Sonntag, 20. Oktober 2019

Maßschuhe Leisten für Leistungsträger

2. Teil: Der Fuß bekommt ein Korsett

In einer Kiste lagert auch Frosch- oder Biberschwanzleder. Das sei jedoch eher eine Art Quiz für die Kunden, erklärt Klemann. "Man kann aus fast jedem Tier Leder machen, aber nicht aus jedem Leder Schuhe." Hat sich der Kunde für eine Haut entschieden, wird sein Name darauf notiert. Zum Abschluss sucht er noch die passende Sohle aus. Es muss nicht immer die traditionelle Ledersohle sein. So sind für ältere Menschen oft Gummisohlen die bessere, weil sichere Wahl.

Fast alle Formen sind möglich: Im Regal des Anprobezimmers finden Kunden Inspiration für ihre eigenen Maßschuhe
Dann beginnt für den Schuhmacher die eigentliche Arbeit. Der Rohleisten wird auf Maß geschliffen, die Brandsohle wird darauf genagelt, der Schaft aus dem Leder gestanzt, über den Leisten gezogen, aufgezwickt und zusammengeklebt. Nach vielen weiteren Arbeitsschritten und drei bis vier Monaten kann der Kunde das vorläufige Modell anprobieren.

"Viele denken, man dürfe den Schuh rundum nicht spüren", sagt Klemann. Tatsächlich müsse der der Schuh an einigen Stellen des Mittel- und Rückfußes eng anliegen. So stütze und führe er den Fuß wie ein Korsett. Deshalb werden an diesen Stellen die Maße des Fußes sogar unterschritten.

Ein halbes Jahr Wartezeit

Danach näht der Schuhmacher die Sohle auf den Rahmen, baut den Absatz auf, schneidet und raspelt den Schuh zurecht. Zuletzt wird das Oberleder gecremt und poliert. Ein halbes Jahr nach der ersten Beratung kann der Kunde die Schuhe im Laden abholen. Oder er bekommt sie zugeschickt, im Paket mit der passenden Schuhcreme, einem Maßspanner und einer Polierbürste. Denn 10 oder gar 20 Jahre halten Schuhe nur, wenn sie regelmäßig gepflegt werden - und der Besitzer sie rechtzeitig zur Reparatur bringt.

Wem traditionell handgenähte Schuhe zu teuer sind, der kann sich einen Schuhmacher suchen, der nach "Blakebest-Methode" maßfertigt. Der Hauptunterschied sei, dass Rahmen und Brandsohle mit der Nähmaschine statt von Hand vernäht werden, erklärt Andreas Baumbach aus Wiesbaden. Er gründete das Netzwerk von etwa 30 Schuhmachern in Deutschland, um das Handwerk zu modernisieren. Maßschuhe seien vor allem so teuer, "weil sie gemacht werden wie vor 100 Jahren".

Mit Rationalisierungen wie vorgefertigten Absatzblöcken und Leisten sparen die Schuhmacher viele Arbeitsstunden - und können Maßschuhe in der Erstanfertigung ab 830 Euro anbieten. In puncto Qualität und Haltbarkeit gebe es kaum Unterschiede zu komplett handgenähten Schuhen, sagt Helmut Farnschläder vom Zentralverband des Deutschen Schuhmacher-Handwerks.

Florian Sanktjohanser, dpa


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