Montag, 22. April 2019

Designerin Chan Luu "Es geht um würdevolle Arbeit"

Designerin Chan Luu: Mit Armbändern zu Weltruhm
Chan Luu

Die Designerin Chan Luu stattet Stars wie Jessica Alba, Tom Hanks und Rihanna mit ihren Accessoires aus und tritt als Modeexpertin im US-Fernsehen auf. mmo-Autor Marcel Malachowski sprach mit ihr über die Verflechtung von Mode und Moral, über Idole und Trends.

mm: Die ersten großen Fashion Weeks in diesem Jahr haben gerade stattgefunden - wie fanden Sie's?

Chan Luu: Naja, es ist toll, dort neue Stile zu entdecken. Aber ich sehe das auch von einer anderen Seite: Wenn Fashion Week ist, denken immer alle, jetzt müsse etwas Großes und Neues kommen, eine Sensation. Dabei sehe ich Mode und Stil ganz anders: Mode steht für die Verbindung von Kultur, Schönheit und das inspirierende Spiel mit hochwertigen Materialien. Mode sollte immer eine Zelebration des Ausdrucks weiblicher wie männlicher Individualität sein.

mm: Zeigt die Mode das denn nicht mehr?

Chan Luu: Nur teilweise. Die Geschichte des Mode-Business zeigt, dass nur die revolutionäre Mode Erfolg hat. Philantropie war immer Bestandteil revolutionärer Mode. Dieser Impuls ist leider stark verloren gegangen. Es müßte wieder mehr darum gehen, Menschen Freude zu schenken - und die Welt auch wirtschaftlich zu verbessern. Ethical Fashion wie auf der Berliner Fashion Week darf keine reine Werbestrategie sein, sondern muss dort etwas verändern, wo die meiste Kleidung produziert wird: in den armen Ländern.

mm: Sie denken, man könnte das verbinden: Ästhetik, Wirtschaftlichkeit und Weltverbesserung?

Chan Luu: Ja, sicher. Es geht nicht um "Öko" oder solche inhaltsleeren Schlagworte, es geht um die coole und großartige Verbindung von Natur und Moderne in ästhetischen und nützlichen Produkten. Das ist meine Vorstellung von zeitgenössischer Mode. So sollten auch Fashion Weeks sich mehr präsentieren. Es braucht wieder mehr Substanz - modisch und ideell.

mm: In den 40ern schaute die ganze Welt nach Paris, später nach Mailand oder London - man orientierte sich auch insgesamt an den modernen Denkweisen dort. Aber wie könnte die Mode heute wieder gesellschaftlicher Ideengeber sein?

Chan Luu: Früher galt die Mode dort tatsächlich auch gesellschaftlich und sozial als Hort der Aufbruchsstimmung, heute geht es oft nur um billige Effekte, alles soll hip sein, ohne aber verstörend zu wirken. Projekte wie die Ethical Fashion Initiative können eine sehr nützliche Hilfe sein, eine bessere Welt zu schaffen, nicht nur als Werbe-Slogan. Es geht um würdevolle Arbeit in den Fabriken, um Respekt gegenüber den Handarbeitern. Ich besuchte die Massai in Kenia. Es hat mich sehr überrascht, wie modern und offen sie leben. Sie sind daran interessiert, Teil der Welt zu sein, auf Augenhöhe.

mm: Sie meinen, das Potenzial dieser Teile der Welt wird noch unterschätzt?

Chan Luu: Auf jeden Fall! Die Massai produzieren ihre Kleidung selbst, sind tätig im Tourismus, haben dadurch sehr viel Kontakt mit Ausländern, verfügen über moderne Produktionsmittel. Ich finde es großartig, mich von solchen Quellen inspirieren zu lassen.

mm: Auch modisch?

Chan Luu: Ja, in Afrika hat man ein ganz anderes Gefühl für Farben. Es ist alles intensiver und gewagter und mutiger, ohne aber aufdringlich zu wirken.

mm: Afrika gilt ja als emerging market der Mode. Aber die großen Probleme dort werden nicht an einem Tag verschwinden.

