Mittwoch, 21. August 2019

Fashion Week Berlin Vision contra Wirklichkeit

Paris, Mailand, New York: Seit Jahren kämpft Berlin darum, im Konzert der großen Modestädte seinen Platz zu finden. Das schien tatsächlich zu gelingen - doch ausgerechnet vor dem Start der sechsten Fashion Week gab es kleinkariertes Hickhack, Pech und Peinlichkeiten.

Berlin - Es schien geschafft. Ausgerechnet eine der wichtigsten Modekritikerinnen der Welt, die gefürchtete Suzy Menkes von der "International Herald Tribune", verlieh der Berliner Fashion Week im vergangenen Juli die höheren Weihen. Allein ihre Anwesenheit schien die Veranstaltung damals zu adeln - abgesehen von der Dichte des Terminplans und dem Bekanntheitsgrad der Designer geht es bei Modenschauen schließlich auch immer darum, wer in der "Front Row" sitzt.

Die Engländerin Menkes residierte also im Fashionzelt am Bebelplatz in der ersten Reihe, lobte die Newcomer und attestierte der Berliner Week anschließend eine "rohe Energie". Nach wirtschaftlich holpriger Anfängen, nach Jahren zähen Ringens um mediale Aufmerksamkeit und einer lähmenden Rezession zum Trotz schien die Modebranche der Hauptstadt endlich auf dem richtigen Weg. "Rohe Energie" - genau die Qualität, die Berlin im Konzert der Big Player besetzen könnte, denn eleganter, etablierter, wichtiger sind Paris, Mailand, New York und London ohnehin.

Doch Suzy Menkes verheißungsvollem Votum zum Trotz: Vor dem Start der sechsten Mercedes-Benz Week am Mittwoch herrscht in Berlin leichte Katerstimmung. Das liegt zum einen am Timing: Die Konkurrenz in Paris, wo zeitgleich die Herrenmodenschauen für die kommende Herbst/Winter-Saison laufen, ist erdrückend. Die wirklich wichtigen Einkäufer und Modekritiker der Szene, darunter auch Suzy Menkes, fahren diese Woche nicht nach Berlin, sondern nach Paris.

Joop! in der Nationalgalerie

Zudem hat die Fashion Week ihr Gesicht verloren: Überall in Berlin wird mit riesigen Plakaten geworben, auf denen das Topmodel Julia Stegner zu sehen ist, abgelichtet vom Starfotografen Nick Knight. Dennoch glänzt Stegner bei den Veranstaltungen durch Abwesenheit - die Deutsche hat, ausgerechnet, ein wichtiges Shooting im Ausland.

Probleme hat der Veranstalter IMG nun auch mit dem Standort des Fashionzelts. Es hagelte Kritik, weil die Modewoche auf demselben Platz stattfindet, auf dem die Nationalsozialisten 1933 Bücher verbrannten. Nach der Modewoche wird in der Sache neu verhandelt. Vielleicht muss künftig ein anderer Ort für das weiße Zelt gefunden werden - ausgerechnet jetzt, da sich im dritten Jahr der Fashion Week der Schauenplan von 15 auf 30 Fashionshows verdoppelt hat.

Den Auftakt macht am Mittwochabend "Joop!" in der Nationalgalerie.Während sich Wolfgang Joop von Anfang an gegen Berlin entschied und seine neue Marke "Wunderkind" lieber in Paris präsentiert - zu "nahe" sei ihm die deutsche Hauptstadt, nölte der 65-Jährige zuletzt, ein starkes Label, das sich absetzt, sei zudem weit und breit nicht zu verorten - zeigen "Joop!" und "Boss" ihre Kollektionen in der deutschen Hauptstadt. Allerdings nicht im Zelt, sondern, wie es im Modefachjargon heißt, "offsite".

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