Fashion Week Berlin Vision contra Wirklichkeit

Paris, Mailand, New York: Seit Jahren kämpft Berlin darum, im Konzert der großen Modestädte seinen Platz zu finden. Das schien tatsächlich zu gelingen - doch ausgerechnet vor dem Start der sechsten Fashion Week gab es kleinkariertes Hickhack, Pech und Peinlichkeiten.
Von Antje Wewer

Berlin - Es schien geschafft. Ausgerechnet eine der wichtigsten Modekritikerinnen der Welt, die gefürchtete Suzy Menkes von der "International Herald Tribune", verlieh der Berliner Fashion Week im vergangenen Juli die höheren Weihen. Allein ihre Anwesenheit schien die Veranstaltung damals zu adeln - abgesehen von der Dichte des Terminplans und dem Bekanntheitsgrad der Designer geht es bei Modenschauen schließlich auch immer darum, wer in der "Front Row" sitzt.

Die Engländerin Menkes residierte also im Fashionzelt am Bebelplatz in der ersten Reihe, lobte die Newcomer und attestierte der Berliner Week anschließend eine "rohe Energie". Nach wirtschaftlich holpriger Anfängen, nach Jahren zähen Ringens um mediale Aufmerksamkeit und einer lähmenden Rezession zum Trotz schien die Modebranche der Hauptstadt endlich auf dem richtigen Weg. "Rohe Energie" - genau die Qualität, die Berlin im Konzert der Big Player besetzen könnte, denn eleganter, etablierter, wichtiger sind Paris, Mailand, New York und London ohnehin.

Doch Suzy Menkes verheißungsvollem Votum zum Trotz: Vor dem Start der sechsten Mercedes-Benz Week am Mittwoch herrscht in Berlin leichte Katerstimmung. Das liegt zum einen am Timing: Die Konkurrenz in Paris, wo zeitgleich die Herrenmodenschauen für die kommende Herbst/Winter-Saison laufen, ist erdrückend. Die wirklich wichtigen Einkäufer und Modekritiker der Szene, darunter auch Suzy Menkes, fahren diese Woche nicht nach Berlin, sondern nach Paris.

Joop! in der Nationalgalerie

Zudem hat die Fashion Week ihr Gesicht verloren: Überall in Berlin wird mit riesigen Plakaten geworben, auf denen das Topmodel Julia Stegner zu sehen ist, abgelichtet vom Starfotografen Nick Knight. Dennoch glänzt Stegner bei den Veranstaltungen durch Abwesenheit - die Deutsche hat, ausgerechnet, ein wichtiges Shooting im Ausland.

Probleme hat der Veranstalter IMG nun auch mit dem Standort des Fashionzelts. Es hagelte Kritik, weil die Modewoche auf demselben Platz stattfindet, auf dem die Nationalsozialisten 1933 Bücher verbrannten. Nach der Modewoche wird in der Sache neu verhandelt. Vielleicht muss künftig ein anderer Ort für das weiße Zelt gefunden werden - ausgerechnet jetzt, da sich im dritten Jahr der Fashion Week der Schauenplan von 15 auf 30 Fashionshows verdoppelt hat.

Den Auftakt macht am Mittwochabend "Joop!" in der Nationalgalerie.Während sich Wolfgang Joop von Anfang an gegen Berlin entschied und seine neue Marke "Wunderkind" lieber in Paris präsentiert - zu "nahe" sei ihm die deutsche Hauptstadt, nölte der 65-Jährige zuletzt, ein starkes Label, das sich absetzt, sei zudem weit und breit nicht zu verorten - zeigen "Joop!" und "Boss" ihre Kollektionen in der deutschen Hauptstadt. Allerdings nicht im Zelt, sondern, wie es im Modefachjargon heißt, "offsite".

Avantgarde versus Kommerz

Die in der Nationalgalerie präsentierte "Joop!"-Kollektion wird die letzte von Creative Director Dirk Schönberger sein, der es in den vergangenen zwei Jahren tatsächlich geschafft hatte, dem Label wieder Relevanz zu verschaffen. Jetzt verlässt er das Unternehmen und will sich demnächst einer eigenen Kollektion widmen. Mehr sagt er nicht, Interviews sind vor der Show nicht erwünscht - die Branche tratscht über die wirklichen Beweggründe. War Schönberger zu avantgardistisch für die konservative Holy-Group, zu der außerdem die Labels "Tommy Hilfinger", "Strellson" und "Windsor" gehören? Haben sich seine Kollektionen nicht gut genug verkauft? Es heißt, der "Joop!"-Stil soll in Zukunft weniger puristisch, dafür aber "glamouröser" und "sexy", also kommerzieller werden. Kein Impuls, der die Modeszene freut.

Am Donnerstag präsentiert dann Hugo Boss seine elegante Linie "Black" im "Hamburger Bahnhof". Wie immer wird vorab mehr über die Aftershow-Party und die zu erwartenden Stars spekuliert als über die Mode selber. Schließlich braucht die Weltmarke aus Metzingen keine Kosten zu scheuen, um Celebrities - bevorzugt solche, die als Werbeträger für das Label fungieren - aus der ganzen Welt einzufliegen.

Abgesehen von kommerziellen Marken wie "Schumacher", "Rena Lange" und "Strenesse" fehlen in Berlin zwar immer noch die internationalen Designer, dafür werden die Kreationen von jungen Labels wie "Penkov", "Mongrels in Common" und die erste Kollektion des ehemaligen "Chanel"-Models Stine Goya zu sehen sein.

Erst Michalsky, dann Spandau Ballett

Sein eigenes Ding macht dieses Mal Berlins Modezampano Michael Michalsky. Der Ex-Adidas-Mann hatte anfangs noch im Fashionzelt gezeigt. Nun veranstaltet er im Friedrichstadtpalast die "Michalsky Style Night" nach dem Überraschungsei-Prinzip: drei Fashionshows in einer Location.

Den Abend eröffnet das Berliner Erfolgslabel "Lala Berlin" mit neuen Strick- und Kaschmir-Kreationen. Anschließend zeigen "Kaviar Gauche" ihre Herbst- und Winterkollektion 2011 - zwei Designerlabels, die nicht nur tolle Mode machen, sondern auch gut verkaufen. Schade nur, dass jetzt beide Namen auf dem Schauenplan im Fashion-Zelt fehlen. Sie wären eine Bereicherung gewesen.

Last but not least - bevor Spandau Ballett live spielt - zeigt Michalsky selber im Friedrichstadtpalast. Der Designer ist sich übrigens sicher, dass die Hauptstadt auf dem richtigen Weg ist: "Ich glaube, Berlin wird irgendwann in einem Atemzug mit Mailand und Paris genannt werden. In fünf Jahren gehört Berlin zum Grand Slam der Fashion-Städte dazu." Der Mann hat Visionen, richtig so.

Schon jetzt davon zu sprechen, dass die deutsche Hauptstadt sich unter den großen Locations im Modegeschäft etabliert hat, wäre sicher verfrüht. Vielleicht passt dieses Wort auch gar nicht zu einer Stadt wie Berlin, wo die Nebenschauplätze schon immer interessanter waren als der Hauptakt.

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