Donnerstag, 12. Dezember 2019

Berlin Der Modemagnet

2. Teil: Jil Sander war die große Ausnahme

Bis auf eine: Jil Sander. Der Designerin war es gelungen, einen ganz eigenen Look zu kreieren, den die Franzosen und die Italiener nicht im Repertoire hatten. Ein Look der authentisch war, weil er im allerbesten Sinne typisch deutsch war. "Wie bitte? Typisch deutsche Mode? Wo kommt die denn plötzlich her, wenn es doch vorher gar keine wirkliche deutsche Mode gab?"

Glamour pur: Bei der Michalsky StyleNite im Januar stellten die die deutschen Labels Michalsky, Kaviar Gauche und Lala Berlin im Rahmen der Fashion Week ihre aktuellen Kollektionen im Friedrichstadtpalast vor.
DDP
Glamour pur: Bei der Michalsky StyleNite im Januar stellten die die deutschen Labels Michalsky, Kaviar Gauche und Lala Berlin im Rahmen der Fashion Week ihre aktuellen Kollektionen im Friedrichstadtpalast vor.
Stimmt, es gab zwar in Deutschland keine Tradition im Modedesign, aber es gibt seit dem Baushaus eine starke und lebendige Tradition in der Architektur und im Produktdesign. Jil Sander hat die Designregeln und die Gestaltungstugenden, die das Bauhaus für Häuser und für Stühle entwickelt hatte, auf Kleidung übertragen und damit nicht nur einen deutschen Exporthit gelandet, sondern auch den Grundstein für eine deutsche Mode gelegt: Ein eigener Stil war geprägt. Das Modebewusstsein und vor Allem das modische Selbstbewusstsein der Deutschen waren ein wenig gestärkt.

Aber auch die Jil-Sander-Story hatte noch eine Schwachstelle: Auch Heidemarie Jiline Sander konnte sich noch nicht so recht zu der geografischen Herkunft ihrer Kollektion, nämlich Hamburg, bekennen. Damit hätte man im Ausland dann doch nicht so richtig etwas anfangen können. Denn die Deutschen galten im Ausland grundsätzlich immer noch als plump, stur und unkreativ. Für eine richtig gute Fashion-Story fehlte immer noch die passende Stadt, eine Metropole mit dem richtigen Image, eine Stadt, die - um es mit den Worten des Berliner Bürgermeisters zu sagen - sexy ist.

Auf nach Berlin, wo die Verrückten sind

Die kam erst mit der Wiedervereinigung. Plötzlich sahen die Menschen in der ganzen Welt auf ihren Fernsehbildschirmen Deutsche, wie sie sie bisher nicht kannten. Sie sahen zum Beispiel wie mehr als eine Millionen halbnackte, junge Menschen in verrückten Kostümierungen in den sonnigen Straßen Berlins tanzten, und sie verstanden sofort, dass all ihre Vorurteile über das Nachkriegsdeutschland für Berlin keine Gültigkeit haben. Sie verstanden, dass Deutschland eine Sache ist und Berlin eine ganz andere.

Auch ich als ehrgeiziger junger Modedesigner sagte mir: "Du musst nach Berlin, wo die Verrückten sind, da gehörst Du hin." Ich bewarb mich und bekam einen Job bei einem Berliner Designer. Vor Ort musste ich jedoch sehr schnell feststellen, dass Berlin durch den Fall der Mauer nicht über Nacht zu einer Modestadt geworden war. Fördergelder für Designer oder für Modenschauen wie in Paris, Mailand oder Antwerpen gab es nicht. Die Modemessen waren nicht in Berlin, sondern in Düsseldorf und Köln. Die Modepresse war nicht in Berlin, sondern in München und Hamburg. Und die kaufkräftige Kundschaft war in Baden-Württemberg.

Als Daniela Biesenbach und ich uns 1997 dazu entschieden, in Deutschland eine hochwertige Designerkollektion zu machen, dieser Kollektion auch noch einen deutschen Namen zu geben und uns auch noch "Berlin" auf die Fahne zu schreiben, fand das wirklich niemand eine vielversprechende Idee. Doch alles, was für andere gegen unsere Unternehmung sprach, sprach für uns dafür: Wie vermutlich viele andere Designer, die sich in der Zwischenzeit in Berlin niedergelassen haben, sahen wir gerade in der modischen Traditionslosigkeit Berlins die Chance, etwas ganz neues zu schaffen. Der Fall der Mauer war unsere modische Stunde Null. Das neue und noch ganz rohe Berlin war die Tabula Rasa, auf der wir entwerfen wollten.

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