Sommermode Geradezu architektonisch

Lack, Vinyl, Nylon - oben weit und unten eng. Ist es der "erste wahre Look des neuen Jahrtausends"? In diesem Sommer zeigt sich die Mode elegant, klar und zurückhaltend. Üppige Dekors haben da nichts mehr zu suchen. Überall glänzt und schimmert es metallisch.

Frankfurt am Main/Berlin - Lange bediente sich die Mode vor allem bei Versatzstücken vergangener Epochen. Diese Saison blicken die Designer nach vorne: In den Kollektionen für Frühjahr und Sommer kommen neue, metallisch schimmernde Materialien zum Einsatz. "Futurismus" lautet das Schlagwort für die kommenden Monate - und es beschreibt Outfits mit leicht glänzenden Oberflächen in dezenten Farben. Dabei ist der Stil elegant, klar und zurückhaltend. Und die Modemacher beschwören eine neue Silhouette: Oben weit und unten eng kleiden sich Trendbewusste in der kommenden Saison.

Bestimmend sind kantige Schnitte, grafische Muster und geometrische Formen. Fachleute sehen in den Outfits der warmen Jahreszeit gar schon die Vorzeichen für "den ersten wahren Look des neuen Jahrtausends - den ersten 2000er-Look", so formuliert es das in Frankfurt erscheinende Fachblatt "Textilwirtschaft".

"Wir haben eine Phase üppiger Dekoration hinter uns. Jetzt ist die Mode wieder klarer und frischer und beruhigt bei Form und Farbe", lautet die Einschätzung von Elke Giese, Trendexpertin des Deutschen Modeinstituts in Berlin. "Der Blick in die Zukunft wird uns jetzt beschäftigen - die Designer suchen eine Form von heute und morgen."

Sachlichkeit, Purismus und Techno sind Schlagwörter, die in den Kollektionsberichten immer wieder auftauchen. Der Grund seien vor allem neue Materialien: Im Kommen sind glänzende Stoffe wie Vinyl, Lack und Nylon ebenso wie gewachste Leder und Denims.

Mit ihnen haben die Designer das zunächst paradox klingende Zusammenspiel von matten und gleichzeitig glänzenden Oberflächen verwirklicht. Die Wirkung, die das erzeugt, ist auf den ersten Blick kühl und distanziert. Aber auch Leichtigkeit und Natürlichkeit zaubern die neuen Stoffe auf die Oberflächen von Jacken und Hosen, Shirts und Blusen.

Die glamouröse Unaufgeregtheit

Die glamouröse Unaufgeregtheit

Beide Schlagworte bestimmen zum Beispiel den aktuellen Kollektionsbericht von Benetton. Der Trend sei unaufgeregt, aber edel und glamourös, so das Fazit der Designer in Ponzano (Italien). Von "technischen Nylons" und "Carbon-Look" sprechen die Herrenmode-Macher von Strellson in Kreuzlingen in der Schweiz.

"Neue Formen, neue Materialien, gerade geschnittene Jacken und Mäntel ohne Kragen" stellt Hennes & Mauritz im Sommer in den Vordergrund. Und die Designer von Boss haben laut Kollektionsbericht "die geraden und klaren Linien der Wolkenkratzer in Chicago" zu den aktuellen Schnitten inspiriert. Niedergeschlagen hat sich das zum Beispiel in engen, körperbetonten Anzügen.

Während die Materialien also sommerliche Leichtigkeit verbreiten sollen, vermittelt die klare Linienführung noch einen anderen Eindruck: "Mich erinnert das daran, was man sich vor Jahrzehnten immer als Raumschiffkleidung vorgestellt hat", sagt Georg Stiels, Image Consultant aus München. Er hat "geradezu architektonische Formen" und Markanz auf den Laufstegen beobachtet. Tragen können das vor allem jene, die körperbetonte Kleidung bevorzugen. Denn obenherum wird es länger und weiter.

Ein prominenter Look bei Frauen sind zum Beispiel XL-Pullis zu Leggings oder Kleider, bei denen mit Gürteln die Taille betont wird, sagt Wolfgang May von der Gesellschaft Igedo in Düsseldorf, die Modemessen wie die CPD veranstaltet. Und wer gehofft hatte, sich nie wieder eine Jeans im Liegen anziehen zu müssen, wird diese Saison enttäuscht werden: Ohne die knallenge Röhrenform geht für ganz Modebewusste in den kommenden Monaten nichts - das gilt für Frauen wie für Männer.

Popstar-Vorbilder für die Männermode

"Das Verspielte, Verrüschte, Folkloristische - das ist jetzt alles Igittigitt", sagte Elke Giese. Die Frauen zeigen Bein, aber nicht mehr Bauch - deshalb wird der Minirock zu einem wichtigen Kleidungsstück. "Markant ist die Veränderung des Volumens", so beschreibt es Georg Stiels. "Entweder sind die Oberteile kurz, und untenherum ist die Kleidung sehr weit. Oder die Oberteile sind superweit und lang - und dazu werden dann ganz schmale Hosen getragen."

Modebewusste Männer können sich nach Worten von Wolfgang May für den neuen Look an Popstar Justin Timberlake orientieren. "Der tritt mit smarten Anzügen und schmalen Krawatten auf." Mit Hemd und Hose mit enger Fußweite lassen sich auch zwei andere wichtige Kleidungsstücke der Saison kombinieren: "Cardigan und Weste sind ein wichtiges Thema", sagt Strellson Chefdesigner Marco Tomasi. Auch H&M und Marc O'Polo aus München haben solche Teile im Programm.

Bei den Farben dominieren den Experten zufolge Schwarz, Sandtöne und hier und da ein wenig Gold. Zudem gebe es eine Renaissance des Royalblau, sagt Georg Stiels. Bei den Herren stechen Sandtöne und Beige hervor - "die wichtigsten Farben sind aber Grau und Blau".

Angesagt sind wie im Sommer üblich auch Hosen und Oberteile in strahlendem Weiß - gerade in dieser Saison passt das ins Bild, denn Helles betont die Körperformen zusätzlich. Und ein Kleidungsstück erlebt dabei nach Worten von Georg Stiels ein Comeback: "Absolut im Trend ist die weiße Jeans."

Thorsten Wiese, dpa

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