Krawatten Verpönte Binder

Ist die Krawatte "out"? Tatsache ist, dass sich immer mehr Männer gegen die Schlinge um den Hals entscheiden. Innerhalb der vergangenen Dekade hat sich der Schlips-Absatz halbiert. Modeexperten sagen dem Accessoire dennoch eine rosige Zukunft voraus.

Berlin - "Ein Mann ist soviel wert wie seine Krawatte", gab der Romancier Honoré de Balzac einmal zu bedenken. So gesehen ist es heute um die Herrenwelt nicht gut bestellt, denn immer häufiger wird das auf den ersten Blick nutzlose, schmale Stoffband nicht mehr um den Hals, sondern an den Nagel gehängt.

Die Anhänger des einzigen Schmuckelements der Herrenbekleidung schlagen Alarm: Innerhalb der vergangenen zehn Jahren hat sich der Schlips-Absatz in Deutschland halbiert. Nur noch etwa zehn Millionen Krawatten wurden 2004 nach Branchenangaben verkauft. "Doch die Krawatte ist noch lange nicht tot", sagt Gerd Müller-Thomkins, Geschäftsführer des Deutschen Mode-Instituts in Köln.

Spötter haben es ja immer gewusst: Krawatten sind nicht nur völlig unnütz, sondern auch ständig im Weg - beim Hände waschen oder Suppe essen zum Beispiel. Zu eng getragen, kann der Schlips gar - wie medizinische Studien belegen - Sauerstoffmangel im Gehirn und Augenerkrankungen auslösen. Viele assoziieren die Krawatte außerdem mit Steifigkeit und Konventionalität, weiß Müller-Thomkins zu berichten.

Rot sticht: BMW-Chef Helmut Panke

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Hat gelegentlich ein Faible für auffallende Krawatten: Finanzminister Hans Eichel

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Es geht aufwärts - zumindest den Streifen nach: Bundeskanzler Gerhard Schröder

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DFB-Chef mit dezenten Farben: Gerhard Mayer-Vorfelder

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Trägt viele Farben: TV-Moderator Günther Jauch

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Immerhin nicht Oranjefarben: Fußball-Experte Günter Netzer

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Welche Farben angesagt sind


Parade einiger Krawattenträger:
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Doch der Modeexperte lässt keinen Zweifel: "Die Krawatte ist ein unverzichtbares Requisit im männlichen Modeuniversum." Zwar werde sie nicht mehr so massenhaft gekauft wie früher, aber gerade der "selektive Griff" zum Schlips steigere seinen Stellenwert. "Da, wo die Krawatte getragen wird, erfreut sie sich besonderer Aufmerksamkeit, weil sie eben nichts Schnödes und Alltägliches mehr ist."

Erste Spuren des Accessoires reichen zurück ins alte Ägypten. Der Siegeszug des modernen Schlipses aber begann der Überlieferung nach 1660 mit einem Triumphzug kroatischer Söldner durch Paris. Ihre reich verzierten, am Kragen gebundenen Halstücher ("hravatska") begeisterten den modebewussten Sonnenkönig Ludwig XIV. dermaßen, dass er sie gleich bei Hofe einführte. Der Halsschmuck wurde in der Folge in ganz Europa populär und entwickelte sich zum heutigen Langbinder weiter.



"Zopf des Spießertums"

Rückschläge und überraschende Mode-Wendungen gab es seitdem immer wieder. In den 20ern machten androgyne Frauen den Männern ihr Schmuckstück streitig. Die "68er" denunzierten die Krawatte als "Zopf des Spießertums". Später gehörte sie wieder zum guten Ton, um dann in der krawattenlosen New-Economy-Zeit der 90er erneut ausgemustert zu werden.

"Heute ist die Krawatte wieder ein wirkliches Schmuckelement und wird mit Stolz getragen", sagt Müller-Thomkins. Bewusster denn je werde sie gewählt, als Zeichen von Ästhetik, Seriosität oder Verantwortung, aber auch als Ausweis für Befindlichkeit, Stimmung und Lebensstil des Trägers. So seien die in letzter Zeit trendigen vielfarbig gestreiften Schlipse ein Ausdruck von Optimismus. Auch die angesagten Pastellfarben strahlten etwas Leichtes, Positives aus.

Leider sei eben nur jeder vierte Mann durch Alter oder Beruf ein potenzieller Krawattenträger, erläutert Friedrich Peschen, Chef der Fachvereinigung Krawatten- und Schalindustrie in Krefeld. Und jeder aus dieser Gruppe lege sich nur einmal im Jahr einen neuen Schlips zu, zu den vier bis sechs Modellen, die er schon besitzt.

"Von diesen trägt er aber nur seine zwei bis drei Lieblingsstücke", betont Peschen. Eigentlich ist die Krise der Krawatte aber gar nicht männerverschuldet. Denn zwei von drei Langbindern werden von Frauen gekauft.

Krawatten-Lobbyist Peschen lässt sich aber nicht beirren: "Die Krawatte kommt genauso wenig aus der Mode wie die Jeans, da gibt es immer Schwankungen." "Die Krawatte ist schon oft totgesagt worden", gibt sich auch Müller-Thomkins gelassen. Schließlich weiß ja jeder: Totgesagte leben länger.

Jan Staiger, DDP

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