Dienstag, 23. April 2019

Berlin Der Modemagnet

Deutschland ist eine Sache, Berlin ist eine andere. Finden jedenfalls die Berliner. Mit aufregenden Designern und wichtigen Messen hat sich die Hauptstadt in wenigen Jahren als Modemetropole etabliert, die sich weder vor Paris noch vor Mailand verstecken muss - Ausgangspunkt für eine neue deutsche Welle in der Mode.

"Deutsche Mode"? - Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Das, was im Moment in Berlin passiert, ist etwas völlig Neues, denn Deutschland war eigentlich immer modische Provinz, und Berlin war noch nie eine Modestadt. Berlin war zwar in den zwanziger Jahren eine glanzvolle Stadt, und in der Gegend um den Hausvogteiplatz gab es viele Zwischenmeister und Konfektionäre, aber eine Elsa Schiaparelli, einen Jean Patou oder eine Coco Chanel gab es in Berlin nicht. Die modischen Impulse kamen aus Paris.

In Deutschland wurden die Ideen der Pariser Haute Couture in industrielle, massentaugliche Prêt-à-Porter umgesetzt. Die Deutschen hatten auch schon vor dem zweiten Weltkrieg nicht das Selbstbewusstsein, der französischen Eleganz eine deutsche Eleganz entgegenzusetzen. Von der deutschen Modeindustrie wurde noch nicht einmal erwartet, dass sie einen eigenen, deutschen Chic kreiert, sondern dass sie den Deutschen ein wenig internationalen Chic vermittelt und überhaupt zugänglich macht.

An diesem hinterwäldlerischen Selbstverständnis der deutschen Mode hat sich nach der Schmach des zweiten Weltkriegs erst recht nichts geändert, zumal Berlin als zentralistische Hauptstadt und damit als Nährboden einer kraftvollen Modeszene nicht mehr zur Verfügung stand. Die Nachkriegsmodeunternehmen waren in der gesamten deutschen Provinz verstreut. Und so wie die deutsche Politik nach dem Krieg provisorisch in Bonn zu tagen begann, versammelte sich die Bekleidungsbranche mehr oder weniger zufällig erst einmal in Düsseldorf.

Modischer Vordenker: Carl Tillessen ist einer der beiden Gründer und Designer des Berliner Modelabels Firma
André Rival
Modischer Vordenker: Carl Tillessen ist einer der beiden Gründer und Designer des Berliner Modelabels Firma
Wie schon vor dem Krieg ging es vor allem darum, einen Hauch von Paris, von Mailand oder von London nach Düsseldorf zu bringen. Davon zeugen die französisch, italienisch oder englisch klingenden Namen, die sich jahrzehntelang alle neuen deutschen Modeunternehmen gaben: Strenesse, Élégance, René Lézard, Escada, Cinque, Carlo Colucci, Marco Polo, Closed, Tom Taylor usw. usw. … Diese Marken mit ihren gefälschten Identitäten waren sehr erfolgreich. Denn die deutschen Einzelhändler spielten das Spiel nur zu gern mit. Auf diese Weise brauchten sie für ihren Einkauf nicht ins Ausland zu reisen und sie brauchten keine komplizierten und riskanten Geschäfte mit Franzosen oder Italienern zu machen, um ihre Einzelhandelsgeschäfte, die " Boutique Madame" oder "Moda Uomo" hießen, mit internationalem Flair zu schmücken.

Alle waren glücklich. Doch dann kam die EU. Und dann kam auch noch die Globalisierung. Und plötzlich wusste eigentlich niemand mehr so genau, warum man pseudo-französische oder pseudo-italienische Mode aus der deutschen Provinz kaufen sollte, es sei denn, sie wäre unglaublich billig. Ist sie es aber nicht, dann macht man sich lieber ein paar schöne Tage in Paris und kauft dort das Original. Oder man fliegt kurz nach Mailand und deckt sich dort mit authentischem italienischen Chic ein.

Wie viele andere Branchen fand sich auch die deutsche Modebranche durch die Öffnung der Märkte nicht nur mit einem globalen Absatzmarkt, sondern auch mit einer globalen Konkurrenz konfrontiert. Dies stürzte viele Unternehmen in eine Identitätskrise. Ihre auf den nationalen Markt zugeschnittenen Kollektionen hatten aus internationaler Perspektive kein besonderes Know-How, keine eigene Handschrift, keine starke Identität und kein authentisches Image. Und sie waren nicht mit dem Charisma einer starken Designerpersönlichkeit verknüpft.

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