Stilguide für den Anzugkauf So finden Sie den perfekten Anzug

Von Andreas Rose
Foto: Atelier Torino

"Wenn ein Anzug auffällt, ist man schlecht angezogen", hat Giorgio Armani einmal gesagt. Zum Glück ist das nur die halbe Wahrheit. Wo Anzüge zur Massenware geworden sind und Stil keine Selbstverständlichkeit, kann man mit einem guten Anzug durchaus beeindrucken.

Das verrät auch ein Blick nach Hollywood: Der Maßanzug ist zurück. Filme wie Codename U.N.C.L.E., Kingsman und John Wick zelebrieren dieses Kleidungsstück geradezu und machen den Maßanzug zum heimlichen Hauptdarsteller. Der Held selbst mag noch so ramponiert aus einer Verfolgungsjagd hervorgehen, alles kein Problem - solange der Anzug sitzt.

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Wie Hemd und Krawatte bleibt auch der Anzug nicht von Trends verschont: mal trägt man ihn enger, mal weiter, mal länger, mal kürzer. Auch Farben und Musterungen variieren von Saison zu Saison. Der Spielraum bei formeller Herrenkleidung, besonders bei Anzügen und erst recht, wenn sie zu formellen Anlässen getragen werden, ist jedoch weit geringer als bei Freizeitkleidung oder Damenmode.

Andreas Rose

Andreas Rose hilft als Personal Shopper und Stilcoach seinen Kunden dabei, das richtige Outfit zu finden. Der Modeberater ist seit 25 Jahren in der Branche. In seinem Style-Blog  berichtet er über die neuen Trends der internationalen Modeszene.

Wichtigstes Kriterium bei der Wahl des Anzugs sollte deshalb stets sein, ob er Ihnen passt - und nicht, ob er sämtliche Trendkriterien erfüllt. Der Anzug kann noch so hip sein, wer darin aussieht wie eine Wurst oder wie in einer dieser Umkleidehilfen, die prüde Menschen am Badesee verwenden, hat seinen Modebonus ganz schnell aufgezehrt.

Bei den Größen gilt: Wer klein und untersetzt ist, braucht 20er-Größen. Fur eine schlanke, mittelgroße Statur eignen sich normale Größen von 46 bis 60 und fur die schmale und lange Figur sind L-Größen von 94 bis 110 richtig. Athleten mit einem breiten Rucken brauchen in der Regel Maßanzuge. Die eigene Konfektionsgröße zu kennen, spart viel Zeit bei der Anprobe.

Für die Einzelteile lassen sich folgende Grundregeln aufstellen:

Sakko: So sitzt es perfekt

Foto: Atelier Torino

Im Stehen sollte das Anzugsakko lang genug sein, um das Gesäß weitgehend zu bedecken, aber auch nicht länger. Die richtige Breite finden Sie mithilfe der Schulternaht, gemeint ist die horizontale Naht vom Halsansatz zum Schultergelenk. Ragt diese über die Schulter hinaus, ist das Sakko zu breit. Im Idealfall endet die Naht exakt am Schulterende. Außerdem sollte das Sakko auf der Schulter aufliegen und dort keine Falten werfen. Und: Ein gutes Sakko hat keine Schulterpolster.

Auch das Revers darf bei geschlossenem Sakko (beim Einreiher mit drei Knöpfen werden die oberen beiden Knöpfe geschlossen wahlweise nur der mittlere - der unterste bleibt stets offen) nicht vom Hemdkragen abstehen. Perfekt ist es, wenn das Revers locker aufliegt und keine Falten erzeugt.

Gleiches gilt für den Sakko-Kragen. Er liegt eng am Hemdkragen an, ohne zu spannen. Die richtige Ärmellänge beim Sakko ermittelt man - wie beim Hemd - mit hängenden, dezent angewinkelten Armen. Ein weißes, gut sitzendes Hemd erleichtert diese Aufgabe. Die Hemdmanschette schaut dann ein bis zwei Zentimeter aus dem Sakko-Ärmel hervor. Gemessen am Arm endet der Sakko-Ärmel genau am Handgelenk.

Faustregel: Der unterste Knopf beim Sakko bleibt geöffnet, hingegen Zweireiher bleiben in jeder Situation geschlossen.

So sitzen Hose und Weste perfekt

Foto: Atelier Torino

Hose: Zur Anprobe der Anzughose zieht man sinnvollerweise die Schuhe an und das Sakko aus. Die Hose passt, wenn sie ohne Gürtel hält, ohne zu spannen. Ist die Hose zu eng, öffnen sich die Bundfalten. Die Hosenbeine enden im Idealfall ein bis zwei Zentimeter über der Oberkante des Schuhabsatzes. Vorne liegen sie knapp auf dem Schuh auf und bilden einen leichten Knick. Im Sitzen rutscht das Hosenbein maximal bis zum Wadenansatz.

