Tisza Die Rückkehr der Ostblock-Kicker

Einst war Tisza Ungarns größter Turnschuhproduzent, doch nach der Wende geriet die Ostmarke in Vergessenheit. Jetzt lässt ein findiger Unternehmer sie wieder aufleben - bei Retrofans mit Erfolg.

Budapest - Wenn man einmal damit angefangen hat, kann man kaum noch aufhören - überall in Ungarns Hauptstadt Budapest sucht man nach dem T mit dem doppelten Mittelbalken: Auf der mondänen Andrassy Ut, in den hippen Cafés am List-Platz oder in den kleinen Läden auf der Király Utca.

Instinktiv schaut man den Menschen auf die Füße - besser gesagt auf die Schuhe. Und ständig wird man fündig, sieht Menschen, die die Turnschuhe mit besagtem T tragen.

Das T steht für Tisza - und es ist erstaunlich, dass es die Produkte des ehemals größten ungarischen Turnschuhherstellers überhaupt wieder gibt. Denn eigentlich war die Traditionsmarke schon tot, wurde von dem Schicksal ereilt, das viele Marken aus den ehemaligen Ostblockstaaten getroffen hat. Zu Sowjetzeiten die einzige Markenware, geriet sie in Vergessenheit, sobald der eiserne Vorhang gefallen war und es mit Adidas , Nike  und Co. plötzlich Alternativen gab.

Dabei waren die Tisza-Schlappen nicht irgendwelche Schuhe - ohne sie war Sport in Ungarn und auch in anderen Ländern des Ostblocks quasi nicht möglich. "Tisza hat damals keine Modeschuhe hergestellt, sondern alle Sportarten versorgt", sagt Laszlo Vidák von der Firma Clash Kft., die die Schuhe inzwischen wieder herstellt. Tisza (gesprochen: Tissa) habe Fußballschuhe genauso hergestellt wie Schuhe für das Fechten. "Tisza hat ganze Olympiamannschaften ausgestattet."

Tatsächlich produzierte Tisza damals zehn Millionen Schuhe im Jahr - bei insgesamt nur zehn Millionen Einwohnern im Land. Ein Drittel der Schuhe wurde ins sozialistische Ausland exportiert, denn die Qualität war gut - so gut, dass Anfang der siebziger Jahre Adidas  einen Teil seiner Produktion nach Ungarn verlegte und seine Schuhe in der gleichen Fabrik herstellen ließ.

"Jedem, wirklich jedem in Ungarn war Tisza ein Begriff - egal, wie alt man war, man trug die Marke", bestätigt auch Valeria Acs, die als Marketingmanagerin in Budapest arbeitet. Gereicht hat das trotzdem nicht, als mit der Wende 1989 plötzlich alles zu haben war. Als Autos, Elektrogeräte, Kleidung und selbst Lebensmittel aus dem Westen die Läden überschwemmten und die eigenen Marken grau und uninteressant erscheinen ließen.

"Mussten sie 30 Jahre lang tragen"

"Wir mussten sie 30 Jahre lang tragen"

"Westliche Marken wurden extrem populär, von einem Tag auf den anderen gab es keine Bestellungen mehr bei Tisza", sagt Vidák. Es habe auch keinen gestört, dass es die Schuhe nicht mehr gab. "Wir mussten sie schließlich 30 Jahre lang tragen."

Umso mehr überraschte es Vidàk, als ihm über zehn Jahre später in der Budapester Innenstadt ein junger Mann auffiel, der ein altes Paar Tisza-Turnschuhe trug. "In dem Moment hat mich eine unglaubliche Nostalgie erfasst. Plötzlich war die Erinnerung wieder da, wie ich als Kind Fußball gespielt oder Sport gemacht habe - in Tisza-Schuhen."

Doch neben der Nostalgie erwachte in Vidàk auch der Geschäftssinn: Denn der 37-Jährige war lange Jahre der Vertreter für die deutsche Schuhmarke Buffalo - die in Ungarn vor allem in den neunziger Jahren extrem populär war. Kein Wunder also, dass Vidàk die Schuhe nicht mehr aus dem Kopf gingen: "Für mich war dieser junge Mann der originellste und mutigste Trendsetter in Budapest. Er widersetzte sich dem Mainstream und traute sich, Schuhe tragen, mit denen er sich identifizierte - obwohl sie als alt und unmodern galten."

