Samstag, 20. April 2019

Businessmode Wirklich schäbig

Exklusive Büros, Flüge in der First Class, Limousinen als Mietwagen - solche Statussymbole nehmen Führungskräfte gerne in Anspruch. Das alles zahlt ja auch der Arbeitgeber. Beim selbstfinanzierten Outfit hingegen werden Manager oft ziemlich geizig. Und das ist einfach schlechter Stil.

Ich sehe diesen Mann am Flughafen. The Man with the Golden Card. Selbstverständlich reist er First Class. Das hat er sich verdient. Das ist er sich wert. Oder vielmehr: Das ist er seinem Unternehmen wert. Der bloße Gedanke an Economy Class löst bei diesem Mann soziale Abstiegsängste aus. Warum sollte er zweiter Klasse fliegen? Er sitzt ja auch sonst nicht im selben Raum mit irgendwelchen Sachbearbeitern.

Modischer Vordenker: Carl Tillessen ist einer der beiden Gründer und Designer des Berliner Modelabels Firma
André Rival
Modischer Vordenker: Carl Tillessen ist einer der beiden Gründer und Designer des Berliner Modelabels Firma
Nein, er sitzt in großzügigen Vorstandsbüros und Konferenzräumen in Vorstandsetagen - Architektur gewordene Organigramme, eingerichtet ausschließlich mit Möbelklassikern. Das lässt sich das Unternehmen nicht nehmen. Die Büros und ihre Einrichtungen sind der äußere Ausdruck der Bedeutung dieser Männer und ihrer Stellung in der Hierarchie. Und dafür ist das Beste gerade gut genug. Da muss es dann eben das Original sein - von Knoll, von Vitra, von USM ...

Am Zielflughafen angekommen begibt sich unser Mann konsequenterweise auch direkt zum Schalter des bekanntesten Autovermieters, um dort den neuesten und größten BMW zu mieten. Schließlich kann er ja nicht mit einem Mittelklassewagen vorfahren, wenn er mit dem Kunden auf Augenhöhe verhandeln soll. Erfolg vermittelt sich nun einmal über Symbole.

Paul Wolfowitz: Die Löcher in den Socken des Weltbankchefs erregten vor drei Jahren weltweit Aufsehen
Ich sehe diesen Mann. Und dann sehe ich seinen Anzug. Die Reisen, die Büroeinrichtung, die großen und die kleinen Gadgets, das Auto und das Handy … zahlt die Firma. Den Anzug musste er - oh Schreck - selbst bezahlen. Von seinem Taschengeld. Und er kann ihn - oh Graus - noch nicht einmal von der Steuer absetzen! Wenn dieser Mann selbst bezahlen soll, dann muss es plötzlich nicht mehr das neueste und beste Modell sein, das Original. Nicht mehr so wichtig plötzlich die Repräsentation und die Kraft der Statussymbole. Vergessen der Wunsch, sich nach unten abzugrenzen, das Bewusstsein für Stellung und Hierarchie.

Von den nicht genähten, sondern geklebten Schuhen möchte ich gar nicht erst reden. Den neuesten und elegantesten Laptop, den das Unternehmen ihm an die Hand gegeben hat, transportiert dieser Mann in einer Nylontasche. Einer Nylontasche, die so billig und uncool ist, dass sie - wäre sie eine Schultasche an einem deutschen Gymnasium - ihren Träger zur Zielscheibe eines erbarmungslosen Mobbings machen würde. Nicht nur ich sehe das, sondern auch die schicke, gepflegte Frau, die mit uns am Security Check in der Schlange steht. Und man sieht ihr an, dass sie Geiz gar nicht geil findet.

Aber der Geiz an sich ist nicht das Problem, und er ginge auch eigentlich niemanden etwas an, läge in ihm nicht die betrübliche Erkenntnis, dass die Wertschätzung der Unternehmen für ihre Führungskräfte in vielen Fällen nicht auf Gegenseitigkeit beruht.

Das Loch in der Socke des Weltbankchefs war vor drei Jahren ein Skandal, weil dieses Loch von der fehlenden Bereitschaft zeugt, auch nur ein kleines Bisschen privater Zeit und privaten Geldes in berufliche Repräsentation zu investieren.

Durch schäbige Businesskleidung manifestiert sich ein wirklich bedenklicher Mangel an Identifikation mit der eigenen Arbeit und mit dem eigenen Unternehmen. Lassen Sie es mich auf folgende, einfache Formel bringen: Ein Mann, der für seine Anzüge weniger ausgibt, als sein Unternehmen für die monatlichen Leasingraten seines Dienstwagens, der hat nicht nur seinen Dienstwagen nicht verdient, sondern der hat auch seinen Job nicht verdient.

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