Tipp: Beim Anzugkauf an eine Zweithose denken.

Weste: Kein Muss. Aber wenn, dann sollte sie unbedingt farblich und stofflich zu Sakko und Hose passen und lang genug sein, dass zwischen Hose und Weste das Hemd nicht zu sehen ist. Nicht vergessen: Auch bei der Weste bleibt der unterste Knopf offen.

Tricks für Norm-Abweicher

Kleine Menschen dürfen das Sakko etwas kürzer tragen, damit wirken sie selbst etwas länger. Auch ein schmales Revers und ein eher eng anliegender Anzug strecken den Körper. Sehr lange Menschen verringern ihre optische Größe durch einen Hosenaufschlag, etwas weitere Hosenbeine und ein etwas längeres Sakko.

Für sehr schmale und für korpulente Männer gilt: Ein schmales Revers verbreitert den Körper optisch, ein breites Revers verschmälert ihn. Auch wer Normalgröße hat, aber abweichende Proportionen, zum Beispiel einen relativ langen Oberkörper und eher kurze Beine, kann diesen Eindruck kaschieren, in diesem Fall durch ein etwas kürzeres Sakko.

Qualität: Woran erkennt man einen hochwertigen Anzug?

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Wichtigstes Qualitätskriterium neben dem Schnitt, das heißt, wie gut der Anzug am Körper anliegt, ist das Material. Business-Anzüge sollten aus Naturmaterialien sein und bestenfalls einen geringen Prozentsatz synthetisches Material beigemischt haben, um die Knitter-Resistenz zu verbessern. Zu den hochwertigen Anzugfasern, wahlweise in Kombination, zählen: Baumwolle, Kaschmir, Mohair, Schafschurwolle und Seide.

Baumwolle und Seide eignen sich vor allem für leichte Sommeranzüge, während die wärmenden Eigenschaften der Ziegenfellfasern Kaschmir und Mohair eher im Winter gefragt sind. Schurwolle (von lebenden Schafen durch Scheren gewonnen) schließlich ist eine edle, dabei robuste und schmutzabweisende Ganzjahresfaser. Einen hochwertigen Anzug kann man fühlen, die Oberfläche ist weich und glatt, und er knittert nicht so leicht. Fasern wie Cord, Flanell, Leinen und Tweed stehen zwar auch für beste Qualität, wirken jedoch rauer und gröber, passen daher eher auf den Golfplatz oder zum Whisky-Tasting.

Je Business, desto dezenter: Die besten Muster und Farben

Muster und Farben

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Für formelle Anlässe bleibt die Bandbreite der Anzugfarben sehr überschaubar. Schwarz, Grau, Blau und Braun - alles andere geht in Richtung Freizeit.

Jede Farbe hat ihre Aussage: Im Businessalltag dominieren Dunkelgrau, Anthrazit und Blau, während Schwarz tendenziell festlichen Anlässen (Galadinner, Preisverleihung etc.) vorbehalten bleibt. Blaue Anzüge signalisieren Autorität und Kompetenz. Graue Anzüge vermitteln Seriosität, Zuverlässigkeit und hohe Arbeitsmoral. Braune Anzüge, besonders erdige Töne stehen für Harmonie und Teamplayer. Schwarze Anzüge wirken dagegen autoritär bis einschüchternd oder besonders stylish à la "aufgepasst, ihr grauen Mäuse, hier komme ich!". Abgesehen davon sollte die Anzugfarbe vor allem zum Anzugträger passen, abhängig etwa von Hauttyp, Haar- und Augenfarbe.

Bei der Musterung gilt: Je Business, umso feiner und dezenter sollte das Dessin sein. Letztlich dienen Muster vor allem der Abwechslung. Nadelstreifen sind nach wie vor gängig. Alle anderen Muster wie Karos oder die mittlerweile sehr angesagten Kreidestreifen (etwas dickere, leicht verschwommen wirkende weiße Streifen) gehen schon mehr in Richtung informell.

Und vergessen Sie bitte nicht, dass ein Anzug noch mit Hemd und Krawatte abgestimmt werden muss. Da ist schnell ein Punkt erreicht, bei dem es zu viel ist, das Gesamtbild überladen wirkt. Je weniger gemustert der Anzug ist, desto mehr Akzente lassen sich mit Hemd und Krawatte setzen.

Von der Stange, vom Schneider oder Made-to-Measure?