Zwei Jahre Verhandlungen

Außerdem war dem Jungmanager auf seinen Reisen der im Westen beginnende Retrolook aufgefallen - und er beschloss, dass auch für Tisza die richtige Zeit gekommen war. Die Zeit für Turnschuhe made in Hungary.

Doch was als Idee so einleuchtend klang, war nicht einfach umzusetzen: Zwei Jahre lang verhandelte Vidàk mit der Fabrik, die ihre Produktion inzwischen auf billigere Schuhe und Bekleidung umgestellt hatte und ständig an der Insolvenz vorbeischrammte. Vergeblich versuchte er, sie davon zu überzeugen, die Schuhe wieder auf den Markt zu bringen - man glaubte dort nicht an den Erfolg.

Deshalb kaufte Vidàk Tisza schließlich den Namen und die Markenrechte ab, sammelte in der Fabrik die letzten übriggebliebenen Modelle und die immer noch vorhandenen alten Leisten ein und ließ auf eigene Kosten einige Prototypen produzieren.

Foot Locker abblitzen lassen

Foot Locker abblitzen lassen

Und tatsächlich hatte Vidák den richtigen Riecher gehabt, die Nachfrage war da: Im Sommer 2003 eröffnete in der Károly Körút 1 - mitten im Stadtzentrum von Budapest - unter großem öffentlichen Interesse der erste Tisza-Laden der neuen Zeit. Zwei weitere Läden folgten in der Hauptstadt, inzwischen gibt es Geschäfte in allen größeren Städten Ungarns.

25.000 Schuhe im Jahr verkaufen Vidàk und sein Team mittlerweile - und das, obwohl man nur eine ganz bestimmte Zielgruppe ansprechen will. "Tisza ist ein Nischenprodukt", sagt Vidák. Man richte sich gezielt an stilbewusste, kreative und weltoffene Menschen, die eigene Akzente setzen und sich anders als der Mainstream kleiden wollen.

Deshalb bleiben die Kollektionen klein, die einzelnen Modelle limitiert - und selbstbewusst hat man bisher Angebote abgelehnt, im großen Stil ins Ausland zu verkaufen. Die amerikanische Sportkette Foot Locker hatte angefragt, die Schuhe ins Sortiment zu nehmen - doch Tisza winkte dankend ab. "Unsere Marke ist uns wichtig, wir wollen damit ein ganz bestimmtes Image transportieren - etwas, das mit Ungarn zu tun hat", erklärt Jordan die Absage.

Denn tatsächlich sind die Schuhe mit 70 Euro bis 90 Euro für ungarische Verhältnisse relativ teuer - das Durchschnittseinkommen liegt bei 600 Euro bis 800 Euro im Monat. Doch Tisza scheint es vielen Ungarn wert zu sein - was wohl daran liegt, dass die Schuhe auch jenseits ihrer Geschichte "typisch ungarisch" sind. Nicht nur, weil sie komplett im eigenen Land gefertigt werden.

Denn tatsächlich spielen die Designer in ihren Entwürfen mit klasschen ungarischen Motiven und Symbolen: Ob es der "Budapester Halbschuh" ist, der sich in den aktuellen Modellen wiederfindet oder klassische Handarbeitsmuster - die Schuhe scheinen den Nerv der Zeit getroffen zu haben. "Hier geht es nicht nur um einen Modetrend - es geht auch um Identität", beschreibt Mitarbeiter Jordan das Erfolgsgeheimnis. Die Schuhe seien etwas spezifisch Ungarisches - und das gebe dem kleinen Land Selbstvertrauen.

Entsprechend selbstbewusst gibt man sich auch für die Zukunft: Schon jetzt steht man in Verhandlungen mit Geschäftspartnern in den USA, Japan und Europa, hofft in den nächsten Jahren auf sogenannte Flagshipstores in Trendstädten wie Berlin, Kopenhagen oder Amsterdam. "Ich wünsche mir", sagt Tisza-Wiederentdecker Vidàk, dass wir mit den Turnschuhen dem Ausland ein Stück unserer Kultur und Geschichte transportieren, ein bisschen vom ungarischen Geist."

Zurück in die Zukunft: Budapests hippe Turnschuhe

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.