Haute Couture Der Poet der Stoffe

Samt, Seide, Spitzen: Lyons Textilmuseum zeigt die Werkschau des französischen Edel-Couturiers Franck Sorbier. Die extravaganten Defilés des Magiers der Modekünstler sind Legende. Die Ausstellung zeigt das breite Spektrum seines Schaffens zwischen Avantgarde und Handwerkstradition.

Lyon - Der Weg beginnt schwarz. Im pulsierenden Licht, das langsam stärker wird, schimmern plötzlich Borten und Bordüren auf, Kleider, Pailletten, durchbrochene Linien bilden weibliche Silhouetten in verschwenderischer Vielfalt. Musik trägt den Besucher von Raum zu Raum, plötzlich entfalten sich Farben, Brokat, Silber, Gold, schimmernde Plaketten aneinandergereiht erscheinen wie der Panzer einer Rüstung, Uhr-Blätter bedecken Garderoben wie bei einem Gemälde Dalis. Schließlich gipfelt die Schau in einer Halle von gleißendem Crème, hochzeitlichem Weiß in allen Varianten.

Willkommen bei Franck Sorbier, 48, dem Magier der Pariser Modekünstler und seiner Rückschau auf zwanzig Jahre phantasievolles Schaffen für die "Haute Couture". Sorbier zählt zum kleinen, erlesenen Kreis der Pariser Top-Designer, denn nur elf Häuser dürfen sich mit diesem exklusiven Label schmücken. Dennoch ist er, verglichen mit den international bekannten Namen wie Dior, Chanel oder Givenchy, eher den Kennern der Branche ein Begriff.

Nach dem Studium an der renommierten Pariser Designschule "École supérieure des arts et techniques de la mode" machte Sorbier seine Anfänge für Traditionsfirmen wie Chantal Thomas und Thierrry Mugler, bevor er 1987 seine erste eigene Kollektion vorstellte. Bald wurde man in den USA und Japan auf das Nachwuchstalent aufmerksam, 1999 schaffte er es in die Riege der Couturiers.

Inszenierung in der Seidenstadt

Mit der Ausstellung zeigt die Stadt Lyon in seinem "Museum der Stoffe" nun einen repräsentativen Querschnitt auf die Werke Sorbiers. Im ersten Stock des Stadtpalais an der Rue de la Charité werden 170 Kreationen gezeigt, dazu Modelle, Entwürfe, Zeichnungen, Stoffmuster, Einladungskarten, Videos zeigen dazu Ausschnitte aus seinen extravaganten Defilés.

Der Ort passt zur Inszenierung seiner Mode. In der Stadt der Seide, des Samts, der Spitzen wurde schon 1850 - es begann gerade die Epoche der erfolgreichen Weltausstellungen -, die Idee geboren, zwischen Rhône und Saone die wichtigsten historischen Zeugnisse textiler Künste zu sichten, zu sammeln und auszustellen. Gegründet wurde das "Historische Museum für Stoffe" vor knapp 120 Jahren. Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden die Kollektionen in dem ehemaligen Sitz des Gouverneurs von Lyon einen grandiosen Rahmen.

Dort existiert heute eine international herausragende Übersicht auf 4500 Jahre Geschichte, repräsentiert in zwei Millionen Stücken: Koptische Teppiche, Gewebe aus der Zeit persischer Sassaniden oder byzantinischer Muslime, Stoffe chinesischer und japanischer Herkunft, Werke maurischer, italienischer oder französischer Weber bieten den roten Faden durch die historische Entwicklung von Orient und Okzident. Zu sehen sind Möbelstoffe und -Bezüge, textile Tapeten für das Königshaus, die Aristokratie und das reiche Bürgertum. Zudem hütet das Museum eine bemerkenswerte Kollektion von Kleidern und Gewändern.

Erbe handwerklicher Meisterschaft

Dennoch ist das Haus unweit vom Place Bellecour nicht in der Rückschau gefangen: Das Museum versteht sich auch als veritables Forschungszentrum und präsentiert seit mehr als 25 Jahren internationale Couturiers - wie jetzt Franck Sorbiers Werkschau unter dem Titel - "La couture Corps et Ame" (etwa: 'Schneidern mit Körper und Seele').

Hier wird sichtbar, warum Sorbier zu den Großen seiner Zunft gehört und dennoch eine Sonderrolle einnimmt: Die Unikate, oft entstanden in Zusammenarbeit mit seiner Frau Isabelle Tartiere, zieren Theaterbühnen ebenso wie den Laufsteg, haben aber nur wenig gemein mit jährlich wechselnden Modediktaten.

Sorbier versteht sich als Erbe handwerklicher Meisterschaft, er setzt auf die Mitarbeit anderer Spezialisten - Stiefelmacher, Sticker, die Hersteller von Bändern, Tüll und Posamenten. Und er sieht sich zugleich als Techniker, der mit gepressten Textilen experimentiert, der Stoffe zu Schichten übereinanderlegt; er nutzt exquisite Seiden, gefärbte Federn oder webt ein Macramé-Kleid aus knallig bunten Plastefäden (Scoubidous), aus denen man sonst Schlüsselanhänger knüpft. Sorbier fügt Krawattenschnipsel zu Patchwork-Mänteln, macht Anleihen bei ethnischen Vorbildern, wie etwa afrikanischen Baströcken und provoziert mit einem Regenmantel aus Plastiktüten für Mutter Theresa. Der Entwurf gehört zu einer Modellreihe, den Sorbier berühmten Frauen gewidmet hatte: Jede Idee - Stoff kreativer Träume.

Was Wunder, dass Sorbier auch für Bühnen und Showstars gearbeitet hat, sein Uhren-Kostüm schuf er 2008 für die eine Opern-Produktion von Jacques Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen", für Frankreichs Alt-Rocker Johnny Hallyday entwarf er vor zwei Jahren den Konzert-Outfit. "Der Eleganz Franck Sorbiers fehlt es nicht an Wagemut", formulieren die Kuratoren der Ausstellung über das Universum des textilen Künstlers und das klingt angesichts des schneidernden Übermuts eher noch wie eine Untertreibung.

Sorbier, der Poet der Stoffe, antwortet auf die Frage nach den Ursprüngen seines Ideenreichtums mit einer Gegenfrage: "Ist es nicht die Rolle eines großen Couturiers, ein Zauberer des Lebens zu sein?"

Meister-Mode: Franck Sorbiers zauberhafte Kreationen

Mehr lesen über

Verwandte Artikel

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.