Sonntag, 21. April 2019

Businessmode Gefahren im Anzug

Im Geschäftsleben fühlen sich viele Männer mit klassischer Kleidung auf der sicheren Seite. Aber gerade sehr konservative Kleidung kann unter Umständen eine riskante Wahl sein, findet der Berliner Modedesigner Carl Tillessen. In einem Gastbeitrag für manager magazin erläutert er, warum.

Man muss nicht jeden Trend mitmachen. Man muss auch nicht die neuesten Filme gesehen haben. Man muss auch keine zeitgenössischen Kunstausstellungen besuchen. Man muss keine lebenden Schriftsteller lesen. Man kann auch bis ans Ende seines Lebens die Beatles hören.

Man muss sich auch nicht für Mode interessieren. Mit einem klassischen Anzug ist man ja immer gut angezogen. Mit konservativer Kleidung ist man doch auf der sicheren Seite. Sie ist ein Schutzschild, an dem jeder Verdacht auf Geschmacklosigkeit oder Geckenhaftigkeit einfach abperlt.

Modischer Vordenker: Carl Tillessen ist einer der beiden Gründer und Designer des Berliner Modelabels Firma
André Rival
Modischer Vordenker: Carl Tillessen ist einer der beiden Gründer und Designer des Berliner Modelabels Firma
Besonders bei Geschäftsmännern hat sich der Irrglaube verfestigt, klassische Kleidung sei so etwas wie neutrale Kleidung. Damit könne man nichts falsch machen. Das ist falsch, ganz falsch. Es gibt keine neutrale Kleidung. Und es gibt kein Entrinnen vor der Oberflächlichkeit. Jeder Mensch wird zunächst aufgrund seiner Kleidung beurteilt, und konservative Kleidung wirkt, tja, konservativ eben. Wer "nur" korrekt gekleidet ist, dem wird man zunächst unterstellen, dass er auch in seinem Job ein sturer Funktionär ohne eigene Ideen ist, der nur seine Pflicht tut.

Auch in der streng reglementierten Welt der Businesskleidung gibt es eine Pflicht und eine Kür. Und, egal wie sauber man die Pflicht absolviert, wenn man in der Kür versagt, hat man trotzdem verloren. Bei der Anzugpflicht ist der Anzug Pflicht und der modische Schnitt die Kür. Der modische Schnitt signalisiert: Dieser Mann ist nicht stehengeblieben. Er ist geistig beweglich. Dieser Mann ist auf der Höhe der Zeit.

Die schlechte Nachricht ist: Man muss sich eben auch als Anzugträger für Mode interessieren. Die gute Nachricht ist: Es macht im Moment so viel Spaß wie lange nicht mehr, denn es gibt plötzlich eine ganze Vielfalt von neuen Anzugsilhouetten. Da ist wirklich für jeden etwas dabei:

Bei den Sakkos gibt es immer noch den schmalen Einreiher, als Zweiknopf oder sogar als Einknopf, mit schmalem, langem Revers und kurzem Kragen. Nach einer langen Auszeit hat aber auch der Zweireiher ein Comeback, sowohl mit schmalem Revers, als auch mit dem typischen breiten Revers. Eines haben diese Formen aber alle gemeinsam: Sie sind kurz, das heißt kürzer als gewohnt. (Bei der klassischen Sakkolänge umfasst die Hand bei herabhängendem Arm den Saum. Bei der modischen Länge ist der Arm leicht angewinkelt.) Bei dieser Länge kommt ein Sakko dann auch mal nur mit einem oder sogar ganz ohne Rückenschlitz aus.

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