oder zu eng - selbst wenn es nur an einigen Stellen ist - kann den Auftritt ruinieren. Je öfter eine Garderobe getragen wird, desto höher sollte die Qualität sein.

In jedem Fall ist es besser, eine überschaubare Ausstattung an hochwertiger Kleidung zu haben als unzählige billige Stücke. Im Businessumfeld sollten Frauen zudem darauf achten, ihr Erscheinungsbild nicht zu überladen. Eine harmonische und anlassbezogene Abstimmung von Schnitt, Farbe und Accessoires ist von Vorteil und untergräbt keineswegs den Ausdruck der eigenen Persönlichkeit.

Der eigene Stil, die eigene Persönlichkeit und die Branche sind die wichtigsten Faktoren bei der Auswahl der Garderobe. Um für alle Anlässe gewappnet zu sein, empfiehlt sich zudem eine Grundausstattung an Kleidungsstücken, die möglichst gut untereinander kombinierbar sein sollen.

Neben der Qualität sollte eine Frage bei der Anschaffung neuer Ausstattung sein: Wie passt das Stück zu meiner bisherigen Garderobe? Mit welchen anderen Stücken lässt es sich kombinieren? Grau und Creme mögen für sich nicht die spannendsten Farben sein, doch lassen sie sich extrem gut kombinieren.

Ähnliches gilt für Design und Schnitte: Je klassischer, dezenter, zeitloser sie sind, desto leichter findet sich ein ergänzendes Kleidungsstück. Modebewusstsein bei der Businessgarderobe zu demonstrieren ist kein Sakrileg, sollte aber den Kriterien Qualität und Wohlfühlen untergeordnet werden. Modisch zu sein nur um der Mode willen ist kontraproduktiv.

Businesskompatible Trends 2019 sind unter anderen Marlene-Hosen, benannt nach der Marlene Dietrich, die in den 1930er Jahren Frauen den Weg zur Hose bahnte. Diese weit geschnittenen und an der Taille relativ hoch ansetzenden Hosen verkörpern Weiblichkeit und Emanzipation.

Auch Blazerkleider - quasi nach unten zum Kleid erweiterte Blazer - sind diese Saison im Rennen. Auch wenn der Rock etwas kürzer ausfällt, passen sie mit etwas Fingerspitzengefühl - etwa bei der Wahl der Schuhe - durchaus in die Chefetage. Den besten Tipp erteilt Melanie Griffith im bereits erwähnten Film Die Waffen der Frauen, als sie das Kleid auswählt, für das sie später von Harrison Ford gelobt wird: "Es ist schlicht, elegant und hat trotzdem eine Botschaft."

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