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Ob man einen Anzug von der Stange kauft oder vom Schneider anfertigen lässt, ist nicht nur eine Frage des Geldes. Für den Schneider sprechen in jedem Fall der perfekte Sitz und die Kompetenz in Sachen Farbe, Schnitt und Material. Mit der Abweichung der Körpermaße und -proportionen von der Normgröße steigt zudem der Aufwand, einen annähernd gut sitzenden Anzug von der Stange zu finden.

Hier kommt die dritte Variante ins Spiel: Made-to-Measure. Bei diesem Mittelweg zwischen Stange und Schneider fertigt der Schneider den Anzug aus bereits vorgefertigten Einzelteilen. Ähnlich wie bei Möbeln und Fahrrädern, die man sich heute aus einem Sortiment fertiger Bauteile nach Belieben zusammenstellen kann.

Made-to-Measure ist deutlich individueller als ein fertiger Anzug von der Stange, da sich normabweichende Proportionen wie kurze oder lange Arme oder Beine leichter anpassen lassen. Im Vergleich zum Maßanzug ist der Bausatz-Anzug zudem günstiger und schneller gefertigt. Dennoch bleibt er eine Annäherung.

Zum perfekten Anzug führen letztlich nur zwei Wege: Entweder haben Sie sehr viel Glück oder Sie gehen zum Schneider. Wie anfangs erwähnt spiegelt sich das Qualitätsplus des Maßanzuges im Preis wider: Für einen zweiteiligen Maßanzug sollten Sie nicht nur Zeit einplanen - es sind oft mehrere Anproben fällig - sondern auch eine Stange Geld. Rechnen Sie mit rund 3000 bis 5000 Euro. Made-to-Measure-Anzüge von hoher Qualität gibt es schon ab etwa der Hälfte, gute Markenanzüge von der Stange beginnen bei rund 500 Euro.

Mein Freund, der Anzug: Wie Sie ihn pflegen sollten

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Auch in einem perfekt sitzenden Anzug gibt man keine gute Figur ab, falls der Anzug nicht gepflegt wirkt. Behandeln Sie Ihren Anzug wie einen guten Freund. Denn das ist er, wenn Sie ihn pflegen, und er bleibt es sehr, sehr lange.

Pflege beginnt bei der Aufbewahrung. Da man Anzüge nicht wäscht, sollten sie regelmäßig ausgelüftet werden. Möglichst in einem trockenen, kühlen Raum. Chemische Reinigung ist nur der letzte Ausweg, falls sich ein Fleck nicht mit einfachen Mitteln entfernen lässt. Naturfasern mögen keine Chemie. Oft genügt ein Rundgang mit der Kleiderbürste - eventuell mit etwas Wasser.

Wird der Anzug regelmäßig gebürstet, sammelt sich erst gar nicht so viel Schmutz an, dass er irgendwann sichtbar wird. Selber bügeln sollten Sie Ihren Anzug nur, wenn Sie es wirklich beherrschen - sonst ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass der Vorher-Nachher-Vergleich eher ungünstig ausfällt.

Wer viel reist, kennt die Herausforderung, den Anzug knitterfrei ans Ziel zu bringen. Eine Kleiderschutzhülle (Kleidersack) mit Reißverschluss ist eine Option, sofern man nicht mehrere Gepäckstücke zu bewältigen hat. Wer seinen Anzug im Koffer transportiert, hilft sich beim Packen mit einer Schicht Seidenpapier zwischen jeder Textilschicht und legt jeweils zwischen obere und untere Hälfte von Sakko und Hose andere Kleidungsstücke, die nicht sichtbar getragen werden.

Trends: Die Laissez-faire-Offensive

Foto: Atelier Torino

Die gute Nachricht: Sofern Sie Anzüge nur zu formellen Anlässen tragen oder im Büro, können Sie über Trends getrost hinwegsehen. Da sind die Änderungen marginal, meist betreffen sie Weite oder Länge der Anzugteile - und da toppt vorteilhaftes Aussehen ohnehin jedes Modediktat.

Neongrün oder fliederfarbene Anzüge wird man in Vorstandsetagen auch 2018 eher selten antreffen. Außer vielleicht Sie heißen Richard Branson oder Michael O'Leary. Trends werden viel eher interessant, wenn es um informelle Bürokleidung geht oder um Freizeit: Slim Fit wird diesen Sommer abgelöst von lockereren, weiteren Modellen. Diese Laissez-faire-Offensive setzt sich darunter fort mit offenen Hemden, (zugeknöpften) Poloshirts oder sogar T-Shirts. Farblich dominieren helle Töne von Weiß über Beige und Erdfarben bis Grün und Blau.

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