Mittwoch, 17. Juli 2019

Maßschuhe Leisten für Leistungsträger

Gute Maßschuhe haben ihren Preis: Für das erste Paar mit dem eigenen Leisten sind um die 2000 Euro fällig. Aber es geht auch noch teurer. Kunden, die etwas wirklich Exklusives wollen, wählen für die Fußbekleidung russisches Juchtenleder, das aus einem 1786 vor Plymouth gesunkenen Schiff hochgetaucht wurde.

Hamburg - Benjamin Klemann ist ein Relikt, darüber macht er sich keine Illusionen. In seiner kleinen Schuhmacherei in der Hamburger Innenstadt näht er mit seinen Söhnen und ein paar Mitarbeitern Maßschuhe zusammen, fast komplett in Handarbeit. Mindestens 2000 Euro müssen die Kunden für ihr erstes Paar auf den Tisch legen, Folgepaare sind günstiger.

Wer bezahlt so viel Geld für Schuhe? "Die meisten meiner Kunden haben schwierige Füße", sagt Klemann - "aber sie müssen repräsentieren". Viele wollen aber auch schlicht ihren Traumschuh: maßgeschneidert, handgefertigt.

Es gibt nicht mehr viele Schuhmacher, die diesen Wunsch erfüllen. Zwar sind noch rund 3300 Betriebe auf der Handwerksrolle eingetragen. Doch die meisten konzentrieren sich darauf, abgebrochene Absätze wieder anzukleben oder Handtaschen zu flicken. Der Zentralverband des Deutschen Schuhmacher-Handwerks in St. Augustin bei Köln hat eine Liste von etwa 100 Werkstätten, die noch Maßschuhe fertigen, sagt dessen Präsident Helmut Farnschläder.

Bei der Suche nach einem geeigneten Schuhmacher sollten Kunden vor allem auf dessen Erfahrung achten, rät Helge Sternke aus Bonn, Autor des Buchs "Alles über Herrenschuhe". Manche würden nur die Maße nehmen und den Schuh dann industriell im Ausland fertigen lassen. Wer Maßschuhe zu Preisen von 500 bis 700 Euro anbiete, könne nicht seriös arbeiten. Denn in einem Paar steckten 30 Stunden Arbeit - Beratung und Anprobe nicht eingerechnet.

"Bespoke shoes" für anspruchsvolle Kunden

Allein das Vorgespräch dauert mindestens eine Dreiviertelstunde, sagt Klemann. Zunächst wird Maß genommen. Dafür markiert der Schuhmacher die Umrisse auf einem Blatt Papier und nimmt in der Trittspurmaschine eine Art Tintenabdruck. Auf diesem lassen sich Belastung und damit Fehlhaltung leicht erkennen. Danach besprechen Schuhmacher und Kunde, wie der Schuh genau aussehen soll. Dieses gemeinsame Planen mache für den Kunden einen großen Teil des Reizes aus. "Deshalb sagen die Engländer auch 'bespoke shoes'." Zur "Besprechung" sollte der Kunde Businessanzug, seine gewohnten Socken und ein Paar Alltagsschuhe tragen, rät Klemann. So könne er den Geschmack des Trägers einschätzen und den passenden Schuh auswählen.

"Im Prinzip ist alles machbar", sagt Klemann. Aber beim ersten Paar sollten sich Kunden auf solide Schnürschuhe beschränken, die bei der Passform etwas Spielraum lassen. So könne er sich dem Fuß des Kunden annähern. "Für leichte Loafer muss ich die Füße genau kennen. Denn sie müssen exakt sitzen." Die meisten beginnen ihre Maßschuhkarriere mit einem klassischen schwarzen Oxford oder Full Brogue - sie lassen sich zum Anzug genauso gut tragen wie zur Jeans.

Auch das Material ist fast frei wählbar. Acht von zehn Schuhen werden aus Kalbsleder gefertigt. Aber wer schon alles hat, kann sich auch Schuhe aus Elefanten-, Hai-, oder Krokodilleder nähen lassen. Für Kunden, denen das nicht exklusiv genug ist, importieren die Klemanns russisches Juchtenleder, das aus einem 1786 vor Plymouth gesunkenen Schiff hochgetaucht wurde. Ein Paar kostet rund 5000 Euro.

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