Sonntag, 17. November 2019

Berlin Der Modemagnet

3. Teil: Skeptiker und Visionäre hatten beide Recht

Ich würde jetzt gerne erzählen, dass wir mit unserer Vision von Berlin als Modestadt Recht hatten und all die Skeptiker Unrecht, aber die Wahrheit ist: Beide hatten Recht. Denn in den ersten Jahren passierte in Berlin modisch überhaupt nichts, außer dass alle Kollektionen um uns herum spätestens drei Jahre nach ihrer Gründung wieder eingestellt werden mussten, was dem Ruf der Berliner Mode mehr schadete als nutzte. Wenn man ehrlich ist, haben die Menschen unsere Entwürfe am Anfang nicht gekauft, weil sie aus Berlin kamen, sondern obwohl sie aus Berlin kamen.

Es ist wahrscheinlich bezeichnend für das neue Berlin, dass diese Stadt einen immer genau dann durch ihre unglaubliche Dynamik überrascht, wenn man gerade dabei ist, an ihrer Trägheit zu verzweifeln. Nach den ersten Jahren der modischen Stagnation ging in Berlin plötzlich alles wahnsinnig schnell. Es war, als hätte jemand diesen riesigen Elekromagneten Berlin endlich angeschaltet: Innerhalb von zwei Saisons kollabierte 2002 in Köln die riesige Herrenmodewoche und Interjeans. Aus dem Nichts entstand die Bread&Butter, kam nach Berlin und wurde die größte Jeans- und Streetwearmesse Europas.

Die Berliner Messe "Premium" entwickelte sich aus einer kleinen Messe in einem toten U-Bahnhof zu einer großen, eleganten Designermesse. IMG und Mercedes Benz etablierten Modenschauen in Berlin. Es haben sich mehrere wegweisende Modedesigner hier profiliert, die einen spezifischen Berliner Stil in der Mode geprägt haben und ihn mit jeder neuen Kollektion weiterentwickeln. Zahlreiche Moderedaktionen wurden in Berlin gegründet, sind von Hamburg oder München nach Berlin umgezogen oder haben permanent Redakteure vor Ort. In seriösen Tageszeitungen werden die neuesten Kollektionen aus Berlin ganzseitig besprochen. Es sind ganze Stadtviertel mit eleganten und spannenden Boutiquen entstanden, in denen es noch vor fünfzehn Jahren höchstens einen übriggebliebenen Konsum-Laden gab.

Einzelhändler in ganz Deutschland, die vor fünf Jahren auf die Frage, ob sie Berliner Designer führen, noch geantwortet hätten: "Nein, wir führen nur internationale Designer.", antworten jetzt: "Ja, wir haben dort Kaviar Gauche, da Lala Berlin, hier Firma und da vorne Michalski." Und wahrscheinlich ist genau das das allerwichtigste, was in den letzten Jahren in der deutschen Mode passiert ist: Dass für mehr und mehr Deutsche - egal ob Modejournalisten, Modeeinzelhändler oder Modekonsumenten - "national" nicht mehr das Gegenteil von "international" ist, sondern dass die nationale Modeszene einfach der Teil der internationalen Modeszene ist, der uns am nächsten ist.

Denn diese Einsicht ist die Voraussetzung dafür, dass die Talente, die es hier wie überall auf der Welt gibt, sich auch hier entfalten können, und dafür, dass Menschen wie Karl Lagerfeld nicht erst nach Paris gehen müssen, um Erfolg zu haben. Und genau diese eigentlich banale Einsicht, für die die Deutschen ein ganzes Jahrhundert gebraucht haben, dass nationale Mode auch und gleichzeitig internationale Mode sein kann, ist die allerwichtigste Vorraussetzung dafür, dass Berlin wirklich eine Modestadt wird und bleibt.

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