Chan Luu: Das schlimmste ist die Armut. Armut verursacht Gewalt, vor allem gegen Frauen und Kinder. Und es gibt zuviel unsichtbare Armut und Gewalt. Die Hollywood-Stars, die meinen Schmuck und meine Accessoires tragen, sollen diese sozialen Ideen auch weiter verbreiten. Wir arbeiten mit Manufakturen in Afrika zusammen. Viele Länder dort haben großes Potenzial, das darf nicht ungenutzt bleiben. Noch unbekannte Ideen können auch unser Leben hier positiv verändern. Ich denke und hoffe, junge Leute, die im Überfluss leben, müssen der Welt etwas zurückgeben, um Kunst und Kultur zu nutzen gegen Phänomene wie Armut.

mm: Früher war der american way of life auch ein Vorbild für Rebellen des Pop. Gilt das heute noch?

Chan Luu: Los Angeles, wo ich lebe, ist die Hauptstadt der globalen Unterhaltungs-Industrie. Die ganze Welt schaut nach L.A., nicht nur zur Oscar-Verleihung, sondern L.A. steht für sie für Aufbruch, für Idole, für Optimismus. Kalifornien war immer anders als der Rest der USA: progressiv, rebellisch, laut. L.A. und Hollywood müssen diesen Weg weiter beschreiten, die Film- und Popkultur muss wieder mehr Fragen stellen nach der Richtigkeit der Politik, der Wirtschaftsweise, des Lebensstils. Es macht einfach mehr Spaß, wirkliche Neuerungen zu setzen.

mm: Was sollten denn die Basics dieser neuen Lebenseinstellung sein?

Chan Luu: Kultur, Schönheit, Natur, Soziales - das sind die Wurzeln des Zusammenlebens. Nur so kann auch die langfristige und nachhaltige Wirtschaftlichkeit von Mode sichergestellt werden, Wirtschaft darf nicht nur kurzfristig denken. Haute-Couture ist in der Krise, sie interessiert die Mehrheit nicht mehr. Darauf sollten die Fashion Weeks auch in Europa reagieren. In Japan tut man das, Japan ist auch einer unserer Hauptmärkte.

mm: Früher gab es noch richtige Idole im Show-Business - und heute?

Chan Luu: Idole sind wichtig. Junge Leute orientieren sich an Idolen: Jackie Kennedy war classy und elegant; Michelle Obama ist chic und modern. Es braucht wieder solche Persönlichkeiten auch in der Modewelt, die Zeichen setzen, Mut beweisen, Menschen anregen. Meine Kundinnen und Kunden gehören zu denen, die es gut hatten im Leben - sie können reisen, sich qualifiziert ausbilden lassen, die Welt kennenlernen. Diese Energie muss universalisiert werden.

mm: Ist die Haute Couture doch nicht tot?

Chan Luu: Sie muss sich selber neu erfinden. Alle wundern sich in der Mode-Szene plötzlich, warum die hochpreisige Mode-Industrie in der Krise steckt. Die Visionen sind abhanden gekommen, niemand glaubt mehr an reine Image-Bilder. Deshalb ist sie auch in der Krise. Früher war die Mode ein großer Traum, heute nicht mehr. Wenn die Mode sich ihre Zukunft wieder neu erfindet, alltagstauglich, luxuriös, zukunftsweisend, dann werden auch die Fashion Weeks wieder spannender - und ein wirtschaftlicher Erfolg für die Macher.

mm: Und rein modisch - was sind da für Sie die aktuellen Trends?

Chan Luu: Der Trend geht auf jeden Fall wieder weg von Vintage und solchen Sachen - es wird wieder edler und klarer, aber gleichzeitig verspielter. Im Alltag tragbarer Luxus - das scheint mir das große Thema der aktuellen Schauen zu sein. Leder in allen Varianten ist stark im Kommen. Da sind wir mit unseren Accessoires auch gut dabei, denke ich. Wir werden viel auf Gold setzen in der Zukunft. Leuchtende Materialien, das hat sowohl etwas von Bohemian-Chic als auch von klassischer Eleganz.

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